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Musik-Inszenierung von „Goethes Erben“

Provokant und Inhaltsschwer

HAMELN. Wahrlich keine leichte Kost gab es für die Zuschauer in der gut gefüllten Sumpfblume bei der dreiteiligen Inszenierung von „Goethes Erben“.

veröffentlicht am 30.09.2018 um 14:28 Uhr

Theatralisch und provokant ist die Musik-Inszenierung von „Goethes Erben“. Foto: hx

Autor:

Peter Höxter
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Mit hohem technischen Aufwand, wie beispielsweise drei unabhängigen Videoprojektionen und einem insgesamt elfköpfigen Team inszenierte Oswald Henke, der kreative Kopf der Gruppe, zur Musik von Tobias Schäfer einen – ja, was war es eigentlich – Abend der besonderen Art.

Deutschsprachiges Musiktheater kommt dem Thema wohl am nächsten, allerdings ernst und dunkel. Bei „Goethes Erben“ steht die deutsche Sprache im Mittelpunkt, darum die Anlehnung an Goethe. „Der Name Goethes Erben ist sehr provokant, literarisch sind wir natürlich nicht zu vergleichen, das wäre vermessen“, kommentiert Henke, der bereits seit 1989 in diesem Genre unterwegs ist. „Aber Goethe steht für deutsche Sprache und nach anfänglichen Schwierigkeiten könnte sich auch das Goethe Institut damit arrangieren. „Politisch sind wir bei gesundem Menschenverstand“, erläutert er im Gespräch, „wir sind weder rechts noch links“.

Eine Sorge treibt ihn allerdings um: die Verrohung der Sprache und eine abnehmende Diskussionskultur. Menschen wie Trump, Erdogan und Parteien wie die AfD brächten „die Menschen in eine Zeit wie vor der Entstehung des ,Dritten Reichs’“. Das neue Album, welches an diesem Abend nach einem Auftakt durch einen Dokumentationsfilm zur letzten Musikinszenierung live vorgestellt wurde, heißt demgemäß „Am Abgrund“ mit Titeln wie „Es ist still“ oder „Zu lang geschwiegen“. Die Leute in Europa seien friedensmüde und wüssten nicht zu schätzen, wie lange Jahre sie ohne Krieg haben leben dürfen. Er möchte mit seinen Texten wachrütteln und trotz der dunklen Musik den Menschen aber immer auch am Ende Hoffnung geben.

Die Angst des Einzelnen, aber auch die Angst einer Gesellschaft findet sich immer wieder in den Texten. Die Inszenierung selbst ist teilweise schockierend, wie mit blutbeflecktem freien Oberkörper und einem eindringlichen Sprechgesang. Oder wie ein Derwisch, der mit einem Besen das Böse austreibt.

Lautstark und theatralisch werden die Botschaften zu getragener, düsterer Musik mit Gitarre, Schlagzeug und Keyboard transportiert. Nina (34) aus Minden, wie so viele dunkel gekleidet, kennt Oswald Henke seit ihrem 12. Lebensjahr. Das Poetisch-Philosophische habe sie angesprochen und seitdem begleiten die Texte ihr Leben. „Vor allem Sätze wie: ,Hört nie auf, laut zu werden, wenn ihr etwas Ungerechtes seht!’ haben sich mir eingeprägt“, erklärt sie. „Sie stehen für das Eintreten gegen Diskriminierung und Rasismus“, schildert sie.

Henke sieht jedoch nicht nur schwarz, sondern hat seine Stücke so aufgebaut, dass am Ende die Hoffnung steht. So hörte man die Textpassage: „Was ist der Grund zum Weiterleben? Weil es Optionen gibt!“ Man merkt, das Publikum fühlt sich angesprochen, trotz der ungewohnten Darbietung. Nina ist jedenfalls tief bewegt, hat teilweise Gänsehaut. Und am Ende eines anspruchsvollen Abends, bei dem man tatsächlich auf die Texte hörte, kommentierte ein Gast den Sprechgesang von Henke: „Goethe war schließlich auch kein Musiker“.




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