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Noch immer verstörend

Nichts als Lebenslügen: „Tod eines Handlungsreisenden“ im Theater

HAMELN. Mit der „Tod eines Handlungsreisenden“ – am Montagabend mit dem Euro-Studio zu Gast auf der Bühne des Hamelner Theaters – hat Arthur Miller gegen die Lebenslüge angeschrieben, wie vor ihm schon Ibsen mit seiner „Wildente“ und der Sinnlosigkeit eines verlorenen Lebens ein Gesicht gegeben: Willy Loman. Und der steht für die unendlich vielen „kleinen Männer“, die an die Karriere vom „Tellerwäscher zum Millionär“ glauben.

veröffentlicht am 22.01.2019 um 17:52 Uhr
aktualisiert am 22.01.2019 um 19:21 Uhr

Verzweifelt, verwirrt: Helmut Zierl als Lowman. Foto: Tom Philippi
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Autor

Richard Peter Reporter
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Es ist nicht die große antike Tragödie – die kleine, alltägliche, die so tausendfach stattfindet. Eine kleinbürgerliche – und eben deshalb so berührend, verstörend. So nachvollziehbar. Lowman, abgeleitet von „low man“, das für „kleiner Mann“ steht, hat sein Leben lang hart gearbeitet und musste dennoch immer auf Pump kaufen, Auto, Haushaltsgeräte – vor allem das Haus, dessen letzte Rate er jetzt bezahlen konnte. Genau an diesem Tag aber erhält er die Kündigung, nachdem er schon lange kein festes Gehalt mehr bezog und auf Provisionsbasis heruntergestuft worden war.

Und die Geschäfte laufen schlecht. Loman, der Träumer des „American way of life“, der sonst so unermüdliche Idealist, ist müde geworden. Erschöpft. Fühlt sich als Versager und Opfer seines Traums vom Erfolg – gnadenlos aussortiert. Mit der „Tod eines Handlungsreisenden“ – am Montagabend mit dem Euro-Studio zu Gast auf der Bühne des Hamelner Theaters – hat Arthur Miller gegen die Lebenslüge angeschrieben, wie vor ihm schon Ibsen mit seiner „Wildente“ und der Sinnlosigkeit eines verlorenen Lebens ein Gesicht gegeben: Willy Loman. Und der steht für die unendlich vielen „kleinen Männer“, die an die Karriere vom „Tellerwäscher zum Millionär“ glauben. Höhepunkte des virtuos komponierten Spiels, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit als Zeit-Verwirr-Spiel mischen – auch für Lomans Verwirrung stehen – ist der allgegenwärtige Zusammenprall zwischen Illusion und Realität. Eine ebenso beeindruckende wie zutiefst berührende Aufführung – geprägt von Helmut Zierl, dem es gelingt, diesen „Lear der Gegenwart“, wie Zadeck ihn einmal nannte, als das darzustellen, was er ist: Mittelmaß. Dem großen Schauspieler gelingt tatsächlich, den kleinen Mann zu spielen – ohne sich und ihn kleinzumachen. Eine solitäre Leistung – unvergesslich seine Schlussszene mit Biff. Ganz groß und ganz einfach dargestellt.

Was die Aufführung zudem zu einer Besonderen macht: ein Ensemble, das keine Schwachstellen kennt. Patricia Schäfer als Linda, die ihren Willy gegen alle und alles verteidigt, auch seine Fehler. Anrührend, fast schmerzhaft, ihr „wonderful world“. Die beiden Söhne, Julian Härtner als Biff und Jean Paul Baeck als Happy. Die beiden Loman-Brothers, beide gescheitert an den Ansprüchen und Träumen ihres Dads, die sie nie erfüllen konnten. Biffs Auseinandersetzungen mit Willy, ein An-einander-vorbei-Reden das in Sprachlosigkeit mündet, erst durch Tränen aufgelöst wird.

Ganz stark Martin Molitor, Nachbar und einziger Freund von Willy und so ganz anders, aber mit einem Sohn, der Karriere macht. Maximilian Wrede gleichermaßen überzeugend erst als Junge und dann erfolgreicher Anwalt. Frank Voß als Onkel Ben, der angeblich Erfolgreiche, für Willy immer wieder Anlass für Sehnsuchtsbilder einer verlorenen Vergangenheit und Susanne Theil in verschiedenen Episoden-Rollen.

Harald Demmer hat sich – wie vermutlich schon Kazan, Regisseur der Uraufführung 1949 am Broadway – in erster Linie um die Personenführung gekümmert, Millers Drama nicht verändert, das sich Experimenten verschließt. Tragischer Schlusspunkt: Willy Loman, müde und verbraucht, sieht nur einen Ausweg, seiner Familie ein letztes Mal zu helfen. Er rast in den Tod, der seine Lebensversicherung frei macht. Eine letzte Illusion.




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