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„Ichglaubeaneineneinzigengott“ mit dem Landestheater Tübingen im TAB

Todesengel aus Jerusalem

HAMELN. Ein Stück, das keine Hoffnung zulässt. Drei Frauen – alle drei wie aus anderen, unversöhnlichen Welten – einander schicksalhaft verbunden. Gleichzeitig nah, verknüpft und die verzweifelte Frage, warum sie sich dennoch bekriegen, gegenseitig auslöschen.

veröffentlicht am 15.05.2018 um 14:49 Uhr

Franziska Beyer spielt die drei schicksalhaft verbundenen Frauen – alle drei wie aus anderen, unversöhnlichen Welten. Foto: Martin Sigmund
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Autor

Richard Peter Reporter

Die Israelitin Eden Golan, Professorin für jüdische Geschichte, Shirin Akhras, eine junge Palästinenserin, die als Märtyrerin sterben will und Mina Wilkinson, eine amerikanische Soldatin, die in Israel stationiert ist, um Anschläge zu bekämpfen.

„Ichglaubeaneineneinzigengott“ am Montagabend mit dem Landestheater Tübingen. Es war nicht nur die Grippewelle, die geradezu epidemisch eine ganze Reihe an Vorstellungen im März ausfallen ließ. Franziska Beyer hatte sich eine Sehne verletzt. Was an „Ichglaubeaneineneinzigengott“, nun nachgeholt, so fasziniert – und gleichermaßen traurig und hilflos macht: die Absurdität der Situation, die sich mit Schuldfragen nicht mehr lösen lässt und noch weniger mit Fakten, wie sie täglich neu geschaffen werden.

Fast 60 Tote und tausende Verletzte am Tag der Aufführung, weil Amerikas Präsident unbedingt ein Zeichen setzen wollte und Jerusalem als Hauptstadt des Staates Israel festschrieb, indem er die Botschaft seines Landes in die für so viele Religionen“ Heilige Stadt“ verlegte. Ein Blutbad, das immer weitere Opfer fordern wird. Eine endlose Mordgeschichte mit Provokationen auf allen Seiten, Selbstmordattentaten und Jerusalem wie so oft schon und schon bei den Kreuzzügen als blutgetränkter Boden. Immer auch ein Krieg der Religionen und konkret auf die Bühne gestellt: drei Schicksale, die bei der Uraufführung 2010 noch von drei Schauspielerinnen gespielt wurden. Und hier auf eine Person fokussiert, das Irreale des Konfliks betont.

Die liberale Professorin, die nur noch eines ersehnt: Sicherheit und, gegen ihr Empfinden, für eine Mauer ist, seit sie bei einem Attentat in einem Supermarkt traumatisiert wurde. Immer wieder schweißgebadet nachts aufwacht.

Und die Studentin, die Attentate nachweisen muss, bis sie sich als Märtyrerin von ihrem Leben erlösen kann. Geradezu böse gezeichnet, die Amerikanerin, die das alles nichts angeht – die nur ihren Job macht. Ein Rucksack – sicher hunderte Male auch mit Sprengstoff gefüllt – ist ungeprüft Anlass, die Professorin, die Märtyrerin und eine fremde Frau prophylaktisch zu erschießen. Eine Randnotiz der Medien.

Thorsten Weckherlin, Regisseur der Aufführung, lässt die drei so ungleich-gleichen Frauen von Franziska Beyer spielen. Und die singt eindrucksvoll ein hebräisches Lied, das Jerusalem gewidmet ist. Drei Stühle auf der Bühne vor mit Schlagworten übersäten Mauer-Symbolen. Drei Frauen durch Kopftuch, Schal und amerikanische Flagge unterschieden. Beyer stellt ihre Figuren vor, erzählt, erklärt und schlüpft in ihre Rollen, spielt Situationen. Und immer Bühne als Bühne, die vorführt und vielleicht gerade deshalb fesselt.

Stefano Massini ist mit „Ichglaubeaneineneinzigengott“ eine Parabel gelungen, die in ihrer Absurdität eine ebenso schreckliche wie reale Situation beschreibt.




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