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Hamelner Tanztheatertage mit „Tanzwärts! Heimatsuche“ und viel Applaus eröffnet

Start mit Gänsehaut

HAMELN. So schlicht wie ergreifend – dazu unendlich beglückend dieses „Tanzwärts! Heimatsuche“ zum Start in die 10. Hamelner Tanztheatertage am Sonntagnachmittag im rappelvollen Theater, in dem so etwas wie Tanzgeschichte geschrieben wurde.

veröffentlicht am 18.03.2019 um 15:24 Uhr
aktualisiert am 19.03.2019 um 19:46 Uhr

Das erste Community Dance Project mit der Choreografie von Tiago Manquinho und Pauline De Laet wurde schlussendlich zurecht mit stehenden Ovationen gefeiert. Foto: geb
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Autor

Richard Peter Reporter

Vorhang auf – auf der fast leeren und noch dunklen Bühne drei Jugendliche und im Hintergrund gleißend hell das offene Bühnentor. Erst ist es einer, der über die Rampe die Bühne betritt, dann immer mehr zu faszinierender Mongolian Folk Music. Sichtbar Neuland betreten, vorsichtig sich orientieren, aneinander vorbeigehen. Zögernd noch, staunend, den Blick auf den Boden gerichtet. Zeitvergessen.

So schlicht wie ergreifend – dazu unendlich beglückend dieses „Tanzwärts! Heimatsuche“ zum Start in die 10. Hamelner Tanztheatertage am Sonntag Nachmittag im rappelvollen Theater, in dem so etwas wie Tanzgeschichte geschrieben wurde. Und das erste Community Dance Project mit stehenden Ovationen gefeiert. Eine grandiose, höchst konzentrierte Aufführung – und schon zuvor, vor dem Vorhang Hamelns Theaterleiter, Wolfgang Haendeler, mit dem Ballettchef des Staatstheaters Braunschweig, der Hameln als „tanzaffine Stadt“ bezeichnete und mit „hier bewegt sich was“ beglückwünschte.



Es ist faszinierend, zu sehen, wie ausschließlich Laien die Choreografien auf die Bühne bringen. Foto: geb

Was die Choreografie von Tiago Manquinho und Pauline De Laet auszeichnet, so besonders macht: sie schöpfen optimal die Mittel aus, die Laien für so ein Mammutprogramm mitbringen. Verlassen sich auf natürliche Körperlichkeit, auch bei den nicht mehr so jungen Hamelner Bürgern. Choreografieren grandiose Bilder, die überraschend durch Einzelaktionen akzentuiert werden. Auch gekonnte Hebungen, raffinierte Verschlingungen, ohne die Tänzer zu überfordern.

Vielfalt im Kleinen mit einer ästhetischen Konsequenz, wie man sie nur selten erleben darf. Musik, die trägt und die Formationen wie eine Art Generalbass und immer wieder anonyme Masse von allen Möglichkeiten körperlichen Ausdrucks begleitet. Vor allem aber: Zeit erfahrbar gemacht, konsequent ausgespielt und Spannung ausgehalten. Faszinierend – und vergessen gemacht, dass hier Schüler, Laien auf der Bühne stehen und mit nichts als sich selbst Heimatsuche sichtbar machen. Oft mit einfachsten Mitteln, wenn Stille plötzlich durchbrochen wird. Oder bei genau getimten Tempowechseln.

Heute um 11 Uhr steht mit „Unstable“ ein Tanzstück für Jugendliche auf dem Programm

Begegnungen – bereits vertrautes Abklatschen, idividuelle Umarmungen. Auch da unterschiedlichste Möglichkeiten durchgespielt. Und Spiel im schönsten Sinn selbstvergessen – und alle, als das eigentliche Wunder und Wunderbare dieses Dance Projects: Präsenz, wie man sie sonst nur von Profis kennt. Und das, was sie können, perfekt auf die Bühne gebracht – perfekt unterstützt durch die so rhythmischen Musiken, die Beleuchtung auch, die so faszinierend Stimmungen zaubert, ohne sich vorzudrängen.

Immer wieder und nur zu bewundern: vor allem die Jugendlichen, die hier eine Spielfreude und künstlerische Disziplin beweisen, die dieses Community Dance Project zum Erlebnis werden lassen. Zuletzt auch mit „Gas“, wenn aus dem mit Scheinwerfern bestückten Schnürboden Erinnerungsstücke abgesenkt werden. Roller, Fahrräder, Teekessel, Plüschtiere – was immer Heimat miterinnert. Ohne Text gesummt, Vertrautheit, die sich zur Hymne steigert. Ein Mädchen am Tor, auf das sich ein Häuschen zeichnet, wie vom „ollen Hansen“. Heimatsuche – und endlich angekommen, im neuen Zuhause. Schon ein bisschen Gänsehaut-Effekt mit Kloß im Hals.

Über 60 Mitwirkende, zu den Hamelner Bürgerinnen und Bürgern die Klasse 8d der IGS Hameln, die Sprachförderklasse der Elisabeth-Selbert-Schule und der Sprachlerngruppe der Wilhelm-Raabe-Grund- und Oberschule Südstadt – und alle zusammen auf der Bühne mit gekonnter Applausordnung – und ein volles Haus, das stehend ein Ensemble und seine Choreografen begeistert feiert. Schöner lässt sich ein Tanztheater-Jubiläum nicht beginnen. Es gibt Glücksfälle. Dieser Sonntagnachmittag im März mit Aprilwetter war so einer, der sich gleichermaßen in Herz und Hirn gegraben hat.

Heute um 11 Uhr steht mit „Unstable“ ein Tanzstück für Jugendliche auf dem Programm. Gemeinsam mit der Company des Tanztheaters Staatstheater Braunschweig setzt sich Choreographin Anna Konjetzky mit dem Thema Unsicherheit auseinander und kommt zu überraschenden Erkenntnissen.




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