weather-image
Gesamtdeutsche Erfolgsgeschichten: Wie Schaumburger Unternehmen in die neuen Bundesländer gingen – und blieben

„Der Anfang war vor allem abenteuerlich“

Landkreis. Kurz nach der Wende sind viele westdeutsche Unternehmen in die Ex-DDR gegangen, um marode Unternehmen oder ehemalige Betriebe aufzukaufen, oft wurden sie als eindringende Investoren mit Heuschrecken-Mentalität gesehen, häufig zurecht. Dass es auch anders ging, zeigen Schaumburger Unternehmen, die in den frühen neunziger Jahren Tochterfirmen in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt oder Brandenburg gegründet oder saniert haben.

veröffentlicht am 06.11.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 19:22 Uhr

Die Bückeburger Familie Viehmann, Betreiberin der gleichnamigen

Autor:

Marieluise Denecke
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Eine Erfolgsgeschichte hat das Rintelner Unternehmen riha Wesergold vorzuweisen. Im November 1990 haben sich die Firmenchefs Richard Hartinger junior und senior in Mecklenburg-Vorpommern nach einem geeigneten Standort umgesehen – und wurden bei der ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) „Apfelblüte“ in Dodow fündig.

Für Hartinger junior war es damals eine „logische Entscheidung“, den Standort in Dodow aufzukaufen: „Für unsere Produkte müssen wir den Transportweg so kurz wie möglich halten“ – sollen die Produkte also auch in den neuen Bundesländern vertrieben werden, ist eine Produktionsstätte vor Ort nur logisch. In der DDR gab es zahlreiche Unternehmen, die im innerdeutschen Handel tätig waren, erklärt Hartinger – das „Apfelblüten“-Werk vertrieb zum Beispiel kubanische Orangen. So gab es bereits vor der Wende erste Kontakte, allerdings noch nicht geschäftlicher Natur.

Vier Wochen nach dem Kauf von „Apfelblüte“ machte Wesergold aus der ehemaligen LPG die Tochterfirma „Fruchtquell“. Insgesamt um die 150 Millionen Mark habe riha damals in den Standort investiert – in neue Abfüllanlagen, Tanklager, eine Flaschensortier- und Reinigungsanlage und die entsprechende Infrastruktur.

Arbeit in improvisierten Räumen: Bürger besichtigen die Redaktio
  • Arbeit in improvisierten Räumen: Bürger besichtigen die Redaktion der „Ascherslebener Allgemeinen“, rechts der damalige SZ-Redakteur Hubert Kischel.
Ein gesamtdeutsches Vorzeigeunternehmen: Im Juli 2007 besucht Bu
  • Ein gesamtdeutsches Vorzeigeunternehmen: Im Juli 2007 besucht Bundespräsident Horst Köhler (l.) mit seiner Ehefrau Eva Luise das Unternehmen „Fruchtquell“ in Dodow in Mecklenburg-Vorpommern. Richard Hartinger senior (r.) hatte die ehemalige LPG im Jahr 1990 gekauft und rund 150 Millionen Mark in den Standort investiert. Fotos: Archiv/pr.

Nach „ein bis zwei Jahren“, so Hartinger, habe das Unternehmen West-Löhne gezahlt. „Auch eine logische Entscheidung“, so Hartinger: „Wer gleiche Arbeit leistet, sollte auch gleich bezahlt werden.“ Fruchtquell hat heute rund 400 Mitarbeiter, ist laut Hartinger der größte Arbeitgeber im Landkreis Ludwigslust und stellt etwa ein Drittel der heutigen riha-Produkte her.

„Die Anfänge in Sachsen-Anhalt waren vor allem eins: abenteuerlich“, sagt Alfred Viehmann, der mit seinem Sohn Jörg die „Altmärkische Fleisch- und Wurstwaren GmbH“ im sachsen-anhaltinischen Stendal führt. Bereits in den Jahren 1991 und 1992 habe er sich in dieser Region nach passenden Möglichkeiten zur Expansion umgesehen.

