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Stuttgarter Schauspielbühne kommt mit „Richard III.“ in düsterer Comic-Version daher

Shakespeare-Dämmerung

HAMELN. „Hamlet“, „Der Sturm“, „Romeo und Julia“ und jetzt am Montagabend „Richard III.“. Es hätte mit diesen Großkalibern des Theaters ein Shakespeare-Jahr der Hamelner Bühne werden können – und entwickelte sich zu einer Art Shakespeare-Dämmerung.

veröffentlicht am 05.03.2019 um 13:45 Uhr

Einer, der über Leichen geht: Max Tidorf als „Richard III.“ Foto: Sabine Haymann
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Autor

Richard Peter Reporter

Schon im „Hamlet“ ein undefinierbares Stilmischmasch und Szenen, die sich verselbstständigen mit einem Hamlet, der über weite Strecken nicht zu verstehen war, einer eher peinlichen Slapstick-Einlage mit Polonius im Rollstuhl, dessen Töchterchen Ophelia im Kronrat mit zerschlissenen Jeans auftritt. Einfach toll modern!

Versöhnlich: eine grandiose Fechtszene. Allerdings geht es im Hamlet nur sehr bedingt ums Fechten. Indiskutabel, was dann mit Shakespeares Vermächtnisstück „Der Sturm“ als Zwei-Personen-Parodie im TAB verwurstet wurde. Dann – allerdings auf Englisch – die einzige Aufführung in der man jedes Wort verstand. So viel zu unserer Sprechkultur. Dialoge zum Verlieben, Komödiantik und ein bezauberndes Pärchen. Und ohne Krampf sehr heutig und dennoch in der Zeit, in der es spielt.

Und jetzt, wie schon „Hamlet“ ebenfalls aus Stuttgart, diesmal mit den Schauspielbühnen angereist: „Richard III.“. Einer, der über Leichen geht. Sein erklärtes Ziel: ein Bösewicht zu werden. Er übertrifft sich selbst. Um nicht nur als Monster dazustehen, was irgendwann langweilig wäre, baut ihm Shakespeare eine goldene Brücke: Richard ist von Geburt an behindert – „so lahm und ungeziemend, dass Hunde bellen, hink ich wo vorbei“. Der Stachel sitzt tief.

Seine Chance: Er ist intelligenter als seine sonst, auch bei den Frauen, erfolgreichen Brüder – skrupelloser. Und er will König werden. So räumt er konsequent jeden aus dem Weg, der ihn behindert. Rottet gnadenlos seine Familie aus, ist intrigant. Es gelingt ihm aber auch, die Frau, deren Mann er eben ermordet hat, mit Witz und eigenwilligem Charme sowie der Unbedingtheit, die sonst mediterrane Liebhaber so erfolgreich macht, für sich zu gewinnen.

Was Manfred Langner inszeniert: eine postapokalyptische Welt ganz ohne Energie in der, so Langner, Despoten gedeihen. Shakespeares Richard ist immer und überall möglich. Dieses Zeitlose macht einen Teil der Faszination aus. Was Langner auf die Bühne stellt – immer wieder: lähmender Klamauk. Kasperle-Theater. Bei allem Respekt, wenn auch gelangweilt: Szenen, die sich von Laien-Aufführungen nicht unterscheiden, so hilflos werden da Texte aufgesagt.

Dass es so ist – umso trauriger: Max Tidof könnte, was seine schauspielerische Fähigkeiten und auch Bühnenpräsenz angeht, ein geradezu brillanter Richard sein. Verbissen, intrigant, skrupellos, mit eigenwilligem Charme – ein Spieler, der in Sekunden umschaltet. Ihm vor allem galt am Schluss der Applaus.

Typisch für die Inszenierung: die Badeszene, eine der reizvollen sonst, durch den Gag mit dem Rüssel-Penis kaputtgemacht. Umgekehrt würde ein Schwänzchen draus, unter dem schon Klein-Richard gelitten hat. Kim Zarah Langner als Anne vor allem – und kein Satz, der hätte treffen können. Marcus Born als Hastings, ein kleiner Aktentaschen-Beamter vom Ordnungsamt, aber keiner aus der Führungsriege.

Das Bühnenbild (Beate Zoff) – ein nachapokalypisches Chaos mit einem Frisier-Salon-Stuhl als Thron und einem versetzten Rahmen als bröckelndes Portal. Hier wird kein Endspiel gespielt – im Gegenteil: Der Siegeszug der Tudor wird vorbereitet. Es geht – wenn schon auf heute oder morgen gestimmt: um Parteien, die sich zerfleischen. Und in jedem Fall, was der große Elizabethaner schon wusste: „Der Rest ist Schweigen“. Nur bitte keinen Shakespeare mehr aus Stuttgart.




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