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Es gibt keine andere Welt

Theater rappelvoll: „Monsieur Claude und seine Töchter“ gefeiert

Hameln. Schlag auf Schlag - und Hochzeit auf Hochzeit. Völlig normal bei vier Töchtern im heiratsfähigen Alter. Nicht ganz so normal - die Schwiegersöhne, mit denen Monsieur Claude von seinem Nachwuchs beglückt wird. Das Theaterstück „Monsieur Claude und seine Töchter“ wurde in Hameln vom Publikum gefeiert.

veröffentlicht am 07.03.2018 um 12:12 Uhr
aktualisiert am 07.03.2018 um 19:10 Uhr

Turbulent und witzig: „Monsieur Claude und seine Töchter“ im Hamelner Theater. Foto: a.gon München
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Autor

Richard Peter Reporter

Für den Notar, strammen Gaullisten, dazu erzkatholischen Franzosen, kommt einiges zusammen. Töchterchen Adèle hat sich für Abraham, einen erfolglosen jüdischen Geschäftsmann entschieden, Isabelle ist mit dem Muslim Abderazak verheiratet und Michelle wählte sich den Bänker Chao Ling. Zwar allesamt Franzosen, die Neuzugänge bei den Verneuils - allerdings: kein einziger Katholik unter ihnen. Bitter für Monsieur und auch für Madame. Nur ein schwacher Trost, dass Jesus bei Abderazak wenigstens Propheten-Status besitzt. Nun ruht alle Hoffnung auf Nesthäkchen Laura.

Was immer es an Klischees auch gibt in „Monsieur Claude und seine Töchter“, sie werden lustvoll serviert. Pointe für Pointe. Es gäbe noch ein Klischee, das eigentlich gar keines ist: mit ihrer Multi-Kulti-Familienkiste ist den mit Esprit verwöhnten Galliern erneut ein Kino-Hit gelungen, der nun, wie schon seine Vorgänger, den Weg auf die Bühne gefunden hat. „Ziemlich beste Freunde“ war so ein Glücksfall, dann „Paulette“ und jetzt „Monsieur Claude“. Es müssen schon sehr viele Hamelner gewesen sein, die den Kultfilm zumindest gesehen oder von ihm gehört haben, denn das Theater war rappelvoll - und entsprechend die ausgelassene Stimmung, die jede Pointe, die ins Publikum kullerte, aufnahm und mit Gelächter quittierte.

Schon erstaunlich, dass es hier ein nicht ganz so komödiantischer Stoff schafft, sich in Gelächter und Fröhlichkeit aufzulösen. Toleranz ist schließlich immer das, was den anderen fehlt und man selbst, selbstverständlich, in so überreichem Maß besitzt. Die Welt als ein Meer an Schubladen, in denen wir unsere Vorurteile lagern. Und bei der kleinsten Gelegenheit hervorkramen.

Sie reagieren prompt auf jede noch so kleine Anspielung, die Herren Schwiegersöhne. Dass sich selbst französische Juden und ebenso La-France-geprägte Muslime nicht grün sind und friedliche Koexistenz sich als brüchiger Konsens erweist - eine Binsen-Erfahrung. Da kann jedes Wort zum Funken werden. Immerhin: sie gewöhnen sich aneinander - und jedes Klischee wird als Witz deklariert und weggelacht.

Bleibt Töchterchen Nummer vier - und endlich: der Aspirant, zwar Schauspieler, aber immerhin ein Katholik. Die Freude ist eine kurze. Charles - da hilft auch de Gaulle nicht mehr - ist ein Rastalocken-Schwarzer. Und Papa André Koffi ein ebenso begnadeter Sturkopf wie Monsieur Claude. Die Grundstimmung: „Ich bin gegen diese Hochzeit“, bekennt der Papa in Schwarz und der in Weiß kontert: „Ich auch, Monsieur Koffi“. Der Nachwuchs ist anderer Meinung - und die Mütter auf Brutpflege programmiert. Immerhin: die beiden Väter mit so divergierender Hautfarbe saufen sich zusammen. Hochprozentig.

Wenn Charles zum ersten Mal mit Lauras Eltern zusammentrifft, die fast der Schlag trifft, sagt er spontan den für mich schönsten Satz: „Du hättest mich vorwarnen solllen, dass deine Eltern weiß sind“. Was er natürlich wusste. Sozusagen das Ende des Kolonialismus. Eine turbulente, witzige Aufführung unter Stefan Zimmermann, mit einem herrlich kleinteiligen Bühnenbild (Thomas Pekny), das fast als Umbau-Ballett für immer wieder neue Schauplätze sorgt.

Ein vergleichsweise großes Ensemble - immerhin vier Paare um die zwei der Eltern erweitert, plus einer Multi-Funktions-Rolle. Ralf Novak ist ein eher gelassener Monsieur Caude, ein an Kummer gewöhnter pater familias. Sozusage ebenbürtig Félix Kama als André Koffi. Die beiden alten Herren auf Augenhöhe. Ein komödiantisches doppeltes Quartett, die vier Paare und die Mütterchen, denen es allemal um den Nachwuchs geht.

Vielleicht könnte sich bei der nächsten Wahl zumindest unser Publikum geschlossen an Monsieur Claude erinnern. Weil es eine andere Welt zur Zeit nicht gibt.




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