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Nach der Echo-Verleihung: Liuben Dimitrov und Aglika Genova legen die nächste Einspielung vor

Jenseits der großen Namen

Sie wurden mit dem Echo ausgezeichnet, haben jetzt ihre nächste Einspielung vorgelegt und wenn sie etwas Ruhe vom stressigen Alltag benötigen, dann finden sie diese im Auetal. Dort ist das Klavier-Duo Liuben Dimitrov und Aglika Genova nämlich zu Hause, wenn es nicht irgendwo in der Welt konzertiert.

veröffentlicht am 03.04.2018 um 16:01 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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REHREN. Es ist schon ein paar Tage her, aber 1996 gewann das junge Klavierduo Liuben Dimitrov und Aglika Genova den zweiten Preis beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD, ein erster wurde damals nicht vergeben. Es war der Beginn einer Weltkarriere für das aus Bulgarien stammende, mittlerweile deutsche Künstlerehepaar.

Heute blicken sie auf die Einspielung von mehr als einem Dutzend CDs zurück, im letzten Jahr wurden sie für ihre Bartok-Aufnahmen mit dem Echo ausgezeichnet, dem renommiertesten deutschen Klassik-Preis. Für das Ehepaar kein Grund, sich auf diesen Lorbeeren erst einmal auszuruhen, ganz im Gegenteil, bei ihrer neuesten Einspielung sind sie bei zwei Künstlern fündig geworden, die dem musikalischen Laien eher weniger geläufig sind: Carl Czerny und Max Bruch.

Zugegeben, das sind nun nicht die ganz großen Komponistennamen, aber es muss ja nicht immer die nächste Chopin- oder Schumann-Einspielung sein, denn der vorliegenden Kanon ist mehr als ausreichend, da bieten sich Komponisten aus der durchaus ehrenwerten zweiten Reihe für spannende Entdeckungen an.

Max Bruch war ein Pessimist, ständig war er am klagen, dazu kam in seinen Augen künstlerisches Pech: Sein „Erstes Violinkonzert“ war gleich zu Beginn seiner Karriere der ganz große Wurf und überstrahlte das spätere Schaffen. Aus seiner Sicht war es mehr als ärgerlich, dass sein wirklich schönes Konzert für zwei Klaviere und Orchester, das das Auetaler Duo jetzt eingespielt hat, nach nur wenigen Aufführungen im Jahr 1909 für fast sieben Jahrzehnte (!) in der Versenkung verschwand. Die letzte Aufnahme ist zwanzig Jahre alt, daher kommt die Neuaufnahme gerade recht.

Das Duo mag Bruch: Liuben Dimitrov und Aglika Genova erhielten während einer US-Tournee das Notenmaterial des Konzertes für zwei Klaviere und Orchester, „und als wir das Werk ausprobierten und später einstudierten, entfachte die schier überwältigende Musik in uns eine bis heute andauernde unbändige Begeisterung für das Genie Max Bruchs, eines Komponisten, der bis dahin repertoirebedingt nicht gerade im Mittelpunkt unserer künstlerischen Planungen stand“, erklärt Liuben Dimitrov. Nach der Premieren-Aufführung des Konzertes habe daher festgestanden: „Wir mussten uns ins Œuvre Bruchs unbedingt vertiefen.“ Gesagt, getan, auch wenn Bruchs „Fantasie für zwei Klaviere op. 11“ noch stärker in Vergessenheit geriet, aus Sicht des Auetaler Duos ist es eine Ersteinspielung, die sie auf ihrer CD vorlegen. Bruch selbst hielt diese vergessene Fantasie für eines seiner besten Werke, das zehnminütige Werk wird als stimmiges Ganzen von Genova und Dimitrov höchst überzeugend serviert.

Carl Czernys „Konzert für Klavier zu vier Händen und Orchester“ mag nicht der Höhepunkt der romantischen Konzertliteratur sein. Doch seine künstlerische Substanz ist erstaunlich: Mit perlender Virtuosität liefert das Klavierduo ein überragendes Plädoyer für dieses Werk, das wieder einmal zeigt, um wie viel besser Czerny komponierte, als es sein zweifelhafter Ruf als Vielschreiber suggeriert, Czerny hat ja mit einer barocken Selbstverständlichkeit alles komponiert, was man bei ihm bestellte, er gilt als einer der fleißigsten Komponisten aller Zeiten. Aber für die beiden Musiker ist er eben nicht nur der gefürchtete Etüden-Zuchtmeister, den sogar ihr Automechaniker namentlich kannte, weil seine Tochter sich mit seinen Etüden befasst hatte: Sie sehen in Czernys unaufhaltsam prickelndem Konzert Op. 153 für Klavier zu vier Händen und Orchester den Lehrer von Franz Liszt und den „Brückenbauer“ zur Romantik.

Letzte Frage: Wie hat denn der Echo das Leben der beiden beeinflusst? Es hagelte Gratulationen, von bekannten und unbekannten Menschen, erzählen beide, also große Freude, der Preis ist zweierlei: persönliche Anerkennung und musikalische Referenz. Und „das unbeschreibliche Glücksgefühl“ werde von einem Gefühl der größeren Verantwortung begleitet, sagen sie: „Eine Verantwortung gegenüber den Erwartungen von unseren Medien- und Konzert-Auftritten seitens des Publikums weltweit, die eben nach dem Echo, ähnlich wie etwa nach einem Olympiasieg, auch höher geworden sind.“

Carl Czerny und Max Bruch: Konzerte für Klavierduo mit Orchester und Welterstaufnahme einer Bruch-Fantasie für zwei Klaviere mit dem Piano Duo Genova & Dimitrov, Label cpo, Bestellnummer: 6096052.

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