weather-image
20°

Richtige Begeisterung wollte nicht aufkommen

Kreislers „Heute Abend: Lola Blau“: Im Theater ist nichts los

HAMELN. „Nummer auf Nummer, die nur durch eine eher karge Dramaturgie zusammengehalten werden und schnell an Spannung verlieren.“ Kreislers „Heute Abend: Lola Blau“ mit Samira Hempel sorgte bei unserem Theaterkritiker für wenig Begeisterung.

veröffentlicht am 14.05.2019 um 17:45 Uhr
aktualisiert am 14.05.2019 um 20:20 Uhr

Lola Blau geht durch schwere Zeiten. Foto: Volker Beushausen
pe

Autor

Richard Peter Reporter
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

HAMELN. „Der Menschheit Würde“ hieß der Sketch um zwei Knattermimen an ihren Schminktischen – und unerfülltem Traum: „In Linz müsste man sein“ und der andere sehnsuchtsvoll: „Jaaa, in Linz!“ Auch Lola Blau freut sich in Georg Kreislers Musical „Heute Abend: Lola Blau“, das er für seine Frau Topsy Küppers schuf, auf Oberösterreichs Landeshauptstadt. Doch dann wird ihr in Wien die Wohnung gekündigt. Hitler ante portas – und auch das Landestheater telegrafiert aus aktuellem Anlass eine Absage. Denn Lola Blau ist Jüdin. Über Basel flieht sie nach Amerika. Doch statt eines roten Teppichs nur Tingeltangel und dem zweitältesten Frauenberuf ausgeliefert. Nach dem frühen Aus des „Tausendjährigen Reiches“ kehrt sie nach Wien zurück. Aus dem naiven Mädchen mit „Im Theater ist was los“ war eine desillusionierte Frau geworden und die Erkenntnis: „Im Theater ist nichts los.“

Im Kern ist es die Geschichte von Georg Kreisler, die hier am Montagabend im Theater auf der Bühne zu erleben war. Der sich nie mit seiner Heimatstadt versöhnte, stattdessen höhnte: „Wie schön wäre Wien ohne Wiener“ – wobei ihm Rest-Österreich vermutlich sogar zustimmen würde. Kreislers „Lola Blau“ ist die Geschichte einer Ohnmacht – gegen den Verlust der Wohnung, dem gekündigten Engagement, Sex und der nicht nur latente Judenhass im Nachkriegs-Wien.

Dennoch: 1971 Uraufführung des Musicals in der ungeliebten Stadt, die ihn wie keine andere mit seinen makabren Texten und bitterschwarzem Humor – mit dem er in Amerika gescheitert war – verstand. In der Marietta-Bar begeisterte Anhänger fand. Er war halt doch ein Wiener. Das Zwei-Personen-Stück – eine als Sängerin, die andere am Klavier und dazu eine „Wurzen“ mit verschiedenen kleinen Auftritten. Kabarett-Songs, nur am Klavier begleitet. Und die „alten bösen Lieder“ setzt er auch in seiner Lola Blau ein – Nummer auf Nummer, die nur durch eine eher karge Dramaturgie zusammengehalten werden und schnell an Spannung verlieren.

Daran kann auch Tankred Schleinschock – eben noch im Beat-Club“ gefeiert – nichts ändern. Auch nicht Samira Hempel – in der Buddy-Hollie-Show bejubelt – die sich hier als Lola in Details verliert und manchmal kraftlos wirkt. Nur selten, dass sie ihr Publikum wie bei „Sie ist ein herrliches Weib“ begeistert – einfach ein herrlicher Song – oder „Die Wahrheit vertragen sie nicht“, wo die Herren der Schöpfung abgewatscht werden.

Und auch das so hinreißend melancholische Lied „Ich hab‘ dich zu vergessen vergessen“. Die vielen anderen Songs – auch die kleinen Spielszenen, Telefonate, aber auch wenn die Blau total blau ist, blieben irgendwie an der nicht vorhandenen Rampe des Theaters auf der Bühne hängen. Zu vermuten: Samira Hempel will zu viel – singt zu filigran. Kreisler selbst hat in seinen Songs nie psychologisiert – natürlich geschickt gefärbt, sie aber immer mit entwaffnender Präsenz in den Raum geschickt. Mit eigenwilliger unvergleichlicher Mimik.

Ungünstig auch die Breitwand-Dimensionen im TAB, wenn links außen das Klavier auftrumpft und rechts, wo auch ein Schminktisch steht, die Texte versickern. Die Hempel ist zweifellos eine tolle Schauspielerin und Sängerin – natürlich für ihre Leistung auch gefeiert, wie auch Schleinschock und als Anhängsel Mike Kühne in verschiedenen kleinen Rollen. Aber so richtige Begeisterung wollte bei den Songs nicht aufkommen. Auch wenn fast jeder für sich ein Hit ist.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare