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Gilbert O’Sullivan in Hannover

Plattenspieler-Träume

HANNOVER. Rocklegende Gilbert O’Sullivan in Hannover – das Publikum war begeistert, aber trotzdem auch ein wenig enttäuscht. Der Mann mit der Mähne wäre besser mit Klavier statt Keyboard aufgetreten. Und Zugaben waren nicht drin.

veröffentlicht am 11.04.2019 um 14:34 Uhr

Gilbert O’Sullivan im Theater am Aegi – am Keyboard statt am Klavier. Foto: jed
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Autor

Martin Jedicke Reporter
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Im Booklet von Gilbert O’Sullivans neuen Album sitzt einer alter Mann auf seinem Bett, raucht eine Pfeife und lauscht der Musik vom Schallplattenspieler. Dieser und ein paar Bücher sind unversehrt geblieben. Sonst Schutt, zerborstene Fenster wie nach einem Erdbeben oder einer Bombardierung. Das Lied dazu, „Dansette Dreams and 45s“, spielt O’Sullivan am Mittwochabend im Theater am Aegi. Eine Metapher für Werte, die bleiben, ein Plädoyer für die Kunst und die Entschleunigung. Und ein nostalgischer Blick zurück in die 1950er Jahre, als der halbwüchsige Raymond die elterlichen Vinylscheiben auf dem Dansette-Plattenspieler zum Klingen brachte. Aus dem kleinen Raymond wurde Gilbert, benannt nach dem britischen Komiker-Duo Gilbert & Sullivan. „Nothing Rhymed“ wird 1971 sein erster Hit, geschrieben habe er ihn aber bereits vier Jahre vorher, wie der 72-Jährige erzählt. Zunächst tritt er mit Schiebermütze und chaplinesken Outfit auf, kurz darauf legt er sich seinen voluminösen Lockenkopf zu – ein Markenzeichen bis heute.

O’Sullivans Stimme erinnere an „ein Kornett aus den 20er Jahren, das man auf einem Trichtergrammophon hört“, schrieb das Rocklexikon. Die hat kaum nachgelassen, was besonders wichtig ist, weil O’Sullivan lediglich den Gitarristen Bill Shanley mitgebracht hat. So fallen all die hübschen Ornamente weg, die seinen Liedern so viel Charme geben. Alles nicht so schlimm, kann der gebürtige Ire doch mit Songs und Stimme punkten – würde er nicht dieses blechern klimpernde Keyboard bedienen. So bekommt das Programm etwas Demohaftes. Ein Königreich für einen Flügel! Besonders, wenn programmierte Drumbeats abgerufen werden. Hier droht die Moderne die Nostalgie zu zerstören. Als O’Sullivan einmal einen falschen Knopf drückt, entschuldigt er sich damit, dass das Funktionenfeld wie ein „Flight Deck“ aussehe. Versöhnt werden die 600 Besucher mit Hits aus den frühen 70ern: „Matrimony“, „Get Down“, „I Will“, „Ooh-Wakka-Doo-Wakka-Day“, „Why, Oh Why, Oh Why“ sowie dem Nachzügler „What’s in a Kiss“. Music-Hall-Fröhlichkeit, Liebesmelancholie und die Freude am Nonsense werden reichlich beklatscht. Unschlagbar: „Clair“, das bezaubernde Lied über die dreijährige Tochter des damaligen Managers. In der naiven Unschuld versteckten sich pädophile Untertöne, raunten selbsternannte Moralapostel. Ein Unsinn, auch in Zeiten von Lügde und priesterlichen Verfehlungen, die eine erhöhte Wachsamkeit erfordern. In der Pause hört man viele den Refrain pfeifen.

Punkten kann der Wahl-Engländer zudem mit seinem Gitarristen, der an elektrischer und akustischer Gitarre im Fingerpicking genauso zu Hause ist wie in der Slide-Technik. Das unzählige Male gecoverte „Alone Again (Naturally)“ spielt er jedoch mit nervösen Arpeggien dermaßen zu, dass die geliebte Gesangsmelodie darunter leidet. Sein Solo im Mittelteil hingegen ist ein Genuss.

Nahtlos reihen sich die neuen Kompositionen ein: das Purzelbäume schlagende „Penny Drop“, das an „Get Down“ erinnernde „No Head For Figures But Yours“, oder das großväterlich-weise „At the End of the Day“. Am Ende klatschen die Zuschauer im Stehen, sind aber enttäuscht, als die Zugaben ausbleiben.




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