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Blackberry Smoke führen den Southern Rock in die Gegenwart

Knietief in den Siebzigern

HANNOVER. Der Fan des Southern Rock der Siebzigerjahre hatte in letzter Zeit oft einen Grund zu trauern. Lynyrd Skynyrd standen irgendwann ohne Originalmitglieder da, bei den Allman Brothers starb kürzlich Mastermind Gregg Allman. In den 1990ern versprachen die Black Crowes Trost, bis sich die Robinson-Brüder zerstritten. Seit mehr als eineinhalb Dekaden aber gibt es eine Band, die ein Licht am Ende des Tunnels entzündet hat, und seit ein paar Jahren scheint dieses Licht aus den Staaten immer heller nach Deutschland herüber.

veröffentlicht am 22.10.2018 um 16:38 Uhr

Blackberry Smoke Sänger, Gitarrist und Songschreiber Charlie Starr. Foto: jed
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Autor

Martin Jedicke Reporter

Immerhin 900 Leute wollen deshalb am Sonntagabend Blackberry Smoke im Capitol sehen. Überwiegend Männer, die sich wohl eher von Southern Rock angesprochen fühlen und den traditionell langhaarigen, bärtigen oder Hut tragenden Musikern an Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards zuprosten. Ihnen steht der Sänger, Gitarrist und Songschreiber Charlie Starr vor, der vorrangig für Songs zuständig ist, die nicht ganz so jazzig dahinfließen wie bei den Allmans, dafür aber mit kernigen Riffs und mehrstimmigen Chorsätzen aufwarten. Dazu klimpert mitunter ein Klavier wie aus einem Saloon herüber.

Obwohl die Männer aus Atlanta/Georgia auf ihren Platten sogar Gospel und fast puren Country einbauen, schreiten sie auch in ihrer fast zweistündigen Show ein weites Feld ab. „One Horse Town“ und „Ain’t Got the Blues“ sind wunderbar melodiöse Americana-Perlen Marke Jayhawks und laden sofort zum Mitsingen ein. „Pretty Little Lies“ gerät fast poppig, während „Sleeping Dogs“ sich auf eine knappe Viertelstunde ausdehnt. Mit psychedelischen Anklängen, dazu Orgelpassagen, Feedback- und Wah-Wah-Effekten und mittendrin „Come Together“ von den Beatles, was sich rhythmisch nahtlos einpasst. Am besten aber kommen die Southern-Rock-Nummern über die Rampe wie das treibende „Flesh and Bone“, „Medicate My Mind“ mit einem E-Gitarrendialog, das mitreißende „Shakin‘ Hands with the Holy Ghost“ oder die finale Zugabe „Ain’t Much Left of Me“.

Starr und Paul Jackson brillieren an jeweils einem Dutzend elektrischer und akustischer Gitarren. Der Gesang ist rau genug für Präriestaub und bluesige Untertöne und weich genug für die hübschen Harmonien. Die Frische erhält sich die Band, indem sie jeden Abend die Setlist gewaltig durcheinanderwirbelt. Kein Problem, bei so viel Qualität im Repertoire, aber musikalisch durchaus ambitioniert.

Ambitioniert kommt auch die Vorgruppe, die Quaker City Night Hawks, daher. Schleppender, bluesiger als der Hauptact und vor allem keine Band, die die Gespräche beim Bier stört. Und auch hier: wallendes Haupthaar, Bärte, Cowboyhüte. So soll’s sein an einem gelungenen Southern-Rock-Abend.




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