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Monooper „Das Tagebuch der Anne Frank“ feierte im TAB Premiere

Gesang aus dem Hinterhaus

HAMELN. Was mich – auch in der Erinnerung noch – an Anne Frank so berührt: die Normalität im zutiefst Unnormalen. Zwei Familien und ein Zahnarzt zusammengepfercht auf dem Dachboden eines Amsterdamer Hinterhauses. 25 Monate im Versteck, gezwungen leise zu sein, auf Geräusche zu achten – immer in der Angst entdeckt zu werden und die Todeslager der Nazis als Menetekel.

veröffentlicht am 12.03.2018 um 15:39 Uhr

Anne Frank, dargestellt von Meike Hartmann, ist zwar zur Symbolfigur für das Leiden des jüdischen Volkes geworden – aber im Kern ein ebenso liebenswertes wie hochbegabtes Mädchen mit Träumen und Zukunftsplänen. Foto: Thomas Barthol
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Autor

Richard Peter Reporter

Anne beginnt ihr Tagebuch zwei Tage nach ihrem 13. Geburtstag. Empfindet das Leben im Hinterhaus zunächst als Abenteuer. In Briefen an eine erfundene Freundin Kitty beschreibt sie ihr Hinterhaus-Leben.

Nicht zwingend eine Vorlage für eine Oper, auch wenn der russische Komponist Grigori Frid, als er 1966 Annes Tgebuch gelesen hatte, spontan an einem Libretto zu Arbeiten begann und bereits die erste Szene in Noten setzte. Seine Monooper beginnt mit Miep Gies, eine der selbstlosen Helferinnen der Familien, die Annes Aufzeichnungen sammelt, sich auf der Bühne fast unmerklich in Anne verwandelt.

Auch eine Monooper lebt von der Dramatik des Stoffs – nicht von der Stille einer Hinterhaus-Gemeinschaft. Und allemal gewöhnungsbedürftig, hier die sensiblen Gedanken eines Mädchens an ein Tagebuch in einer Art dramatischen Sprechgesangs vermittelt zu bekommen. Und doch fasziniert die konsequente Form – so künstlich-kunstvoll sie auch ist. Nimmt einen – zumindest über weite Strecken – gefangen. Viele Passagen erinnern an die Tonsprache Janaceks und seine dem Sprachgestus abgelauschte Notenschrift.

Das Künstliche gesungener Texte wird hier besonders deutlich, weil es immer auch im Gegensatz zu den Situationen steht. Beeindruckend allerdings die lyrischen Stellen, wenn Anne verliebt ist – oder die komödiantischen Passagen, in denen sie das befreundete Ehepaar und deren Streit karikiert.

Anne, dieser kapriziöse Kobold, der über so viel Fantasie verfügt, ihre Umgebung so genau beobachtet und sich mit ihrem Schicksal arrangiert, ist zwar zur Symbolfigur für das Leiden des jüdischen Volkes geworden – aber im Kern ein ebenso liebenswertes wie hochbegabtes Mädchen mit Träumen und Zukunftsplänen und die Erinnerung an früher, an „das gewöhnliche Leben“.

Die Anne der Monooper ist eine anders faszinierende Figur auch durch ihre Darstellerin, Meike Hartmann, die zusammen mit dem Pianisten Sergei Kiselev am Sonntag im TAB unseres Theaters erfolgreich Premiere feiern konnte. denn das Stück, ursprünglich von Thomas Barthol für das Landestheater Linz inszeniert, ist nun als Koproduktion im Theater Hameln und dem Theater für Niedersachsen in Hildesheim neu umgesetzt worden.

Ein Welterfolg - in über 55 Sprachen übersetzt, dramatisiert, verfilmt und jetzt auch als Monooper ein Erlebnis. Weil dieses kleine Mädchen mit ihrem Tagebuch einfach unvergänglich ist. Auf eine Tafel gemalt die Wege der Hinterhaus-Gemeinschaft in die Todeslager. Und auch Hameln als ein Punkt auf der imaginären Landkarte.




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