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Die Welt satirisch geradegerückt

Hagen Rether: „Warum ist das so?“

HAMELN. Bei aller „Liebe“ und die angehängte 7 nur als Seriennummer – Hagen Rether schafft es, was die Zeit betrifft, im so gut wie ausverkauften Hamelner Theater, locker mit Wagners „Götterdämmerung“ zu konkurrieren. Scheinbar harmloses Geplauder in der Endlosschleife.

veröffentlicht am 07.10.2018 um 18:39 Uhr

Wenn Hagen Rether ins Plaudern kommt, benötigen die Zuhörer Sitzfleisch – und die volle Aufmerksamkeit, um keine der zahlreichen wohlformulierten satirischen Nadelstiche zu verpassen. Fotos (4): geb
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Autor

Richard Peter Reporter
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Onkel Hagen wieder einmal gut drauf – und die verquaste Welt satirisch geradegerückt und dem täglichen Wahnsinn verbal Paroli geboten. Und sei es nur bei der Headline „Wolf frisst Schaf“. Auch die Nachricht vom Insektensterben nach Dauereinsatz von Insektiziden: großes Staunen, dass die plötzlich fehlen, und Rätselraten, „wie das passieren konnte“.

Hagen Rether locker entspannt in seinem Drehstuhl, aber immer wieder auch verzweifelt fragend: „Warum ist das so?“ Und was die Flüchtlinge betrifft und das C der Parteien, das ja für christlich steht, und eine Bundeskanzlerin mit ihrem „Wir schaffen das“, die nach Rether allerdings erstaunt feststellen muss: „Was hab ich für ein bräsiges Volk am Arsch?“ Apropos: Zu Trump fällt ihm ein, dass wir „Bush mal schlimm gefunden haben“. Grenzenloses Erstaunen über die Begrenzung, dass Flüchtlinge an das Land ihrer Erstaufnahme gebunden sind. Wie konnten Griechenland, Italien und Spanien bei „Dublin 2“ nur zustimmen? Und Rether prophezeit, dass wir uns darauf einrichten sollten, klimabedingt rund 15 Millionen Holländer aufzunehmen. Umgekehrt erinnert er, dass fast unbemerkt und lautlos rund 300 000 Flüchtlinge locker integriert wurden, Steuern und Sozialabgaben zahlen – während die Bayern die paar Grenzgänger zum Problem stilisieren. Und wieder gefragt: „Warum ist das so?“

Natürlich Gauland, der gerne stolz bekennt, auf nichts eine Antwort zu wissen, und dafür als Realpolitiker gilt. Ein eindrückliches Bild nachgeschoben, wie der AfD-Häuptling, auch nicht mehr der Jüngste, im Altersheim von einem Syrer gefüttert wird. Ein Thema neben hundert anderen – auch das: sozial schwach, das oft nur ökonomisch schwach bedeutet, während die beliebte Vokabel eher auf Reiche anzuwenden wäre. Vor allem aber: unser Fleischkonsum mit „Grillmeister“ als Ehrentitel. Billigflüge und immer noch keine Steuern auf Kerosin. Und Fleisch, deren Produktion die Umwelt belastet – billiger als Gemüse. Und das hohe Lied aufs Vegane gesungen. Wer würde noch Milch trinken, wenn er die Turbo-Euter der Kühe vor Augen hätte. Und immer wieder so Selbstverständlichkeiten, die als Neuigkeiten gehandelt werden, wie „Geheimdienste, die sich gegenseitig bespitzeln“. Und genauso „nebbich“, dass in der Bundeswehr auch Neo-Nazis dienen. Und so am Rande: „Wenn wir wüssten, was wir brauchen, würden wir nicht so viel kaufen“.

Ein besonders hübscher Gedanke zu den unsäglichen Polizeieinsätzen bei den Bundesliga-Spielen. Wenn sich jeweils die Hälfte der Hooligans und Chaoten die Köpfe einschlügen, wären die Spiele in rund fünf Wochen auch ohne Uniformierte zu gestalten. Was wir heute im Internet erleben, so Rether, sei der wahrgewordene Traum eines DDR-Mielke, der sich noch mit Karteikärtchen behelfen musste – was heute global ganz freiwillig und digital geleistet wird.

Unsere Bauern, so Rether, als Auftragskiller der Pharmaindustrie und Konsumenten, dafür „Veganer als wandelnde Vernunft“ – und generell konstatiert: „Viel dümmer geht’s nicht.“ Immer wieder unsere schrägen Ethik-Begriffe vorgeführt, die Sodomie verbieten, weil der Partner nicht gefragt werden kann, aber fraglos geköpft werden darf. Und wer weiß schon, dass es mehr Männer, die Thomas heißen, in den Unternehmensvorständen gibt als Frauen? Übrigens: Vergewaltigungen eben auch im Nobel-Fokus, noch einmal die Kölner Silvesternacht zitiert und gekalauert: dass diesmal überraschend die Übergriffe vor und nicht in der Kirche stattgefunden haben.

Unendlich viele Themen – und am Schluss virtuos das Klavier, auch mit Johann Sebaldrian Bach traktiert. Da klapperten aber schon die Türen. Vermutlich aus Angst vor der virtuellen Geisterstunde.




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