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Cremer und Bellmann zeigen es

Freundschaft hat viele Facetten

HAMELN. Gilla Cremer war mit dem Generalthema „Freundschaft“ zu Gast auf der Hamelner Bühne, auf der sie sich schon längst eine Art Heimatrecht erspielt hat.

veröffentlicht am 23.09.2018 um 18:26 Uhr
aktualisiert am 23.09.2018 um 22:40 Uhr

Gilla Cremer erzählt in „#Freundschaft“ Geschichten, die von Vertrauen, Freude und Trost handeln wie auch von Enttäuschung, Missgunst und Verrat. Fast immer beginnen sie mit der Sehnsucht nach inniger Verbundenheit. Foto:: Arno Declair
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Autor

Richard Peter Reporter
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Es beginnt ein bisschen gaga und dada-ähnlich, als wär’s ein Gedicht von Hugo Ball – und ist doch nur die Geheimsprache zweier bester Freundinnen mit einem knappen Dutzend Jahre auf dem Buckel. Ruth und „Niwea“, die so heißt, weil sie immer ein kleines Döschen Nivea bei sich hat, mit der sie ihre empfindliche Haut krisenfest cremt. Mit Ruth alias Gilla Cremer auf der Bühne: Knut, weil sich das so schön mit Ruth ergänzt, wie sich auch Gilla perfekt mit Gerd vereint – also Gerd Bellmann am Klavier. So viele Freundschaften wie Menschen. Von der wahren Freundschaft geht es über die Lustfreundschaft und Nutzenfreundschaft zum musikalischen Ohrwurm „Ein Freund, ein guter Freund“. Und vorgeführt: Ein Lebenslauf in Freundschaften mit einem liebenswerten Duo, zu dem sich noch Britta gesellt.

Grundsätzliches: Freunde, wirkliche, die sich auf maximal drei bis vier beschränken, und etwa 15 „recht gute“ hochgerechnet. Allerdings: die erste, Susanne, eine Enttäuschung, weil die gnadenlos zu Erika wechselt, deren Eltern sich Ponys halten. Ruth drei Wochen mit ungeklärtem Fieber im Bett und der Erkenntnis, dass das Leben sowohl ein Ponyhof als auch keiner ist. Eine beliebte Steigerung: Freundin – Busenfreundin – Todfeindin. Und die Variante: „Feind – Todfeind – Parteifreund.“ Dann ein musikalischer Bruch: Niwea hört Chansons von Brel, Ruth eher Pink Floyd. In der 11. Klasse gesellt sich Britta zum eingeschworenen Duo und wird schillernd „im Bunde die Dritte“ – und Knut als viertes Rad am Wagen, in den jede einmal verliebt ist.

Das so unterschiedliche Quartett verbringt drei Wochen auf Borkum in der Nordsee, um sich aufs Abi vorzubereiten. Stockbetten und das Meer als Lebensschule. Niwea stürzt sich auf Philosophie, Britta auf die Medizin, und Ruth geht als Au-pair ein Jahr lang nach Texas und überlebt, weil sie sich aus ihrem „texanischen Kellerloch herausfaxt“.

Ruths Papa feiert 75. Geburtstag. „Mir fehlt ein bester Freund“, klagt er. Mama stellt gnadenlos fest: „Wer die Zähne verliert, verliert die Freunde“.

Drei Höhepunkte: der 30. Geburtstag von Niwea in der philosophischen Fakultät und der Vortrag „Freundschaftsbegriff in der Romantik“ gerade noch in „Wildes Verkleidungsfest“ geändert mit Britta als Zeremonienmeisterin im Seeschlangen-Kostüm – Schopenhauers Seeschlange. Schauspielerische Glanzleistung: Niweas Umzug von Tübingen als Professorin nach Freiburg und 91 Bücherkisten ohne Lift in den fünften Stock. Dann Brittas Hochzeit mit einem Arzt-Kollegen, eine Art George Clooney mit „Schöner-Wohnen-Tempel“. Der Traummann geht fremd. Die Freundinnen in Hochform und das Bett aus Massivholz geschreddert am Bürgersteig.

Brillant Ruths Planung zum 50. Geburtstag. Liste 1 zählt 67 Gäste, wird auf 26 zusammengestrichen. Dann Absagen: A will nicht kommen, wenn B da ist, CH will die neue Flamme mitbringen, eine Freundin fragt nach einer Mitfahrgelegenheit und will bei Ruth übernachten und eventuell länger bleiben. Brüderchen möchte die Kinder mitbringen. Chaos pur.

Zu Brittas 60. Geburtstag trifft sich das Quartett wieder auf Borkum. Nur Knut darf nach ehefraulichem Veto nicht mit. Brillant die Lachorgie samt Lachkollapps. Ruth arbeitet an einem tollen Theaterprojekt, das in der Wüste entsteht und in Wien ein großer Erfolg wird. Dann ist Niwea, die noch ein Buch „Verzettelte Freundschaft“ herausgebracht hat, tot. Gilla Cremer führt in der Regie von Dominik Günther vor, wie man tapfer sentimental werden kann.




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