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Michael Krüger, Autor und langjähriger Verlagschef, stellt seinen aktuellen Roman „Vorübergehende“ vor

Vom Fortschritt abgehängt?

HANNOVER. Michael Krüger war einmal ein Visionär. 40 Jahre lang hat er den Hanser- Verlag geprägt, zunächst als Lektor, dann als literarischer Leiter und schließlich als Geschäftsführer. „Dieser Verlag hat sich früh in den Diskursen der Sechzigerjahre engagiert – und Michael Krüger war seit 1968 mit großem Erfolg dabei“, fasst Kulturjournalist Stephan Lohr zusammen, der die Vorstellung von Krügers aktuellem Roman „Vorübergehende“ im Literaturhaus Hannover moderiert. Der Autor selbst demonstriert im Verlauf des Abends, dass er nach 50 Jahren zum Fortschrittsungläubigen geworden ist, einem Kulturpessimisten, für den früher alles besser war.

veröffentlicht am 08.03.2019 um 16:50 Uhr

Michael Krüger hat 40 Jahre lang den Hanser-Verlag geprägt. In seinem neuen Roman hinterfragt er die Optimierung des Lebens. Foto: dpa

Autor:

Thomas Kaestle

Krügers Roman (Haymon Verlag, 195 Seiten, 19,90 Euro) steckt voller abschweifender Geschichten und Positionierungen, voller gebildeter, kulturbeflissener Referenzen und Hintergründe. Damit hält er sich auch im Gespräch nicht zurück. Lohr gibt sich schnell mit der Rolle des Stichwortgebers zufrieden. Die beiden älteren Herren machen zudem keinen Hehl aus ihrer Freundschaft. Gerade die Vorstellung einer Geschichte, deren Erzähler mit einer sich rasch verändernden Gesellschaft hadert, hätte wohl eher einer jungen Frau als Moderatorin gutgetan, jemand mit weniger Verständnis für den Autor.

Selbst Lohr weist darauf hin, dass es bisweilen schwerfalle, die Position des namenlosen Erzählers nicht für die des Autors zu halten. Einerseits lamentiert Krüger anhand seines Protagonisten über Überforderungen durch eine als zunehmend seelenlos empfundene Welt. Andererseits porträtiert er den desillusionierten Motivationscoach als ratlosen Besserwisser auf der Suche nach Erlösung. Der 75-jährige Autor hinterfragt den Drang nach Optimierung des eigenen Lebens und wirkt im Gespräch schnell wie ein vom Fortschritt Abgehängter. Seine Ansichten über „diese Internetgeschichte“ klingen allzu oft nach Stammtischklischees.

„Man will uns sagen, was wir denken sollen“, klagt Krüger und ist sich sicher: „In der Realität bist du verloren, wenn du eine abweichende Meinung hast.“ Er geht so weit, bürgerliche Gesellschaft und Humanismus als gescheitert zu erklären. Auch der – von Experten regelmäßig widerlegte – Allgemeinplatz, Kindern seien Bücher fremd geworden, darf nicht fehlen. Krüger lässt seinen korrumpierten Möchtegern-Aussteiger im Roman auf eine archaische Heldin aus einer eigenen, mysteriösen Welt treffen, in der noch alles analog, naturnah und unmittelbar ist.

Der nimmt das Mädchen, dessen Alter und Herkunft im Dunkeln bleiben, bei sich auf und versucht, von ihrem Blick auf die Welt zu profitieren. Der äußert sich wesentlich durch fast manisches Zeichnen – zentraler Berührungspunkt mit dem namenlosen Kunstliebhaber. „Vorübergehende“ ist ein wenig Wolfskind-Mythos und Autismusromantik, vor allem aber eine Eskapismusgeschichte. Flucht und Distanz drücken sich auch in Krügers Sprache aus, der es oft an Lebendigkeit fehlt. Gerade seine weitgehend kunstwissenschaftliche Schilderung von Bildern scheint in einem altmodischen Kulturbegriff zu wurzeln. Und vermutlich in großer Sehnsucht nach einer guten alten Welt.




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