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Weihnachtspredigt zwischen „Blabla“ und „Zumutung“

Wie politisch darf die Weihnachtspredigt sein, was dürfen Pfarrer in der Christmette ihren Hörern zumuten? Eine „Werbeagentur für Gott“ wolle er dabei auf keinen Fall sein, sagt einer von ihnen.

veröffentlicht am 24.12.2018 um 11:00 Uhr

Pastor Steffen Reiche spricht bei der Weihnachtsandacht in der evangelischen Kirchengemeinde in Berlin Nikolassee. Foto:/dpa

Autor:

Esteban Engel

BERLIN. Die Sitzbänke sind bis auf den letzten Platz besetzt, Kinderaugen glänzen – es ist „Stille Nacht, Heilige Nacht“. An Weihnachten bekommen die Kirchen Zulauf wie sonst nie im Jahr. Menschen, die sich hier sonst selten oder nie blicken lassen, besinnen sich in diesen Tagen auf den Glauben. Für Pfarrerinnen und Pfarrer ist das die Chance: Heiligabend ist die beste Zeit zur Aussendung der christlichen Botschaft. Aber erreichen sie mit den Predigten auch ihre Adressaten?

Mitgliedsschwund (bei aktuell allerdings steigenden Steuereinnahmen), Missbrauchskandale (bei den Katholiken), Sorgen um Bedeutungsverlust belasten die Kirchen. Zu Weihnachten können sie sich noch mehr als sonst öffnen – auch jenseits ihrer 45 Millionen Mitglieder. Es sind die wichtigsten Tage für die kirchliche Kommunikation, sagt Martin Germer. Der Pfarrer der Berliner Gedächtniskirche muss es wissen. Das evangelische Gotteshaus zwischen KaDeWe und Bahnhof Zoo hat kein Besucherproblem. Auch am 24. und 25. Dezember wird die Kirche voll sein.

Doch viele, die sonst nicht in die Kirche gingen, hätten zu Weihnachten „unbestimmte hohe Erwartungen“, sagt Germer. Es sei immer wieder eine Herausforderung, dann auch solche kirchenfernen Besucher anzusprechen. „Ich möchte schon versuchen, den Menschen einen Denkanstoß zu geben“, beschreibt Germer seinen Anspruch.

Die Weihnachtsgeschichte bietet sich als Parabel für allerlei politische und existenzielle Fragen an. „Ein Beispiel ist der Satz: ,Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge’“, sagt Germer. „Natürlich kann man hier einen Bezug zur Lage der Flüchtlinge herstellen. Aber man kann auch über Menschen sprechen, die im übertragenen Sinne innerlich unbehaust sind, die sich fremd fühlen.“

Weihnachten ist das Fest der Liebe – aber wieviel Politik verträgt das Fest? Im vergangenen Jahr hatte „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt eine Debatte nach einer Predigt des evangelischen Pfarrers Steffen Reiche aus Berlin-Nikolassee ausgelöst. „Wer soll eigentlich noch freiwillig in die Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“, twitterte der Journalist. Wochenlang wurde daraufhin über Sinn und Zweck von politisch gefärbten Kanzelreden diskutiert.

Ein Jahr danach gibt sich Theologe Reiche, ehemaliger Minister in Brandenburg und früherer SPD-Politiker, gelassen. „Ich predige nie politisch, sondern gehe immer vom Wort Gottes aus und sage dann etwas zur Lage in der Welt“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Viele Pfarrer reden nur Blablabla, das sie irgendwann im Theologiestudium gelernt haben - aber das interessiert die Menschen nicht.“ In seinen Predigten formuliere er Ängste und Hoffnungen, „die die Menschen und auch mich bewegen“. Zwanzig Jahre sei er im Parlament gewesen, er wisse, welcher Ort welche Rede brauche, sagt Reiche. „Wenn Sie mit einem geliebten Menschen auf dem Sofa sitzen oder im Bett liegen, werden Sie auch nicht über Umweltfragen reden.“ Dennoch wolle er sich nicht verleugnen. „Mein Pfarrersein habe ich in die Politik gebracht und mein Leben als Politiker habe ich in meinem Dasein als Pfarrer mitaufgenommen.“

Zwar wolle er mit seinen Predigten auch Menschen erreichen, die sonst nicht in die Kirche gehen. Auf Schäfchenfang gehe er damit nicht. „Ich bin keine Werbeagentur für Gott – das macht Gott selber viel besser.“ Ein bisschen Realitätssinn könnte der Kirche nicht schaden, meint Christian Weisner von der katholischen Bewegung „Wir sind Kirche“. Ob der Umgang mit der Ökumene oder die Missbrauchsskandale – „die Weihnachtspredigt muss politisch sein“. Eine Rede „von der Rückseite des Mondes“ wolle er nicht hören. Doch er stelle auch fest: Wie der Kaufrausch zum Weihnachtsfest habe sich auch bei den Gottesdiensten eine Konsumhaltung bei den Kirchgängern durchgesetzt.

„Predigten, die die Welt verändern - wer wünschte sich das nicht“, schrieb die Pfarrerin Kathrin Oxen in einem Beitrag für „Die Zeit“. Die Theologin ist Fachfrau für das Kirchenwort. Von 2012 bis zu diesem Jahr leitete sie das Zentrum für evangelische Predigtkultur in Wittenberg. Seit kurzem ist sie neben Germer Pfarrerin an der Gedächtniskirche. Wer von der Kanzel herab spreche, müsse wissen, was die Menschen hören wollten, so Oxen. Der Köder müsse eben dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Eine Predigt dürfe keine Vorlesung sein, solle persönlich und nicht privat sein, in direkter Sprache gehalten und prägnant. Sonst könnten drei Minuten zur Ewigkeit werden. Die Pfarrerin warnt vor zuviel Politik. Die Antwort auf die Frage, wie ein Christ oder eine Christin zu leben habe, könne ihnen kein Prediger abnehmen. Die Predigt solle zum Nachdenken anregen, aber: „Politisch zu wirken, sollte sie sich nicht vornehmen. Das geht meistens schief.“




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