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Expertin: Keine Streuobstwiesen, keine Vielfalt

Warum sind die alten Apfelsorten alle weg?

ESCHER. Das Uchter Saftmobil war zu Gast in Escher. Viele nutzten die Gelegenheit, die Äpfel aus eigener Ernte zu leckerem Saft verarbeiten zu lassen. Im Auetal gibt es, im Gegensatz zum modernen Anbau, noch eine gewisse Vielfalt an Apfelsorten. In Supermärkten gibt es heute noch etwa 15 Sorten Äpfel, die letztlich auf nur drei Sorten und bestimmten Eigenschaften basieren: süßer, fruchtiger Geschmack, gute Erträge, Fruchtgröße und Einheitlichkeit.

veröffentlicht am 12.10.2018 um 16:03 Uhr

Nur selten sind die Äpfel in der Natur so gleichmäßig wie auf diesem Auetaler Baum. Foto: rnk
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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ESCHER. Wer seine Äpfel pressen lassen wollte, musste Geduld mitbringen: Von der ersten Minute an bildete sich eine lange Schlange vor dem Uchter Saftmobil, die bis in den späten Nachmittag nicht abriss. Vor zwei Jahren war die mobile Presse das erste Mal im Dorf, es war ein großer Erfolg, zuvor wurde vereinzelt zum Pressen gefahren. „Über vier Tonnen“, so schätzte Heini Tegtmeier, seien jetzt – bei der Zweitauflage – gepresst worden.

Escher, sagt der Ortsvorsteher, habe noch sehr viele Apfelbäume. So mancher, der heute hier pressen lassen wollte, habe bis zu acht Sorten auf seiner Wiese stehen. „Teilweise“, so Tegtmeier, „kann man gar nicht alles pflücken.“

Das ist erstaunlich und erfreulich, denn in den Supermärkten findet der Verbraucher heute noch etwa 15 Sorten Äpfel, die letztlich auf nur drei Sorten und bestimmten Eigenschaften basieren: süßer, fruchtiger Geschmack, gute Erträge, Fruchtgröße und Einheitlichkeit, meistens pflegeintensiv und auf Plantagen angebaut.

Äpfel aus dem Auetal: Mal groß, mal klein – und damit für den Supermarkt nicht geeignet. foto: rnk
  • Äpfel aus dem Auetal: Mal groß, mal klein – und damit für den Supermarkt nicht geeignet. foto: rnk

Das war einmal ganz anders: Obstkundler gehen zwar davon aus, dass es im 19. und 20. Jahrhundert mindestens 2000 bis 3000 Apfelsorten im deutschsprachigen Raum gab, aber heute sind sie überwiegend verschwunden.

Dass früher mehrere Apfelsorten angebaut wurden, hatte unterschiedliche Gründe. Die Menschen versorgten sich mit dem, was im Garten und auf der Wiese saisonal zur Ernte anstand. Die Vielfalt der Äpfel wurde von der Hausfrau durchaus genutzt: Einige waren gut fürs Kochen und Backen, andere für Apfelwein oder Nachtische; manche Sorten kamen in den Keller, weil sie dort monatelang lagern konnten, andere wurden schnell verarbeitet und verbraucht. Mancher wird sich gern erinnern: Es gab damals ein halbes Jahr lang frisches Obst, da einige Apfelsorten im Sommer reif waren, andere im späten Herbst.

Doch Streuobstwiesen wie einst, vor einem halben Jahrhundert, muss man heute mit der sprichwörtlichen Lupe suchen. Warum sind sie und damit die Apfelvielfalt verschwunden?

Ein Anruf bei Sabine Fortak könnte Klarheit schaffen, sie ist Expertin und zuständig für die „Arbeitsgemeinschaft Streuobst im Naturschutzbund Niedersachsen“. Verschwunden seien diese Wiesen in unserem Bundesland, sagt sie, „weil die Streuobstwiesen in Niedersachsen – anders als in Bayern und Baden-Württemberg – nicht geschützt sind“. Es ist in ihren Augen eine „verfehlte Politik, seit Jahrzehnten, sie nicht als typische Landschaftsbestandteile auszuweisen und damit Förderung und Schutz möglich zu machen“. Die Folge: „Nun gibt es sie nicht mehr, obwohl sie früher um jedes Dorf herum zu finden waren.“

Naturschutzbund und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland sowie die Arbeitsgemeinschaft Streuobst würden so viel pflanzen wie möglich, „aber das reicht längst nicht, um den Rückgang aufzuhalten“. Schließlich gab es in den Fünfzigerjahren zehn mal mehr Obst als jetzt. „Diese Bäume sind alle alt und sterben nun ab. Ersatz gibt es wenig.“ Denn Nachpflanzungen habe er erst ab den Siebzigerjahren gegeben – und da habe man häufig falsche Sorten gepflanzt, die nicht robust genug waren, und wusste zudem nicht, wie man sie pflegen sollte: „Die gibt es meist auch nicht mehr.“

„Generell“, sagt Fortak, „ist das Obst viel zu billig, es lohnt für keinen Bauern.“ So bleibe alles hübsch in der Hand der Ehrenamtlichen, fährt sie fort: „Die kommen und gehen, wie sie es eben gebacken kriegen. Und so gibt es überall immer wieder Pflegenotstände und verwildernde Obstwiesen.“ Manche Naturschützer, sagt sie, „finden das sogar gut, ohne daran zu denken, dass auch offenes gemähtes Land zum Beispiel für den Steinkauz lebensnotwendig ist und wir in der borealen Klimazone sowieso ganz schnell verbuschen und verwalden“.




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