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Kindesmissbrauch auf Campingplatz

Beweisstücke im Fall Lügde verschwunden - Sonderermittler eingesetzt

Düsseldorf. Im Fall des vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde hat Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) nach dem Verschwinden von wichtigen Beweisstücken mehrere Sonderermittler eingesetzt. Ein Koffer und eine Hülle mit etwa 155 Datenträgern würden seit mehreren Wochen in der Kreispolizeibehörde Lippe vermisst, teilte Reul am Donnerstag in Düsseldorf mit.

veröffentlicht am 21.02.2019 um 17:37 Uhr
aktualisiert am 21.02.2019 um 19:48 Uhr

Lügde

Im Fall des vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz bei Detmold ist seit mehreren Wochen Beweismaterial verschwunden. Ein Koffer und eine Hülle mit 155 Datenträgern würden in der Kreispolizeibehörde Lippe vermisst, teilte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag in Düsseldorf mit. Vier Sonderermittler seien eingesetzt worden, um das Verschwinden aufzuklären.

Das Fehlen der Asservate sei erst am 30. Januar bemerkt worden. Nur drei CDs davon seien bisher ausgewertet worden. Ob auf den Datenträgern mit 0,7 Terabyte Speicherplatz auch kinderpornografisches Material war, sei daher unklar. „Man muss hier klar von Polizeiversagen sprechen“, sagte Reul. Der größte Teil von 15 Terabyte Filmmaterial war von der Polizei aber bereits gesichert worden.

Polizei räumt Fehler ein und kündigt Konsequenzen an

Am Abend meldete sich auch die Kreispolizeibehörde Lippe zu dem Vorfall: "Bei den Ermittlungen im Missbrauchsfall Lügde ist es in der Kreispolizeibehörde Lippe zu eklatanten Fehlleistungen gekommen. Diese hätten nicht geschehen dürfen", heißt es in einer Mitteilung. Demnach habe die Behördenleitung am vergangen Montag einen unabhängigen, bislang nicht mit dem Fall betrauten Kommissariatsleiter beauftragt, die Vorgänge zu untersuchen. Seit Mittwoch sei auch das Landeskriminalamt (LKA) NRW im Auftrag des Innenministeriums NRW mit der Untersuchung befasst.

In dem Statement heißt es weiter: "Die Kreispolizeibehörde Lippe hat ein großes Interesse an einer vollständigen und rückhaltlosen Aufklärung des Sachverhalts. Das ist mit Blick auf die betroffenen Familien auch unbedingt erforderlich. Notwendige Konsequenzen werden nach Vorliegen der Berichte zu ziehen sein."

 

Erschütternder Missbrauchsfall

Unter dem Verdacht des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und der Verbreitung von Kinderpornografie sitzen als Hauptverdächtige ein 56-Jähriger aus Lügde, ein 33-Jähriger aus Steinheim und ein 48-Jähriger aus Stade in Niedersachsen in Untersuchungshaft. Bislang sind 31 minderjährige Opfer im Alter zwischen 4 und 13 Jahren identifiziert. Sie kommen zum Großteil aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch eine Anzeige im November 2018. Zusätzlich zu den Ermittlungen gegen die Tatverdächtigen und mehrere Jugendämter steht auch die Polizei in der Kritik. Gegen zwei Beamte wird Reul zufolge wegen Strafvereitelung ermittelt. Es werde genau geprüft, ob sie die Tatverdächtigen möglicherweise persönlich kannten. Warum die Datenträger aus dem Raum in der Polizeibehörde Lippe verschwunden sind, konnte Reul zunächst nicht sagen. Er wollte einen Vorsatz nicht ausschließen.

Bereits 2016 sollen zwei Hinweise auf sexuellen Missbrauch bei der Polizei Lippe eingegangen sein. Nach Telefongesprächen mit den Zeugen leiteten die Beamten die Hinweise an das Jugendamt weiter - weitere Schritte blieben aber aus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt daher auch gegen die Polizei. Bei einer weiteren Person geht es um den Verdacht der Datenlöschung. Gegen diesen Verdächtigen führt die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung. Es wird geprüft, ob die Person Daten für einen der drei Hauptverdächtigen gelöscht hat und eine Bestrafung verhindert werden sollte.

Nicht die erste Panne

 Es ist nicht die erste Behördenpanne um den Kindessmissbrauch auf dem Campingplatz in Lüge (31 Opfer). Am Dienstag hatte Tjark Bartels, Landrat des Kreis Hameln-Pyrmont, Fehler im zuständigen Jugendamt eingeräumt. Der Mitarbeiter habe im Dezember ein Vermerk angefertigt und unter einem anderen Datum in die Akte des Pflegekinderdienstes über Andreas V. und seine Pflegetochter eingefügt. „Nach unserem Eindruck sollte der spätere Leser der Akte eine andere Wahrnehmung bekommen“, sagte Bartels. Um einen falschen Inhalt sei es dabei nicht gegangen. Aber, so Bartels: „Es geht um Aktenintegrität.“ Eine Rückdatierung werde zum Problem, wenn der, der sie vornehme, das viel später mit einem Wissen tue, das er zum vorgeblichen Erstellungszeitpunkt am 20. Juni noch nicht gehabt habe. Und: Wenn die Person damit eine bestimmte Zielsetzung verfolge: dass nämlich ein späterer Leser eine bestimmte Wahrnehmung bekommen sollte.

Offenbar versuchte die „Führungskraft“ (Bartels), also wohl der Jugendamtsleiter, im Bemühen um einen besseren Eindruck den Anschein zu erwecken, als habe es im vergangenen Sommer eine „eindeutige Lage“ gegeben. Konkret ging es um die Zusammenfassung eines Kontaktbesuchs mit einem neuen Träger der Familienhilfe auf dem Elbrinxer Campingplatz. Der schwierige und komplexe Abwägungsvorgang sei im Nachhinein geglättet zusammengefasst worden. Bartels: „Es ist falsch, ein Dokument im Nachhinein einzufügen.“

 Mit dpa-Material.




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