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Bei der VT Rinteln wird Erfolgsgeschichte geschrieben / Es muss nicht gleich der „Jägersalto“ sein

Kann Turnen noch begeistern?

veröffentlicht am 01.11.2018 um 14:00 Uhr

Turnen vereint: VTR-Trainer Bernd Jäger mit seinen Talenten Julius, Lars, Vadim, Tobias und Danny. Auf dem kleinen Bild übt eine Gruppe Mädchen den Handstand. Fotos: Quander

Autor:

HELMUT QUander

LANDKREIS. In vielen Sportvereinen im Landkreis ist das Kunstturnen im Kinder- und Jugendbereich rückläufig, da oft qualifizierte Übungsleiter fehlen und die Geräteausstattung in den meisten Sporthallen in die Jahre gekommen ist. Eine nachhaltige Motivation für das Turnen kann für interessierte Kinder nur aufgebaut werden, wenn abwechslungsreiche Gerätearrangements zur Verfügung stehen, die leicht aufzubauen sind und an denen Erfolgserlebnisse vermittelt werden können. Eine positive Ausnahme mit Vorbildfunktion ist die Abteilung der Vereinigten Turnerschaft Rinteln (VTR).

Von den etwa 2000 Mitgliedern sind nach Auskunft der VTR-Geschäftsstelle etwa 1500 im weitesten Sinne turnerisch aktiv. Zum vielfältigen Turnangebot in den verschiedenen Alters- und Leistungsstufen kommen das Trampolinspringen und das Rhönradturnen noch dazu. Die große Bedeutung des Turnens für die koordinative und konditionelle Entwicklung der Kinder sieht auch der VTR-Vorsitzende Karl-Heinz Frühmark:: „Turnen ist die Grundlagenarbeit für alle anderen Sportarten.“

Die Kreissporthalle in Rinteln bietet den jungen Turnerinnen und Turnern beste Voraussetzungen, da für das leistungsorientierte Turnen ein extra eingerichteter Kunstturntrakt zur Verfügung steht. Die Gerätschaften müssen nicht auf- und abgebaut werden, sodass die Trainingszeit effektiv genutzt werden kann. Für ein differenziertes und altersspezifisches Kunstturnen stehen ausreichend Geräte bereit. Alles ist sicherheitstechnisch sehr gut ausgelegt. Zusätzlich kann der Gymnastikraum für das Bodenturnen genutzt werden. Ein weiterer langer Hallentrakt steht mit kleinen und großen Trampolinen, Kästen, mehreren Schwebebalken und einer Kletterwand zur Verfügung.

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Ein Glücksfall für die VTR war die Verpflichtung von Bernd Jäger als hauptamtlichen Trainer für die Kunstturnabteilung im März 2001. Der international sehr erfolgreiche Turner gewann mit der DDR-Mannschaft die Bronzemedaille bei den Weltmeisterschaften in Warna und bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal im Mannschaftswettbewerb. Bei den DDR-Meisterschaften sammelte er insgesamt fünf Titel. Mit dem von ihm kreierten „Jägersalto“ leitete er ab 1974 die Tendenz zu mehr Flugelementen im Reckturnen ein. Nach seiner aktiven Karriere war Jäger als Trainer bei seinem Heimatverein ASK Vorwärts Potsdam engagiert und trainierte später von 1997 bis 2000 die finnische Nationalmannschaft, bevor er 2001 zur VTR kam. Seit Mai 2018 begleitet der bald 67-jährige Ruheständler nur noch das männliche Turnen. Seine jüngsten Erfolge hatte Jäger bei den Landesmannschaftmeisterschaften in Göttingen (siehe Bericht auf dieser Seite). In der Altersgruppe der Jugend E waren unter anderem Tobias Tschense, Danny Schneider und Vadim Gordasch dabei, die über ihre Turnmotivation berichten.

Tobias (10) begann seine turnerische Laufbahn beim VfL Bückeburg. Bernd Jäger erkannte das Talent und holte es zur VTR. Im Juni gewann Tobias den Landesmeistertitel seiner Altersklasse in Scheeßel im Kürsechskampf (Boden, Pferd, Ringe, Sprung, Barren und Reck). Sein großes Ziel: „Ich möchte auch mal an einer Olympiade teilnehmen.“ Sein Trainer ist sein großes Vorbild. Danny, Fan von Borussia Dortmund, kam über die Grundschule Rinteln Nord zum Turnen. Er hat Spaß und turnt, damit er nicht so viel wiegt und „immer schön schlank“ bleibt. Vadim war gerade beim Futsal in der Halle, als er nebenan die Turner sah. Er war vom Zusehen so begeistert, dass er spontan die Sportart wechselte.

Lars Glöckner (14) und Julius Syring (12) komplementieren die Trainingsgruppe. Lars, ebenfalls Landesmeister 2018 im Kürsechskampf der Jugend B und nach Jägers Einschätzung der leistungsstärkste Turner im Kader, trainiert gerade den Übergang von der Riesenfelge in die Staldergrätsche. Lars und Julius turnen schon in der Ligamannschaft der Landesklasse, der zweithöchsten des NTB.

An diesem Trainingsnachmittag wird der Kunstturntrakt von den jungen Leistungsturnern voll in Anspruch genommen. Es stört sie nicht, dass ein paar Turnanfänger unter Anleitung ihrer Übungsleiterin freie Geräte ausprobieren. In der entspannten Atmosphäre lässt der Trainer die Jungen auch mal „an der langen Leine“ laufen, wenn sie sich am Trampolin etwas auflockern oder für einen Moment mit dem Ball kicken. Beginnen sie mit einer Turnübung, sind sie wieder höchst konzentriert bei der Sache. Die Kritik des Trainers kommt sofort: „Bitte die Riesenfelge mit geraden Knien turnen“ oder: „Ich will keine Banane sehen.“ Hier wird Jägers Anspruch deutlich: „Die Grundlagen müssen technisch richtig gelegt werden.“

Zur gleichen Zeit trainieren etwa 30 Mädchen unter Leitung von Manuela Zerbst, Abteilungsleiterin Turnen weiblich, im Gymnastikraum der Kreissporthalle. Schon das intensive Aufwärmen mit Lauf- und Sprungkombinationen sowie Spreiz- und Dehnübungen macht deutlich: hier geht es um Leistungsturnen. Danach werden Handstände und Überschläge geturnt.

Besonders beliebt ist das Anfängerturnen für Mädchen im Alter von vier bis sechs Jahren. Hier tummeln sich 25 Kinder im zweiten Seitentrakt der Halle. Übungsleiterin Lena Glöckner ist begeistert aufgrund der Nachfrage. Es gebe sogar eine Warteliste, so die Übungsleiterin. Einige Eltern bringen ihre Kinder aus den Nachbarorten, sogar aus Hessisch Oldendorf, „weil hier alles passt“. Etwas weiter im gleichen Trakt ermutigt Übungsleiter Marc Becker die zwölf- bis 16-jährigen Mädchen, ihre Ängste am Schwebebalken abzubauen.

Der gesamte Trainingsbetrieb verläuft in einer freundlichen und lockeren Atmosphäre, zu der die Übungsleiterinnen und -leiter mit ihrer Kompetenz und persönlichen Zuwendung wesentlich beitragen. Turnen soll ja schließlich Spaß machen und hat bei der VTR ganz sicher eine Zukunft.




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