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Feuchtwanger-Tagebücher erstmals publiziert

Mittags zu Stalin

BERLIN. Lion Feuchtwanger hat bis zum Zweiten Weltkrieg internationale Bestseller geschrieben und frühzeitig vor den Nazis gewarnt. Sein Stalin-freundlicher Bericht „Moskau 1937“ bezeichneten Kritiker als naiv. Jetzt sind seine Tagebücher bis 1940 erstmals umfassend publiziert worden.

veröffentlicht am 18.12.2018 um 16:13 Uhr
aktualisiert am 18.12.2018 um 18:10 Uhr

Der deutsche Schriftsteller Lion Feuchtwanger (undatierte Aufnahme) wurde am 7. Juli 1884 in München geboren und starb am 21. Dezember 1958 im Exil in Los Angeles. Foto: dpa

Autor:

Wilfried Mommert

„Ich soll mittags zu Stalin“, notiert der deutsche Erfolgsschriftsteller und Russland-Freund Lion Feuchtwanger am 8. Januar 1937 in sein Stenogramm-Tagebuch. Für ihn ist das aber ein „außerordentlich unangenehmer Tag dafür“ – er hat ein Abführmittel genommen, nicht geschlafen und ist erkältet. Aber jetzt muss Weltgeschichte gemacht werden. Schließlich spricht Feuchtwanger drei Stunden mit dem Diktator und notiert später stolz: „Alle Zeitungen bringen in großer Aufmachung mein Interview mit Stalin.“

Entnommen sind diese Zitate den jetzt erstmals umfassend gedruckt vorliegenden Tagebüchern Feuchtwangers von 1906 bis 1940 („Lion Feuchtwanger. Ein möglichst intensives Leben. Die Tagebücher“, Aufbau Verlag), die 1991 im Nachlass seiner letzten Sekretärin in den USA gefunden worden waren und in einer nur schwer zu entziffernden Kurzschrift verfasst sind. Der Autor von Bestsellern wie „Jud Süß“, „Erfolg“ und „Exil“ notierte nur skizzenhaft tägliche Ereignisse und Begegnungen, oft nur Namen und Schauplätze und Alltagsgeschehen bis hin zu eigentlich schützenswerten privatesten Dingen.

Das hat Thomas Mann mit seinen umfangreichen Tagebüchern zwar auch in aller Ausführlichkeit getan, aber doch immer ergänzt von ausführlichen Darlegungen, Betrachtungen, Überlegungen zu eigenen Arbeiten und Bewertungen der jeweiligen Zeitereignisse und Begegnungen, was bei Feuchtwanger weitgehend fehlt. Deswegen waren seine Tagebücher, die im Vorwort der jetzigen Ausgabe großspurig als „Feuchtwanger ohne Filter“ präsentiert werden, auch nicht zur Veröffentlichung gedacht – zu recht.

So reduzieren sich die täglichen Notate Feuchtwangers neben banalen Alltagsabläufen oft zur buchhalterischen Niederschrift seiner Spielsucht oder Sexbesessenheit. Im Vorwort des Buches spricht Klaus Modick von einer „immer befremdlicher anmutenden Buchhaltung eines zwanghaften Erotomanen“. Feuchtwangers schriftstellerische Arbeiten spielen leider meist ebenso eine Nebenrolle wie die spektakulären Zeitereignisse wie die Novemberrevolution von 1918 („Revolution bricht aus. Sie etwas besichtigt.“) Am Ende der Weimarer Republik (aus der die meisten Jahresnotate als Tagebuch bisher nicht aufgetaucht sind) sieht es für Feuchtwanger nach eigenen Worten „nicht gut aus“. Auf Hiddensee notiert er Ende Juni 1932 lapidar: „Gebadet. Spazierengegangen. Gevögelt.“

Die ordinäre Vokabel ist in Feuchtwangers Stichwort-Tagebuch nahezu eine Standardvokabel, die so häufig vorkommt, dass sich die Herausgeber veranlasst sahen, einen Großteil davon nicht zu übernehmen. „Von rund 750 erwähnten „gevögelt“ finden rund 100 Aufnahme, von rund 600 „gehurt“ 40“, heißt es dazu in der editorischen Notiz. Als im Mai 1940 Feuchtwanger im südfranzösischen Exil lebte und die deutsche Wehrmacht in Frankreich einmarschierte, heißt es: „Abends im Rundfunk, alle Deutschen“ (in Frankreich) „auch die Frauen, müssten wieder ins Konzentrationslager. Marta gevögelt.“ Gemeint waren Internierungslager für Ausländer.

