weather-image
23°

Hamelner Tanztheatertage mit Neuinterpretationen von „Boléro“ und „Carmen“

Gefrorene Sinnlichkeit

HAMELN. „Ich habe nur ein einziges Meisterwerk komponiert – den Boléro. Leider völlig ohne Musik“. Doch genau dieser Boléro, den Maurice Ravel so geistreich einordnet, wurde mit seinen unablässigen Wiederholungen zum Inbegriff für Erotik. In ihrer Choreografie mit der MM Contemporary Dance Company aus Reggio Emilia erweitert Michele Merola die Gleichförmigkeit der musikalischen Steigerung durch minimalistische Drumbeats, die in ihrer Penetranz und fast kargen Strenge – ähnlich der Choreografie – kaum Gefühle zulässt.

veröffentlicht am 24.03.2019 um 20:20 Uhr

Tanz mit Fächer: ein Ausschnitt aus „Carmen“ in der Choreografie von Emanuele Soavi. Foto: wfx
pe

Autor

Richard Peter Reporter
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Technische Brillanz, der so ziemlich alles fehlt, was den „Boléro“ sonst so erotisch, sinnlich empfinden lässt.

Zwei Männer – sichtlich ein Paar in immer komplexeren Figuren, die durch ihre anspruchsvolle Technik kaum Nähe erlauben. Auch als Trio in erster Linie tänzerische Perfektion bieten – aber mit einer flexiblen Wand, die sich verschieben, einrollen oder querstellen lässt, ein spielerisches Element – auch für verschiedene Auftritte – bietet. Erst mit Ravels treibender, um immer neue Instrumente bereicherte Musik und dem siebenköpfigen Ensemble entstehen Beziehungen, die zuletzt fast ekstatisch einem Höhepunkt zusteuern, der sich mit frenetischem Applaus des ausverkauften Hauses aus der Spannung löst.

Ganz anders „Carmen“ von Emanuele Soavi mit einer Geschichte und Figuren, die den meisten vertraut sind. Eine tragische ménage-à-trois‘ – Don José, unsterblich Carmen ausgeliefert und der Torero-Star Escamillo. Auch hier die Musik gekonnt verwoben, reizvoll arrangiert mit den berühmten Melodien von Carmens „Habanera“, Zitaten aus den Suiten und immer wieder der dramatischen Einleitung zum Showdown, wenn José Carmen ermordet. Dazwischen folkloristische Einschübe, wie das berühmte „Besame Mucho“ und italienische Klänge mit spanischen gemischt. Hier haben die getanzten Figuren nicht nur Namen – auch eine klare Funktion, die Emanuele Soavi reizvoll bedient. Allerdings das Drama aus dem Geist der Opera Comique – wie es auch Bizet gesehen hat – entwickelt.

Schon der Beginn – Don José vor dem Vorhang mit einer Pantomime, die sich lustig macht und dank seinem komödiantischen Talent auch schlichtes Po-Wackeln zu einer amüsanten Nummer werden lässt. In Escamillo einen eitlen Lokalmatador sieht, der sich aufspielt, ein Hähnchen auf dem Misthaufen. Schließlich Carmen, zuletzt im knallroten Kleid, deren Liebe allemal „bunte Flügel“ besitzt. Eine immer wieder satirisch gebrochene Geschichte – auch sie brillant getanzt. Wobei auch hier zunehmend die Gefahr besteht, dass sich Tanz immer mehr zum abstrakten Selbstzweck entwickelt – zur reinen Akrobatik mit kunstvollen Figuren und raffinierten Verschlingungen. So bewundernswert – auch begeisternd – die Körperbeherrschung: die Unterschiede zu olympischen Disziplinen schrumpfen. Beides große Leistungen – auch wenn ich vom Theater, auch vom Tanz – mehr erwarte. Sprechtechnik ist noch kein Stück.

Dass die Compagnie aus einer der genussreichsten Regionen – vom Parmaschinken über Parmesan bis zum Balsamico stammt, wo ein Verdi seine schönsten Opern schrieb – ist dennoch immer wieder spürbar. Auch der Spaß am Tanz gepaart mit Perfektion – allerdings der Gefahr, das zu verlieren, was einen Boléro musikalisch so einzigartig macht und eine Carmen zum Inbegriff erotischer Verführung. Das Zeug dazu haben sie von Paolo Lauri über Fabiana Lonardo, Giovanni Napoli, Nicola Stasi, Cosmo Sancilio, Gloria Tombini bis zu Lorenza Vicidomini.

Ein begeisternder Tanzabend, bei dem die Gänsehaut allerdings manchmal aus der Kälte kommt – und nicht aus Italien.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare