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Andersen-Adaption als Konzert & Theater mit „Der Kaiser und die Nachtigall“

Ohne Märchenzauber

HAMELN. „In China, weißt du wohl, ist der Kaiser ein Chinese und alle, die er um sich hat, sind auch Chinesen.“ Damit beginnt Hans Christian Andersens Märchen „Die Nachtigall“ und beschreibt das Schloss, in dem der Herrscher lebt – „natürlich das prächtigste der Welt“ – als ganz und gar von feinem Porzellan.

veröffentlicht am 14.02.2019 um 16:59 Uhr
aktualisiert am 14.02.2019 um 21:00 Uhr

Ausdrucksstarke Großfiguren präsentierte das Cassiopaia Theater im TAB. Foto: Udo Mierk
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Autor

Richard Peter Reporter

Eine künstliche, fremde Welt, in die überraschend ein Stück Natur einkehrt. Eine kleine Nachtigall, ein kleiner grauer Vogel, der so herrlich sang, „dass dem Kaiser die Tränen in die Augen traten“.

Das war es, worauf sich das Publikum am Mittwochabend mit dem Cassiopaia Theater im TAB freuen durfte – auf die rührende Geschichte von „Der Kaiser und die Nachtigall“ mit ausdrucksstarken Großfiguren. Doch der Abend begann überraschend mit zwei Sonaten von Telemann und Vivaldi. Beide Komponisten Vielschreiber. Von Telemann, der übrigens in Hildesheim das Gymnasium besuchte, sind eine fast unübersehbare Zahl an Sonaten in unterschiedlichen Besetzungen mit und ohne Basso continuo erhalten. Unterhaltungsmusik zumeist – auch bei Vivaldi, von dem rund 500 Konzerte überliefert sind, meist dreisätzig und fast immer als „schnell – langsam – schnell“ angegeben – auch für die Aufführung des Concerto in g-moll für Blockflöte (Eva Morsbach), Oboe (Ulrike Neukamm), & Basso Continuo (Cembalo: Marta Dotkus) – ergänzt um ein Cello (Julie Maas).

Keine ganz glückliche Lösung, weil diese Musik weder mit Andersen noch mit der Geschichte wirklich zu verbinden ist – so wenig wie auch die Sonaten von Teodorico Pedrini – Einspielungen während des Stücks – der aber immerhin am kaiserlichen Hof in China komponierte. Aber auch er eher ein Fremdkörper, wie das von Claudia Hann arrangierte Lied des Küchenmädchens, das – ziemlich deplaziert – große Oper imitiert. Bleibt das Spiel – und das gibt es vom Cassiopaia Theater auch in einer „schlankeren“, auf das Märchen beschränkten Version in anderer musikalischer Besetzung mit Flöte, Schlagwerk, Posaune und Keyboard. Vermutlich die bessere Lösung – auch die vom Theater erwartete.

So aber bleibt die Geschichte mit den von Hand geführten Großpuppen mit einer Getänzel-Choreografie, die nur Bewegung an sich ist und nur selten die Geschichte erzählt – und seltsam uneinheitlich, fast schon wie zerhackt wirkt. Und die Musik – auch die Einsätze der beiden Nachtigallen, der echten, die als Marionette bedient wird und der künstlichen aus Gold, Edelsteinen und Walzen – kein Grund für den Kaiser, in Tränen auszubrechen.

Schade auch, weil er ja zitiert wird, der einfache Fischer, der seine Arbeit unterbricht, wenn er die kleine Nachtigall hört und als einziger die Künstlichkeit der maschinellen Nachbildung erkennt. Fast ein bisschen „Des Kaisers neue Kleider“.

Denn darum geht es. Um das Echte, das Natürliche – und Menschen, die sich durch Scharlatane verführen lassen. Und um Freiheit. Die echte Nachtigall, die so herzzerreißend singt – und das künstliche Äquivalent. „Erzähl niemandem“, bittet der kleine, so unscheinbare Vogel mit der magischen Stimme den Kaiser, dem der Tod bereits auf der Brust saß, der einfach weggesungen wurde – „dass du einen kleinen Vogel hast, der dir alles sagt“. Nämlich: wie es in der Welt wirklich zugeht – und vielleicht auch auf dem Theater zugehen könnte.




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