Ebenso stichwortartig sind leider auch Feuchtwangers Begegnungen und teilweise auch Zusammenarbeiten mit Kollegen festgehalten wie Bertolt Brecht („redet ziemlich ungereimtes Zeug daher“) oder Heinrich Mann. Die Mann-Brüder zählten zu seinen Vorbildern. Feuchtwanger verehrte Thomas Mann trotz einer gewissen Rivalität „fast ehrfürchtig“, wie es in der Einleitung des Buches heißt. Er traf Alfred Döblin und Charlie Chaplin, der bei Feuchtwangers USA-Besuch 1933 „hingerissen über meine Ideen über einen Hitlerfilm“ war, was 1940 mit „Der große Diktator“ auch Wirklichkeit wurde. „Neger-Professoren zeigen mir den Negerdistrikt, dann lese ich an der Neger-Universität“, heißt es in der damaligen Diktion über weitere Amerika-Stationen Feuchtwangers in dessen Tagebuch. Bemerkenswert auch, wie sich der in einer jüdischen Familie aufgewachsene „Jud Süß“-Autor einmal über Juden äußert. Als er 1931 im Berliner Nobelstadtteil Grunewald ein Haus baut, das schon zwei Jahre später von der SA geplündert wird, notiert er nach einem Gespräch mit der Baufirma: „Ein mieser Jude …“.

Die Einschätzungen Feuchtwangers über die Nazis und die Kriegsgefahr schwanken zwischen düsteren und durchaus realistischen Vorahnungen und kurzzeitig naiven Blickwinkeln. So notiert er zwar im Exil im März 1933 nach Hitlers Machtantritt: „Nachrichten aus Deutschland, daß überall verhaftet und mißhandelt wird“, meint aber schon ein Jahr später wieder nach dem Röhm-Putsch 1934: „Sehr schöner Tag. Der Nationalsozialismus in Deutschland beginnt zusammenzubrechen. Das Pack schlägt sich gegenseitig tot.“

Anfang 1939 nach der Annektierung Österreichs und dem Münchner Abkommen über die Tschechoslowakei sieht Feuchtwanger „keine Kriegsgefahr“ mehr, weil „die Demokraten den Faschisten überall nachgeben“. Nach dem überraschenden Hitler-Stalin-Pakt im August 1939 sieht der Russland-Anhänger wieder Kriegsgefahr und „meine Stellung durch Schwenkung der stalinschen Politik recht erschwert“.

Seine Stalin-freundliche Haltung wird schließlich sogar dazu führen, dass ihm die USA, wohin Feuchtwanger erst nach langem Zögern in letzter Minute fliehen kann und wo er ab 1941 in Los Angeles lebte, die Staatsbürgerschaft verwehrten. Er starb am 21. Dezember 1958 als Staatenloser. Die Villa Aurora, wo Feuchtwanger mit seiner Frau Marta ab 1943 lebte, wurde auf Initiative seines deutschen Freundeskreises 1995 als Künstler-Stipendiaten-Haus eingerichtet, das heute auch von der Bundesregierung unterstützt wird. Es ist der zweite deutsche „Kulturtreffpunkt“ in Kalifornien neben dem erst kürzlich von der Bundesrepublik erworbenen Thomas-Mann-Haus in Pacific Palisades.

Sein selbst erklärtes Ziel, ein „möglichst intensives Leben“ zu führen, hat der Schriftsteller und Zeitzeuge Feuchtwanger trotz oder wegen der dramatischen Zeitereignisse erreicht. Das wird in dieser stichwortartigen Tagebuch-Hinterlassenschaft aber kaum deutlich. Die postume und zudem bruchstückhafte Veröffentlichung hat Feuchtwanger als einer der bedeutenden Schriftsteller des 20. Jahrhundert eigentlich nicht verdient. Aber Anlass für jüngere Generationen, zu seinen Romanen und Erzählungen zu greifen, die ihnen auch heute noch etwas zu sagen haben, ist die jetzige Publikation allemal.




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