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Silje Nergaard mit kitschfreien Weihnachtsliedern im Pavillon

Kuss in Geschenkpapier

HANNOVER. Irgendwann nehmen sie alle ihre Weihnachtssingle auf. Bob Dylan überraschte gar mit einem kompletten Weihnachtsalbum. Und Paul McCartney war sich nicht zu schade, mit seinem elektropoppigen „Wonderful Christmas Time“ bäuchlings unter der für ihn so hoch liegenden Messlaute hindurchzukriechen. Doch, siehe da, im Pavillon gelingt Silje Nergaard sogar die Rettung des infantilen Liedchens mit einer jazzigen Fassung, die ihrer Trio Raum für inspirierte Soli lässt.

veröffentlicht am 21.12.2018 um 16:03 Uhr

Silje Nergaard verzückte das Publikum mit ihrer sanften Stimme. Foto: jed
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Autor

Martin Jedicke Reporter

Helge Lien zeichnet sich besonders aus, wenn er „Es ist ein Ros entsprungen“ am Flügel um feinfühlige Improvisationen erweitert und bei Nergaards erster Single „Tell Me Where I’m Going“ einmal aus dem Rahmen des kompakteren Songformats entlassen wird. Davon hätte man gern mehr gehört.

Andererseits leben Weihnachtslieder von Melodien mit Wiedererkennungswert wie in dem Evergreen „Have Yourself a Merry Little Christmas“ oder in Nergaards Kompositionen, darunter der mit dem viel zu früh verstorbenen Roger Cicero aufgenommene Song „If I Could Wrap up a Kiss“. Ein Gedankenspiel über eine Alternative zu allerlei Geschenkfehltritten, von denen Nergaard erzählt. Könnte man doch einfach einen Kuss in Weihnachtspapier wickeln und einem Menschen schicken, den man vermisst. Hach, solche Ideen passen zum Fest.

Und ja, das mag ein bisschen kitschig sein. Für die Musik gilt das hingegen nicht. Dies liegt an den federleichten Jazz-Arrangements, vor allem aber an Nergaards Stimme, die sanft, aber nie seicht, glasklar und doch warm klingt. Und den Eindruck erweckt, als könne sie mit aller Kraft losbrechen. Aber genau dieses Understatement ist ihr Charakteristikum. Was auch für Jarle Vespestads Schlagzeug gilt, das er – oft mit Besen – so filigran wie zurückhaltend spielt.

Nergaard moderiert den Abend mit kleinen Anekdoten über deutschen Glühwein, ihren Nummer-1-Hit in Japan, die elterliche Jazzplatten-Sammlung und ihren Adoptivsohn aus Äthiopien, dem sie ein Gute-Nacht-Lied widmet. Weitere Songs aus dem Repertoire der Norwegerin wie „Be Still My Heart“, „Japenese Blue“ oder „Dreamers at Heart“ erweitern das Weihnachtsprogramm, das zudem in ihrer Landessprache Gesungenes, das Joni-Mitchell-Cover „River“ und den Fingerschnipp-Swing von „Is Christmas Only a Tree“ bereithält. Für die Zugabe stimmt Nergaard „Stille Nacht“ auf Norwegisch an, bis das Publikum die zweite Liedhälfte auf Deutsch bestreitet. Zu Klavier statt Orgel. Wir werden uns Heiligabend in der Kirche daran erinnern.




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