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Hohnhorsterin gewürgt und geschlagen: Prozess „nicht im öffentlichen Interesse“

Angriff bleibt ohne Strafe

LANDKREIS. Nach einem Übergriff hat eine Studentin aus Hohnhorst einen jungen Mann wegen Bedrohung und Körperverletzung angezeigt. Nun teilt die Staatsanwaltschaft der 21-Jährigen mit, dass es kein „öffentliches Interesse“ an einem Strafprozess gebe.

veröffentlicht am 03.12.2018 um 17:22 Uhr

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Autor:

gerrit brandtmann
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LANDKREIS. Ein eskalierter Streit an einem Juliabend in Laatzen hat das Leben einer Studentin aus Hohnhorst komplett aus den Fugen geraten lassen. Nach einem Übergriff hatte sie einen jungen Mann wegen Bedrohung und Körperverletzung angezeigt. Nun teilte die Staatsanwaltschaft der 21-Jährigen mit, dass es kein „öffentliches Interesse“ an einem Strafprozess gebe.

„Ich hab das Gefühl, ich stehe vollkommen alleine da. Durch das Schreiben fühle ich mich auch noch schuldig“, sagt die junge Frau, die ihren Fall öffentlich machen will. An dem Sommerabend hatte eine Freundin sie gebeten, sie zu einem Treffen mit zwei Männern in einer Wohnung in Laatzen zu begleiten. Nachdem dort etwas Alkohol geflossen war, sei der Gastgeber gegenüber der Hohnhorsterin immer aufdringlicher geworden. „Er machte mir Komplimente, aber ich war vergeben und nicht an ihm interessiert“, erzählt sie über den Abend. Die Stimmung kippte. „Er kam mir immer näher und sagte Sachen, wie ‚Frauen sind nur zum Vögeln da‘ oder dass ich vielleicht hübsch, aber dumm sei.“

Die Studentin gab kontra, der Streit lief aus dem Ruder und ihr rutschte eine Beleidigung heraus. „Plötzlich stürmte er auf mich zu und würgte mich mit einer Hand, sein Kumpel zog ihn wieder zurück.“ Als ihre Freundin aus einem anderen Zimmer dazukam, wollten beide Frauen gehen. Im Hausflur habe ihr der Angreifer noch einmal nachgesetzt und ihr eine Ohrfeige verpasst.

Tags darauf zeigte sie den Mann in Bad Nenndorf an. „Die Polizei hat den Fall sehr ernst genommen und gesagt, der Täter sei ihr schon bekannt, aber nicht vorbestraft.“ Äußerliche Verletzungen hatte die Hohnhorsterin nicht davon getragen, seelisch traf sie die Attacke aber bis ins Mark. „Ich habe gleich gemerkt, dass ich das nicht so einfach wegstecken werde.“ Von der Situation überfordert, habe sich ihr Freund kurz darauf von ihr getrennt, anstatt sie zu unterstützen. „Ich konnte nicht mehr schlafen und hatte Angst, das Haus zu verlassen“, schildert die Betroffene.

Vom Hausarzt bekam sie etwa fünf Tage nach dem Vorfall eine Überweisung in die Psychiatrie nach Wunstorf, dort diagnostizierten die Ärzte eine schon länger schlummernde Depression und Borderline-Störung. Für eine zweimonatige Therapie wurde sie von dort in eine Klinik in Schleswig überwiesen. Seit Oktober wieder zu Hause und noch immer in Behandlung, ist ihr Leben immer noch nicht wieder im Lot.

Das aktuelle Schreiben der Staatsanwaltschaft versetzte ihr den nächsten Schlag. Darin ist die Rede von gegenseitigen Provokationen, die zu dem Konflikt geführt hätten, und der Beschuldigte wird als nicht gewalttätig eingestuft. Lediglich der Weg der Privatklage wird der Betroffenen angeboten, sofern sie sich davon Erfolg verspreche. „Anklage wird nur erhoben, wenn eine Verurteilung auch wahrscheinlich ist“, erklärt Thomas Klinge, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, auf Anfrage. Was in diesem Fall fehle, sei der „zweifelsfreie Tatnachweis“. Es habe keine blauen Flecken gegeben, auch die Zeugenaussagen würden keinen Verdacht begründen. „An der Unschuldsvermutung muss sich auch die Staatsanwaltschaft orientieren“, so Klinge.

Ingetraud Wehking von der Frauenberatungsstelle Basta rät Frauen dazu, sich schon vor einer Anzeige rechtlich beraten zu lassen. Denn schon wie diese gestellt wird, spiele eine Rolle. „Es ist zum Beispiel eine andere Situation, wenn sich der Angriff gegen die sexuelle Selbstbestimmung richtet“, so Wehking. „Aber jede Staatsanwaltschaft entscheidet bei solchen Vorfällen im privaten Bereich anders.“

Eine psycho-soziale Beratung könne einer Betroffenen zudem bei der Abwägung helfen, ob sie einen Prozess mit ungewissem Ausgang aus eigener Kraft durchsteht und sie auch während des Verfahrens begleiten.




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