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E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ im TAB

Psychotische Fantasien

HAMELN. „Der Sandmann“ - vermutlich die unheimlichste Geschichte der „Nachtstücke“ aus E.T.A – hat die Westfälische Landesbühne in Hameln für junge Leute auf die Bühne gezaubert.

veröffentlicht am 10.02.2019 um 18:08 Uhr

Beeindruckend: Maximilian von Ulardt in der Rolle des Psychopathen Nathanael. Foto: pr/Volker Beushausen
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Autor

Richard Peter Reporter
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Hoffmanns „Wirklichkeitsmärchen“. Berühmt geworden auch durch Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ mit Olympia, der mechanisch tanzenden Puppe, in die sich Hoffmann verliebt – wie hier Nathanael in Olimpia. Goethe galt der Romantiker als „pathologischer Phantast“. Er verglich Hoffmanns „fieberhafte Träume“ sogar mit unmäßigem Opium-Genuss. Sich selbst sah der Meister der Schauerromantik so: „Die Wochentage bin ich Jurist und höchstens etwas Musiker, sonntags am Tage wird gezeichnet und abends bin ich ein sehr witziger Autor bis in die späte Nacht.“ Vermutlich ist viel in den Nächten und aus Wein und Sektlaune entstanden. Ein grausiges „Ammenmärchen“ und die „blutig aus dem Kopf springenden Augen“ bilden den Nährboden für Nathanaels psychotische Fantasien, die wieder aufbrechen, als er, mittlerweile Student, in dem Wetterglashändler Coppola den Advokaten Coppelius seiner Kindheit wiedererkennt. Den widerwärtigen Mann, den Sandmann, schuld am Tod seines Vaters. In einem Brief an Lothar, Bruder seiner Verlobten Clara, schreibt er: „Etwas Entsetzliches ist in mein Leben getreten“. Nathanael sieht sich dunklen Mächten ausgeliefert. Doch Clara sieht in seiner kindlichen Gespensterfurcht – in der Hoffmann seine eigenen Ängste darstellt – allerdings nur ein „Phantom des eigenen Ichs“.

Nathanael erwirbt von Coppola – coppa steht für Augenhöhle – ein Perspektiv, mit dem er in Olimpia, einem Automaten, eine „herrliche, himmlische Frau“ sieht, während er Clara in Umkehr der Realität als „lebloses verdammtes Automat“ bezeichnet. Auch weil seine Verlobte das Pathologische eines seiner Gedichte erkennt und ihm rät, das „wahnsinnige Märchen“ ins Feuer zu werfen. Ganz anders Olimpia, die ihm zuhört, ohne Widerspruch. Nur zufällig erfährt er, dass sie nur eine leblose Puppe ist. Wahnsinnig geworden, wird Nathanael von Clara gesundgepflegt. Bei einer Turmbesteigung wird er rückfällig, will Clara über die Brüstung stürzen. Als er Coppelius in der Menschenmenge sieht, sprint er, „Sköne Oke“ brüllend in die Tiefe.

Zu zwei Vormittagsaufführungen von Hoffmanns „Der Sandmann“ hatte das Westfälische Landestheater ins Hamelner TAB geladen. Maximilian von Ulardt als Nathanael, der immer wieder auch in andere Rollen schlüpft. Studierzimmer mit einem Tisch – dann die Spielfläche von Nathanael mit Schnüren abgegrenzt, an denen Augen hängen, die an ihre so blutige Rolle erinnern. Jolanda Uhlig arbeitet in ihrer Inszenierung mit Toneinspielungen, lässt die Figuren immer wieder mal aussteigen und treibt sie in expressive Gestaltung. Von Ulardt verlässt immer wieder einmal seinen „Ring“, findet im direkten Spiel mit dem Publikum eine zusätzliche Ebene. Er spielt die unterschiedlichsten Situationen, den Psychopathen, findet auch stimmlich faszinierend einen extremen Ausdruck. Ein höchst konzentrierter „Gespensterhoffmann“ und ein immer wieder fasziniertes junges Publikum.




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