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Drei Thalbach-Generationen mit Williams „Die Glasmenagerie“ – und trotzdem bleibt das Spiel oft langweilig

Spiel der Erinnerung

Rappelvoll war das Theater Hameln im Erfolgsstück „Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams mit der Komödie am Kurfürstendamm. Doch trotz Südstaaten-Melancholie fehlte Gefühl, findet unser Kritiker.

veröffentlicht am 10.03.2019 um 12:31 Uhr
aktualisiert am 10.03.2019 um 16:30 Uhr

Louis Held als Tom hat seine besten Szenen, wenn er realistisch, fast kalt, die Realität beschwört und gegen seine Mutter Amanda aufbegehrt (Anna Thalbach). Foto: Barbara Braun
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Autor

Richard Peter Reporter
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HAMELN. Eine ebenso traurige wie berührende Geschichte – dieses Spiel der Erinnerung. Inbegriff verfehlten Lebens. Südstaaten-Melancholie und eine Familie in sich selbst gefangen im ersten Erfolgsstück „Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams mit der Komödie am Kurfürstendamm am Freitagabend im rappelvollen Theater.

Mama Wingfield, die sich zurückträumt in einst bessere Zeiten, als Verehrer das Elternhaus belagerten. Ihr Sohn Tom, der die Geschichte des Abstiegs in eine bescheidene Mietwohnung in St. Louis erzählt. Lagerarbeiter in einer Schuhfirma, der immer wieder Gedichte auf die Kartons schreibt und mit seinem nicht eben üppigen Lohn die Familie erhält, zu der auch Laura zählt. Gehbehindert, zurückgezogen in ihrer eigenen Welt mit kleinen Tieren aus Glas, ihrer „Glasmenagerie“. Zerbrechlich, unendlich scheu.

Mama Amanda als treibende Kraft und nervige Kommandeuse – Tom unglücklich, der im Kino die Welt sucht, die er gerne selbst erleben möchte. Schließlich ausbricht, sein eigenes Leben gestaltet – Mutter und Schwester zurücklässt. Auch wenn er Laura und ihr Schicksal immer wieder erinnert. Drei unglückliche, in sich Verkrochene – ein Druckgemisch, immer kurz vor der Explosion der gestauten Gefühle

Mit dem Auftritt von Jim O’Connor, Arbeitskollege von Tom, den er seit Schulzeiten kennt, kommt es zum Bruch der Familie. Laura soll endlich an den Mann gebracht werden – Mama Wingfield inszeniert eine Essenseinladung mit Hussen für Stühle und Sofa, neuen Vorhängen und einem Aufwand, der sie finanziell überfordert. Aber Amanda als Gastgeberin in alter Prachtgarderobe lebt noch einmal längst abgelebtes Leben. Südstaaten-Flair. Und Jim und Laura, die sich ebenfalls von der Schule kennen – Laura war in ihn, den jungen Star verliebt – kommen sich nahe. Küssen sich. Dann der Absturz – denn Jim verabschiedet sich überraschend, will seine Braut vom Bahnhof abholen. Für Laura ist eine Welt zusammen gebrochen. Auch für Amanda, die Tom die Schuld am Fiasko gibt, der jetzt die Familie endgültig verlässt.

Katharina Thalbach versucht bewusst, das Sentimentale auszusparen. Tom tritt jeweils mit Mikrofon an die Rampe, ein Moderator, der sich bewusst ans Publikum wendet. Allerdings wird genau dadurch der Grundtenor – der Stimmungsbereich, den Tennessee Williams, der hier seine eigene Geschichte aufgreift – zerstört. Auch das so sensibel ausbalancierte Spiel.

Auch durch Anna Thalbach als Amanda, die zwar einige gute Szenen hat, aber immer wieder abtaucht. Als wäre sie nicht vorhanden. Wie in den Telefonaten mit Abonnenten der von ihr vertrieben Zeitschriften. Es ist wie so oft auf unserer Bühne, und hier besonders ausgeprägt: Es gibt Positionen, in denen es die Sprache nicht schafft, über die Rampe zu kommen – im Schnürboden verweht. Dadurch bleibt das Spiel, mangels Text über weite Strecken schlicht langweilig.

Louis Held als Tom. Seine besten Szenen hat er, wo er ganz realistisch, fast kalt, die Realität beschwört, gegen seine Mutter aufbegehrt.

Nellie Thalbach als Laura – am stärksten in ihrer Traumwelt versunken. Zerbrechlich, mit kleiner, leiser Stimme – unvergesslich ihr hingehauchtes „Oh“, als Amanda erfahren hat, dass sie die Kurse schwänzt, in denen sie Maschineschreiben und Steno lernen soll. Sie, die sich am weitesten vom Leben entfernt hat – so ganz zurückgenommen, eindrücklich präsent.

Auch Sven Scheele als Jim – ein Balance-Akt, weil er mit Laura zusammen quasi alleine spielen muss. Die für mich schönste Szene – wenn auch nur kurz: Mutter und Sohne am Fenster mit imaginiertem Mond. Da war plötzlich Vertrautheit – von der diese „Glasmenagerie“ mehr, sehr viel mehr hätte ausstrahlen müssen.




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