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Der Alterslose: Sting und eine Menge Erinnerungen auf der Expo-Plaza

Strahlemann Sting

HANNOVER. Gordon heißt er nur noch in offiziellen Dokumenten. Vielleicht wären selbst seine sechs Kinder überrascht über den Namen ihres Papas – Mr. Sumner ist seit 35 Jahren für den Rest der Welt Sting. Sting, der Ausnahmesänger, Sting, der stilistische Wanderer zwischen allen Grenzen, Sting, die Hitmaschine. Jetzt ist er gerade auf Tour durch Europa, und am Donnerstag war er nach 15 Jahren wieder einmal in Hannover.

veröffentlicht am 07.06.2019 um 16:31 Uhr

Man at work: Sting (re.) am Bass und Gitarrist Ben Butler auf der Expo-Plaza. Foto: mik

Autor:

Michael Krowas

Rund 10 000 Fans bejubeln ihn auf der Bühne; auf der Expo-Plaza geht es etwas gemütlicher zu als noch am Tag zuvor, bei der Band Kiss, die die 15 000 Besucher bei tropischen Temperaturen in einen dampfenden, enthusiastischen Schmelzofen verwandelt hat. Heute ist es kühler, die fünfköpfige Band und die beiden Background-Sänger erscheinen, die ersten Reggaetöne erklingen, und plötzlich ist er da. Völlig unprätentiös kommt er auf die Bühne geschlendert, ein langer Schlacks wie früher, in schwarzem T-Shirt und mit Lachfalten um die Augen singt er seine Hymne über eine Flaschenpost.

Es folgt Hit auf Hit. Wohl kaum jemand kann mehr aus dem Vollen schöpfen als Sting. Keiner der Titel, die er heute Abend spielt, ist jünger als 20 Jahre – bis auf „Just One Lifetime“ aus 2018, das sein Publikum eher zu einem metaphorischen Pinkelpäuschen nutzt.

„If I Ever Lose My Faith In You“ wird zu einer entspannten Dance-Nummer; die beiden Sänger im Hintergund heißen Melissa Tatro und Gene Noble. Sie sorgen für den tiefschwarzen Wohlklang bei „If You Love Somebody“ und „So Lonely.“ Sting, der Meister, kriegt mit inzwischen fast 68 Lenzen noch immer jeden der hohen und ganz hohen Töne. Und auch wenn die Hälfte seines Publikums in den glorreichen Zeiten von „The Police“ noch gar nicht auf der Welt war, gibt es keine Geschmacksaltersgrenze. Jeder, aber auch wirklich jeder kann jeden Refrain mitsingen. „Ooh ooh, I’m an alien, I’m a legal alien, ...“ – klar soweit?

Vergessen sind heute all die sonderbaren musikalischen Experimente jenseits des Mainstream, die Mr. Sumner in den letzten Dekaden unternommen hat. Womit keineswegs seine Weill-Interpretationen oder seine Mittelalter-Dowland-Hommage geschmälert werden sollen. Das war Kaviar á la Sting – aber der heutige Abend ist massentaugliches Junk-Food. „Every Little Thing She Does Is Magic“, das wundervolle „Fragile“ , „Walking On The Moon“, es gibt keinen Titel, der nicht begeistert bejubelt wird. Mit Ben Butler und Rufus Miller (dem Sohn seines ehemaligen Mitstreiters Dominic) hat er zwei tolle Gitarristen an seiner Seite.

Keine Soli, kein Bedarf, aber sie liefern solides Handwerk. Josh Freese am Schlagzeuug, Shane Sager mit der Mundharmonika und Kevon Webster an diversen Tasteninstrumenten erzeugen den gefälligen Sting-Sound. Den es durchaus nicht immer so gab. Man denke an seine Punk-Pogo-Ska-Zeiten aus den 80ern. Das epochale, grandiose Album „Bring On The Night“ von 1986 hat dafür gesorgt, dass Sting sich auch als Musiker etablieren konnte. Seit damals gilt Sting als einer der wenigen Künstler, die eine Brücke zwischen Jazz und Pop schlagen können.

Seine Tour heißt genau wie sein neues Album „My Songs.“ Das wird allgemein von Kritikern und Fans als überflüssig betrachtet, weil es sich größtenteils so anhört, als covere Sting sich selbst. Heute Abend allerdings, im Licht tausender Handy-Displays, in der lauen Frühsommernacht auf dem beeindruckenden Platz, an dem vor fast 20 Jahren die Expo für Verwirrung und Furore sorgte, darf und soll er das. Genau das. Sting soll Sting singen, und nach „Wrapped Around Your Finger“, „Roxanne“ und, endlich, „Every Breath You Take“gehen die Konzertbesucher nach über 20 Welthits am Stück nach Hause. Was bleibt, ist die Freude über ein gelungenes Konzert und der Gedanke, einen der wirklich großen Weltstars bei der Arbeit beobachtet haben zu dürfen.




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