weather-image
17°

Das russische Nationalballett mit dem Tschaikowsky-Hit in der Rattenfänger-Halle

Und jährlich grüßt Schwanensee

veröffentlicht am 19.02.2019 um 10:40 Uhr

Das Bühnenbild des russischen Nationalballetts in der Hamelner Rattenfänger-Halle. Foto: geb
pe

Autor

Richard Peter Reporter
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

HAMELN. Als die Sowjetunion zerfiel, der „Eiserne Vorhang“ porös wurde – eroberten russische Ballett-Compagnien den Westen. Das Zauberwort für „Schwanensee“ und „Nussknacker“: nach Marius Petipa und Lew Iwanow. Klassisches Ballett in Reinkultur, wie es bei uns kaum noch getanzt wurde. Bewegungstanz in immer neuen Choreografien beherrschten die Bühnen. Doch dann, Jahr für Jahr – auch durch neu gegründete Tournee-Ensembles – Tschaikowskys Hits als klassisches Ballett. Auch auf Eis. Kein Weihnachten ohne „Nussknacker“. Das anfangs faszinierende, geradezu grenzenlos bewundert: Mit welcher Präzision sich vor allem das Corps de Ballet präsentierte. Ob Port de bras oder Arabesken – alles im absoluten Gleichklang.

Das konnte nur durch ständiges Training und eiserne Disziplin erreicht werden. So aber reisten die Compagnien quer durch Europa und die Welt. Die Zeiten im Ballettsaal wurden immer kürzer, in den Bussen länger. Es musste gespart werden – im „Nussknacker“, kürzlich erst im Theater, trat statt Eiskönigin und Zuckerfee nur noch Clara auf, die alle Partien tanzen musste.

Nun aber „Schwanensee“ – das „Ballett der Ballette“– am Samstagabend mit dem „Russischen Nationalballett“ in der Rattenfänger-Halle. Vor vielen, vielen leeren oder nur wenig besetzten Stuhlreihen. Schade, denn das Ensemble zeigte klassische Tanzkultur – nicht nur die Solisten. Die Choreografie nach – und darauf liegt die Betonung – Petipa und Iwanow. Aber schon Benno, des Prinzen Freund gegen einen Hofnarren getauscht. Und kaum noch die Geschichte erzählt mit dem Lehrer, der zu tief ins Glas schaut bei Siegfrieds Geburtstags-Party. Auch der Übergang zum ersten „weißen Akt“ verändert – die Gruppe mit den kleinen Schwänen im weißen Tutu mit dem Zauberer Rotbart. Damit wird ein Teil der Wirkung verschenkt, wenn die Schwäne aus der letzten Gasse kommend, in gehüpften Arabesken in Serpentinen zur Rampe tanzen.

Eine der schönsten Szenen, wenn Odette, die Schwanenkönigin, sich alleine glaubt, in Arabeske den Kopf auf die Schulter gelehnt, die Federn glättet. Nur angedeutet, Odettes Flucht auf der Spitze vor dem Prinzen mit flatternden Armen. Perfekt getanzt dafür der große Pas de deux – doch auch die berühmte Figur, wenn die Schwanenkönigin langsam zu Boden sinkt, das linke Knie angewinkelt, das rechte ausgestreckt sich nach vorne beugt und die Hände wie Flügel zusammenlegt. Hier nur wie „nebenbei“ gezeigt.

Legendär – und bezaubernd getanzt – die vier kleinen Schwäne mit ihren perfekt ausgeführten Pas de chat. Auch die Ensembles beeindruckend, auch wenn sich kleine Unterschiede bei den Armbewegungen einschleichen. Ein bisschen lächerlich die in Abständen aus der Gasse auf die Bühne gepusteten Nebelschwaden. Im dritten Akt – der Prinz soll endlich eine Braut wählen – der Auftritt Odettes als Odile, dem „schwarzen Schwan“. Und die Partie, sonst mit einer brillanten Tänzerin solo besetzt, liegt Yelysaveta Barkolova besser als der liebenswerte Charme der Schwanenkönigin. Eine grandiose Leistung, in der Mykhailo Tkachuk zur „Ballettstange“, also Hilfeleistungen, reduziert ist. In den Variationen zeigt er ein paar beachtliche Sprünge und Entrechats. Sergei Fedorkov als Hofnarr brilliert vor allem mit sicheren Pirouetten. Wunderschön die Kostüme, vor allem in den Divertimenti des dritten Aktes – die dennoch nicht darüber hinwegtäuschen können, dass die Rattenfänger-Halle für Sportveranstaltungen gebaut wurde.

Wie von Tschaikowsky vorgegeben – ganz klar: Die Liebe siegt. Einen Tag zuvor endete im Theater die Liebe noch mit dem Tod von Romeo und Julia.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare