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Tanztheatertage setzen mit Ravels „Bolero“ grandiosen Schlusspunkt

Finale Furioso

HAMELN. Es war das erhoffte Finale, das einem noch lange in Erinnerung bleiben wird. Die 10. Hamelner Tanztheatertage zu unvergesslichen macht. Ein Abend, wie er nur selten so konsequent, so durchkomponiert – auch sinnlich geboten wird.

veröffentlicht am 29.03.2019 um 13:16 Uhr
aktualisiert am 02.04.2019 um 10:15 Uhr

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Autor

Richard Peter Reporter

Ein Faszinosum eigener Art schon die Bauhaus-Reminiszenz zum 100. Geburtstag mit Mary Wigmanns bedeutendster Choreografie „Die Feier“ – und damals, bei der Uraufführung 1927 nichts weniger als eine Revolution und radikale Erneuerung.

Tanz neu gesehen, neu – und so ganz anders – erlebbar gemacht. Und auch jetzt noch, fast hundert Jahre später, faszinierend. Ein ritueller Aufzug – der ein bisschen noch an Tschaikowskis „weiße Schwäne“ erinnert die sich ebenfalls aus der letzten Gasse kommend in Serpentinen zur Rampe bewegen – und doch so ganz anders. Religiöse Feier zelebriert, in Seitensicht und so an Figuren ägyptischer Tempel erinnert. Und Novum – auch heute noch: Tänzer, die mit Gong, Tamburin, Trommeln bis zu Triangel sich selbst begleiten, rhythmisieren. Percussive Musik zu faszinierenden Kostümen, die sich mit ritualen Tänzen zu einer Art Gesamtkunstwerk verbinden. Die eigentliche Grundidee des Bauhauses, verschiedene Künste und Handwerk zusammen zu führen. Eine Art Kunstwelt und Welt in Kunst gebettet.

Und anders als Debussys „Prélude à l’après midi d’un faune“ im Palais Garnier, der alten Pariser Oper, als das Nijinsky-Skandalstück vor Jahren schon nachempfunden wurde – alles andere als verstaubt. Die Wigmann-Adaption durch die Dance Company Theater Osnabrück auf unserer Bühne ist noch immer aktuell und die dritte Monotonie, das grandiose Solo, das sich Mary Wigmann als ekstatische „Drehmonotonie“ selbst vorbehalten hat, von Cristina Commisso virtuos zu neuem Leben erweckt. „Tempeltänze“, „Im Zeichen des Dunklen“ und „Festlicher Ausklang“- drei Teile, die Wigmanns Choreografie so authentisch wie möglich nachzeichnen.

Neu erlebbar machen. „Handman“, eine Choreografie von Edward Clug, die er mit der Musik von Milko Lazar für das Nederlands Dans Theater 2, das so oft schon auf unserer Bühne zu Gast war, realisierte. So ein bisschen Vorspiel zum „Bolero“ zum Klang von Klavier und Trommeln mit ähnlichen Steigerungen, die allerdings immer wieder abgebrochen, ausgesetzt werden. Perfekte Körperbeherrschung, die allerdings bei aller tänzerischen Fantasie irgendwie auch beliebig bleibt. Sich selbst genügt.

Dann grandioser Einstieg in Ravels „Bolero“ mit Zitaten aus den Wigmann- und Clug-Choreografien mit den prägnanten Percussion-Einsätzen – und auch hier wurde eine ungewöhnliche Einheit hergestellt. Dennoch fast wie eine Erlösung: Ravels so verdichtetes Perpetuum Mobile, das sich steigert um immer neue Instrumente bereichert.

Dieses so einzigartige, um die 18 Mal wiederkehrende Motiv, das in einem euphorischen Schlusspunkt gipfelt. Was die Choreografie von Osnabrücks Ballettchef Mauro de Candia auszeichnet, so außergewöhnlich macht: sie nimmt die Musik auf, visualisiert sie, setzt sie perfekt in Bewegung um.

Das Zwingende dieses „Bolero“, ähnlich zwingend getanzt – und damit atemlos spannend. Der dominante Marschrhythmus so stringent, wie die vielen kleine Rhythmuswechsel, fast ziselierte Gestik oder langgezogene Schlittschuhschritte.

Fantasievolle Brüche, wenn geschlossene Formationen individuell aufgelöst werden. Das ist – anders als in der Bauhaus-Feier – aber in ihrem Geist: konsequent einfach in einer Vielfalt, die immer wieder überrascht. Und mit seiner Brillanz rückwirkend alles glänzen lässt. Ein tolles Ensemble, das schon vor einem Jahr mit seiner eigenwilligen, aber überzeugenden „Schwanensee“-Interpretation von Mauro de Candia für Furore sorgte.

Vor allem aber „Boleo“ – ein sensationeller Tanzabend. Schlicht beglückend – weil hier nicht nur perfekte Körperbeherrschung vorgeführt wurde. Den Osnabrückern ist es auch gelungen, den weiten Bogen zwischen Bauhaus und Moderne zu schlagen. Ein unvergessliches Erlebnis.




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