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Leinenpflicht unter die Lupe genommen

Das Grübeln am Ende der Leine: Brut- und Setzzeit beginnt

RINTELN. Seit dem 1. April ist sie vorbei, die „schöne Zeit“ des Frühlings – zumindest für Hundehalter, denn für sie gilt seitdem Leinenpflicht während der Hunderunden in der freien Natur. Der Grund: Die Brut- und Setzzeit hat begonnen.

veröffentlicht am 20.04.2019 um 00:00 Uhr

Finchen mit Hundemama Tina Ostermeier: „Jeder Halter kennt seinen Hund genau.“ Foto: momo

Autor:

Maurice Mühlenmeier
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RINTELN. Vögel, insbesondere Bodenbrüter, sowie junge Wildtiere sollen dadurch vor störenden Streunern geschützt werden. Doch diese Regelung wird auch von vielen kritisiert. So stehe etwa ein pauschaler Leinenzwang der Anforderung an jeden Hundehalter, seinen Hund angemessen zu halten und zu bewegen, diametral entgegen.

Auch ist die Formulierung der Regelung selbst nicht unbedingt jedem einleuchtend. So heißt es im Gesetzestext der „Niedersächsischen Gesetze über den Wald und die Landschaftsverordnung“ nur, dass Hunde „in der freien Landschaft“ angeleint werden müssen.

Auf der Internetpräsenz des niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz wird der Begriff „freie Landschaft“ so definiert: „Die freie Landschaft besteht aus den Flächen des Waldes und der übrigen freien Landschaft, auch wenn die Flächen innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile liegen. Bestandteile dieser Flächen sind auch die zugehörigen Wege und Gewässer“.

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Die Eier von Bodenbrütern sind stets in Gefahr. Foto: pixabay

Dass aus diesem Text nicht jeder schlau wird, liegt auf der Hand – immerhin wird hier der Begriff „freie Landschaft“ mit „freier Landschaft“ erklärt; die Katze beißt sich also in den Schwanz.

Genauer gesagt, unter die „freie Landschaft“ fallen nicht: für den öffentlichen Verkehr bestimmte Straßen und Wege, sowie Gebäude, Hofflächen und Gärten – logisch, dass man den Hund in seinem eigenen Garten schalten und walten lassen kann, wie man möchte. Doch fallen auch Gartenbauflächen sowie Parkanlagen, „die im räumlichen Zusammenhang zu baulichen Anlagen stehen, die zum dauernden Aufenthalt von Menschen bestimmt sind“, darunter. Das schließt beispielsweise Campingplätze als leinenfreie Zone mit ein, sofern es keine anderslautende Verordnung der Gemeinde oder des Betreibers gibt.

Jedoch sagt das Gesetz auch: „Nicht zur „freien Landschaft“ gehören beispielsweise Kreis-, Gemeinde-, Orts- und Gemeindeverbindungsstraßen sowie offizielle Parkplätze, Rad- und Gehwege. Hier regeln die jeweiligen Städte und Gemeinden die Anleinpflicht. Zum Weg zählen auch Gräben und Böschungen.“

Wie ist das in Rinteln geregelt? Darf ich meinen Hund ohne Leine auf dem Weserradweg oder auf dem Bürgersteig der Hauptstraße laufen lassen? Auch Parkanlagen sind nicht von den Bestimmungen erfasst; fällt der Blumenwall auch darunter?

Nachgefragt beim Ordnungsamt Rinteln wird schnell klar: „Nein, das wird auch so in der allgemeinen Gefahrenabwehrverordnung der Stadt Rinteln festgeschrieben“, sagt Amtsleiter Ulrich Kipp. Er betrachte den Weserradweg zwar nicht als freie Landschaft, in der „Verordnung zur allgemeinen Gefahrenabwehr“ heiße es aber klar: „In allen Anlagen müssen Hunde an der Leine geführt werden. Darunter fallen auch Wander- und Uferwege.“ Wohl aber dürfen Hunde innerhalb geschlossener Ortschaften ohne Leine geführt werden, solange sie nicht in ausgewiesenen Fußgängerzonen unterwegs sind. Anders gesagt: Außer auf dem Bürgersteig und angrenzender Böschung sind Hunde in Rinteln grundsätzlich an der Leine zu führen.

Wer sich davon nicht beeindrucken lässt, begeht eine Ordnungswidrigkeit und erhält eine entsprechende Anzeige. „Meistens liegt der Betrag bei 50 bis 60 Euro“, so Kipp. In seltenen schweren Fällen können Bußgelder bis zu 5000 Euro verhängt werden. „Ich wüsste allerdings nicht, welche Fälle das sein sollten“, gibt Kipp zu.

Grundsätzlich gebe es in Rinteln nur selten Probleme, nennenswerte Vorkommnisse gab es kaum. „Dennoch achten unsere Außendienstmitarbeiter verstärkt darauf.“ Auf den Dörfern falle diese Aufgabe den Verwaltungsstellenleitern, Förstern und Jägern zu, die ein Auge auf eventuelle Freiläufer haben.

