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Verschwörungen, Esoterik und Tipps für Maskenverweigerer

Das ist die „Querdenker“-Organisatorin

HANNOVER. Yogalehrerin Claudia W. war Mitorganisatorin der „Querdenker“-Demo vom Sonnabend in Hannover und trat auf dem Opernplatz als Moderatorin auf. Um zu verstehen, wie die Szene tickt, lohnt ein Blick auf ihre Internetseite.

veröffentlicht am 27.11.2020 um 14:22 Uhr

Auf der Demonstration der Initiative „Querdenken 511“ am vergangenen Sonnabend auf Hannovers Opernplatz war viel von Liebe die Rede. Teilnehmer und Redner formten immer wieder mit beiden Händen ein Herz. „Frieden, Freiheit, Demokratie“, skandierten die Gegner der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie immer wieder. Doch hinter diesen Begriffen stehen offenbar längst nicht alle Mitorganisatoren der Versammlung.

Claudia W. moderierte „Jana aus Kassel“ an

Claudia W. von der Initiative „Querdenken 511“ zum Beispiel stand am Sonnabend auf dem Opernplatz als Moderatorin auf der Bühne. Sie war es auch, die die Studentin „Jana aus Kassel“ ankündigte, die sich daraufhin mit der Widerstandskämpferin Sophie Scholl verglich – und bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Moderatorin W. allerdings unternahm nichts. Auch nicht, als „Jana aus Kassel“, die ihren Auftritt zunächst abgebrochen hatte, im Verlauf der Versammlung ein zweites Mal auf die Bühne stieg und ihren Vergleich mit der NS-Widerstandskämpferin wiederholte.

Einen Tag nach der „Querdenker“-Demonstration hatten die Organisatoren der HAZ noch schriftlich mitgeteilt, der Vergleich werde von der Initiative als „sehr überspitzt“ bewertet. Im Gespräch mit dieser Zeitung am Mittwoch relativierte Claudia W. diese Wertung: „Jana hat gesagt, sie fühle sich wie Sophie Scholl – wenn sie das in diesem Moment so empfunden hat, muss sie das auch sagen dürfen“, sagt W.

Verschwörungserzählungen und „QAnon“-Kult

Claudia W. sagt und schreibt auch, was sie denkt und fühlt, und zwar in aller Ausführlichkeit – im Internet auf der Seite zur-corona-krise.info. Wer die durcharbeiten will, braucht Zeit und gute Nerven. Ein Menü mit nicht weniger als 41 Reitern führt Leser auf harmlos anmutende Kapitel wie „Sprechende Herzen“, „Kraft-der-Kreise“ oder „Menschliche Welt“, aber auch zu handfesten Verschwörungsfantasien. So hängt W. dem „QAnon“-Kult an, dessen zentrale These ist, führende Mitglieder der demokratischen Partei in den USA würden einen internationalen Kinderhändlerring betreiben. Andere Verschwörungserzählungen, die W. auf ihrer Seite wiedergibt, ranken sich um Bill Gates (Microsoft) und Elon Musk (Tesla und weitere), die angeblichen Profiteure der Corona-Pandemie. Und auch die Kanzlerin bekommt ihr Fett weg: „Merkel und ihre Helfer“, findet W., „liefern uns der Sklaverei aus“.

 

Aber W. liefert auch Konkretes für den privaten Kampf gegen die Corona-Regeln: Handlungsanweisungen für Maskenmuffel zum Beispiel oder eine Argumentationshilfe für Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder im Unterricht Masken tragen – „Konfrontationskurs Masken in Schule“ heißt der entsprechende Text. Es finden sich dort auch Tipps für Menschen, die in Geschäften keine Maske tragen wollen, oder ein Musterschreiben für den Widerspruch gegen eine Quarantäneanordnung für Kinder.

Melange aus Esoterik und Polemik gegen Migranten

Auch gegen das Infektionsschutzgesetz wehrt sich W. Nicht nur, indem sie Links zu Petitionen gegen das Gesetz auf die Internetseite gestellt hat. Nein, sie lädt im Zuge des Protests auch „zu einer kurzen Meditation“ ein, „deren Ziel es ist, die uneingeschränkte Freiheit und den freien Willen der Bevölkerung zu manifestieren, damit die Menschen in Glück, Liebe und Harmonie leben können“.

Dabei geht es auf der Seite nicht nur um Corona, und längst nicht alles ist so blumig formuliert. Wer ein bisschen sucht, findet auch eine Liste ausschließlich mit Berichten von sexuellen Übergriffen von Migranten in Deutschland. Das passt so gar nicht zu einem auf der Seite beinahe allgegenwärtigen Satz: „Wir sind eine Menschenfamilie – wir sind alle eins!“

Auf der Startseite dieses Online-Auftritts war bis Dienstagabend ein Foto von W., nach eigenen Angaben „Diplom-Wirtschaftsinformatikerin, Yoga- und Meditationstrainerin und Reisende“, samt E-Mail-Adresse und Handynummer zu finden. Auch wenn im Impressum der Seite eine andere Person und Adresse aufgeführt wird, erweckten das Foto von Claudia W. und ihre persönlichen Daten auf der Startseite den Eindruck, als würde sie als Verantwortliche des Online-Auftritts fungieren. Derzeit ist W. auf der Seite als Ansprechpartnerin für Hannover aufgeführt – für alle, die sich miteinander vernetzen wollen, um gegen die angebliche Corona-Weltverschwörung anzugehen.

„Müssen uns erstmal um ,Jana aus Kassel‘ kümmern“

Es handele sich um eine Seite vom Beginn der Corona-Zeit, sagt Claudia W. Schon damals habe sie nicht hinter jeder dort verlinkten Meinung gestanden. „Verschwörungstheorien finde ich da zwar nicht, aber ich werde jetzt den Betreiber kontaktieren und mich von der Startseite nehmen lassen“, sagt sie.

Wie es mit der „Querdenker“-Initiative in Hannover weitergehen soll, sei noch vollkommen offen. „Wir stehen noch unter Schock wegen Samstag und müssen uns jetzt erst mal um ,Jana aus Kassel‘ kümmern“, sagt Claudia W.

Von Tobias Morchner




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