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10. Hamelner Tanztheatertage: Ein „Heimatabend“ ohne Heimat

Verkörperte Heimatsuche

HAMELN. Jeder kennt Heimat – auch wenn sie vermutlich keiner wirklich kennt, real benennen könnte. Bestenfalls als Behauptung. Und folgerichtig fern aller Heimat, was als „Heimatabend“ trendy auch bei den 10. Hamelner Theatertagen, wie auch bei der Leipziger Buchmesse als Motto dient.

veröffentlicht am 23.03.2019 um 17:12 Uhr

Mit faszinierender Körperbeherrschung wird vom Ensemble vorgeführt, was man alles mit Tischen machen kann. foto: geb
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Autor

Richard Peter Reporter

Und dagegen gesetzt: Karl Valentins „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ – sozusagen heimatlos und weitgehend fremd, was sich am Donnerstagabend als Tanzstück von Gregor Zöllig mit dem Staatstheater Braunschweig als Selbstzweck präsentiert. Eine, wenn man so will, perfekte Show eines hochkarätigen Ensembles. L’art pour l’art – Tanz um des Tanzes willen, der sich verselbständigt mit einem Etikett, das nicht eingelöst wird. Noch nicht einmal satirisch.

Gezeigt – eine Art Kokon, aus dem sich ein Lebewesen strampelt. Eine Geburt. So ungefähr versuchen Kälbchen auf die Beine zu kommen. Dann ein bewegtes Häuschen, das über die Bühne „tanzt“ und vielleicht für „behaust“ steht – und die alte Zirkusnummer, wenn immer noch jemand aus dem Mini klettert – und vermutlich nur aus der Versenkung auftaucht.

So ein bisschen Menschwerdung – Bevölkerung, die bevölkert und aus den Tiefen des Raums zu kommen scheint – ganz ohne Fußball und nur ein bisschen „Krieg der Sterne“ erinnert. Oder banal die Spiegelkugel aus Resis Ballsaal.

Immer wieder überraschende Bilder mit Stoffbahnen, die allemal sich selber und ihre eigene Ästhetik meinen. Auch in der Pärchen-Bindung. Foto: geb

Dann das große Gerenne. Völkerwanderung – und was als Menschheit gilt, in permanenter Bewegung. Schon jetzt als abstrakte Abwandlung begriffen. Ziemlich kunstlos – und allemal auf unterschiedlichen Klangteppichen als elektronische Stimmungs-Basis.

Zwischendrin – fast herausfallend: eine bezaubernd witzige Kabarett-Szene Italianita mit Pomodoro und Mozzarella di Buffala, Lasagne und Basilikum – ein hinreißend-temperamentvolles Spiel italenischer Genussfülle und Sehnsucht beschworen. Ein Hauch von Heimatabend.

Immer wieder beeindruckende Bilder mit Stoffbahnen, Mumien-Gespenster, die zu Bräuten mutieren – und vorgeführt, was man alles mit Tischen machen kann. Und vermutlich gemeint, dass Tisch mit Essen verbunden wird und mit Heimat, und sei es nur der Duft unterschiedlicher Gewürze. Immer wieder überraschende Bilder, die allemal sich selber und ihre eigene Ästhetik meinen. Auch in der Pärchen-Bindung. Nicht das Thema, das sie sich gestellt haben. Was dennoch fasziniert: die Körperbeherrschung des fünfzehnköpfigen Ensembles, das in seiner Spielart an das Jugendstück „Unstable“ vor ein paar Tagen erinnert, in dem sie – mindestens fünf von ihnen – bereits mitwirkten.

Akrobatik, auch Tanz, Bewegung auf höchstem Niveau und zuletzt vom nicht allzu zahlreichen Publikum à la Rockkonzert bejubelt. Vielleicht sogar froh, der „Heimat“ und sei es auch nur einen Abend lang, entronnen zu sein. Denn natürlich ist Heimat nur eine Definition – bestenfalls ein Gefühl. Vielleicht auch das vom Publikum gefeiert: dass Heimat nicht das ist, was man sentimental von Heimat verlangt. Auch erwartet – meist vorgesetzt bekommt als Zitherspiel und Lederhosen-Dirndl.

Ein Tanzabend und alles andere als ein „Heimatabend“, auch wenn er so benannt wurde. Egal bei einem Ensemble, das sein Metier brillant beherrscht und zudem jede Menge Charme besitzt. Auch wenn es nur ein lächelndes „Hameln“ ins Publikum sülzt. In der Heimat des Ensembles dürfte es Braunschweig heißen.




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