Hermann Platte, Vorsitzender der Jägerschaft Schaumburg, ist ein solcher Jäger. „Wir sprechen die Halter auf ihr Fehlverhalten an, wenn wir es beobachten“, erklärt Platte. Die allermeisten reagieren nach seinen Worten verständnisvoll: „Die sehen das schon ein, dass es zu dieser Zeit sinnvoll ist.“ Platte betont, wie wichtig es ist, auf die Halter zuzugehen, das Gespräch zu suchen. „In einem persönlichen Gespräch lassen sich auch die Uneinsichtigen meist leicht überzeugen.“ Im Zweifel werde es eben zur Anzeige gebracht, häufig komme das jedoch nicht vor.

Viele Hundehalter lassen vor allem aus Angst davor, dass ihr Liebling geschossen wird, ihren Hund nicht von der Leine. Diese Befürchtung kann Platte den Leuten aber nehmen: „Ich habe das nur ein einziges Mal in 25 Jahren mitbekommen.“ Grundsätzlich halte er davon jedoch nichts: „Auch wenn der Hund gerade etwas jagt, kann ich nicht einfach den Hund erschießen, auch wenn es die Situation rechtlich hergäbe.“ In so einem Fall müsste man dem Besitzer klar machen, dass der Hund etwas gerissen und der Halter entsprechende Konsequenzen zu tragen hat.

Grundsätzlich betont auch Platte den Sinn der Brut- und Setzzeit. „Wir können nicht nachvollziehen oder unterscheiden, was von einem Hund oder von einem Fuchs gerissen wurde.“ Die größere Gefahr liege im Aufstöbern von Schwarzwild-Kesseln, die Hund und Mensch gefährlich werden können. „Grundsätzlich sucht jedes Tier sein Heil in der Flucht, aber eine Bache kann dann schon mal aggressiv werden.“ Auch die Duftspuren, die die Hunde verteilen, können Muttertiere vertreiben und ihre Jungtiere ohne ihre Eltern verenden.

Platte ist sich sicher: „Die paar Monate können Hund und Herrchen schon aushalten. Wir Jäger machen es ja genauso.“ Er, der selber drei Hunde hat, nutze dann eben Schleppleinen, die es dem Hund ermöglichen, nahezu unbeschwert durch die Gegend zu tollen.

Dazu rät auch Jos Govaers, seit 2011 Betreiber einer Hundeschule. „Schleppleinen gibt es bis zu 20 Meter Länge, da spielt es dann kaum eine Rolle, ob Leinenpflicht ist oder nicht.“ Der erfahrene Hundeprofi ist ohnehin der Meinung, ein Hund sollte sich auch ohne Leine kaum weiter von seinem Herrchen entfernen. Er kenne aber auch Herrchen, die davon überzeugt sind, ihren Hund zu kennen. Sein Kommentar: „Der Hund kann ja immer aufs Wort gehört haben, es braucht aber nur einen Fehler und der Hund hat etwas gerissen.“ Govaers hält die Leinenpflicht während der Brut- und Setzzeit daher für sinnvoll: „Wer tierlieb ist – und das sind die meisten Hundehalter – der ist auch tierlieb gegenüber denen, die jetzt ihre Ruhe brauchen.“ Er empfiehlt Freilaufflächen, die nach und nach auch im Landkreis entstehen.

Andere, wie Tina Ostermeier, zieht es zu dieser Zeit nach NRW: „In Eisbergen gilt ja keine Leinenpflicht mehr.“ Früher habe sie das häufiger getan, ihre Hündin ‚Finchen‘ kann sie aber ohnehin nicht ohne Leine laufen lassen. Sie ist sich aber auch sicher: Jeder Halter kennt seinen Hund. „Ich hätte bei meinen früheren Hunden genau gewusst, ob ich sie hätte laufen lassen können oder nicht.“ Der Halter müsse halt entsprechend ehrlich zu sich selbst sein und nicht aus Bequemlichkeit davon ausgehen, der Hund haue schon nicht ab.

Gerade viele ältere Hunde, die von ebenfalls älteren Zweibeinern spazieren geführt werden, sollten nicht an die Leine gezwungen werden, befindet Ostermeier: „Die haben ihre gemeinsame Reisegeschwindigkeit, die hauen doch auch nicht mehr ab.“

Auch Govaers meint, wer verhindern wolle, dass der Hund einfach stiften geht, der müsse sich mit seinem Vierbeiner auch auf dem Spaziergang beschäftigen: „Wo es spannend ist, da will der Hund auch bleiben.“

Bis dahin gilt jedoch für alle Hundehalter, die Vierbeiner an der Leine zu lassen, bis dann am 16. Juli wieder im vollen Galopp über Wiesen, Felder und Wälder getobt werden darf.




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