In die Region kamen Viehmanns von der gleichnamigen Fleischerei aus Bückeburg, weil ein Geschäftskontakt, ein Verband von Schlachthöfen, rund um Stendal Schlachthöfe kaufen wollte – und auch Viehmanns wollten sich ausweiten. „Mein Sohn wollte das Geschäft in Bückeburg nicht übernehmen, er wollte einen größeren Betrieb.“

Im Januar 1993 kauften die Bückeburger die „Altmärkische Fleisch- und Wurstwaren GmbH“ – mit der Auflage, mindestens 13 Millionen Mark darin zu investieren und in den ersten zehn Jahren mindestens 150 Arbeitsplätze zu erhalten. Letztlich investierte Viehmann „über 20 Millionen Mark“ in den Standort, vor allem mithilfe von Zuschüssen und Banken – „wie soll man so ein Vorhaben ansonsten wuppen?“ Ab 1995 wurden neue Anlagen gebaut – „der alte Schlachthof war einfach zu klein“ – und ein Jahr später lief der Betrieb wieder.

Im Jahr 2002 kam zum Betrieb noch die eigene Vertriebsgesellschaft „Erlander Fleischwaren“ hinzu und damit der Einstieg in den überregionalen Handel.

Heute hat das Unternehmen laut Viehmann 500 Mitarbeiter, über 70 Filialen in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 30 Millionen Euro. „Und seit dem Anfang bis heute hat jeder Mitarbeiter an jedem 10. des Monats pünktlich sein Gehalt auf dem Konto“, sagt Viehmann, der mit seiner Frau in Bückeburg lebt und einmal pro Woche nach Stendal fährt. Sohn Jörg wohnt inzwischen in Stendal.

Der Bückeburger Fleisch- und Wurstwarenspezialist Bauerngut hat rund 60 Millionen Mark in den Standort in Könnern in Sachsen-Anhalt investiert – Zuschüsse dafür gab es vom Land, vom Bund und der EU. Im Januar 1997 konnte das neue Werk mit 116 Beschäftigten in Betrieb gehen.

„In die neuen Bundesländer zu gehen war eine ziemlich leichte Entscheidung“, sagt Andreas Laubig, Pressesprecher der Edeka Minden-Hannover, zu der auch Bauerngut gehört. Bauerngut habe in Könnern „gute Startbedingungen“ gehabt, die Bückeburger seien nicht als „böse Wessis“ angesehen worden. „Wir wollten sehen: Was gibt es in Sachsen-Anhalt für Möglichkeiten?“, sagt Laubig.

Das Werk in Könnern habe große Kapazitäten und sei eng in die Region eingebunden, vertreibt unter anderem regionale Spezialitäten. In Könnern werden rund 340 Mitarbeiter beschäftigt, dazu kommen 38 Auszubildende, auf rund 12 000 Quadratmetern Betriebsfläche werden 40 Tonnen Wurstspezialitäten täglich hergestellt. So werden rund 98 Millionen Euro jährlich erwirtschaftet – das ist ein Viertel des gesamten Bauerngut-Umsatzes. Von Könnern aus wird auch in die Schweiz und nach Japan exportiert.

Eine Erfolgsgeschichte ist es auch für die Kölling Glas GmbH aus Minden und ihre Tochterfirma Simon Glas in Bückeburg, früher ein Rintelner Unternehmen: Im Oktober 1991 war Geschäftsführer Dieter Kölling im Großraum Berlin unterwegs, zusammen mit dem Geschäftsführer von Simon Glas, Gerhard Simon. Damals waren einige Kunden in die Region gezogen, unter anderem die Kampa Haus AG, die rund um die Stadt Linthe bei Berlin Grundstücke kaufte.

Für diese Kunden wollte Kölling Glas liefern – und die Entscheidung, ebenfalls ein Grundstück in der Region zu erwerben, „fiel sehr schnell“, erzählt Kölling. 26 000 Quadratmeter war das Grundstück groß, auf dem das Unternehmen Linther Glas entstand – mit einer anfänglichen Investition von zehn Millionen Mark, die bis heute auf 25 Millionen Euro angewachsen ist. „Wir sind der einzige Betrieb in der Region, der nicht insolvent gegangen oder Mitarbeiter entlassen hat“, versichert Kölling.

Inzwischen ist „Linther Glas“ laut Kölling dem Umsatz nach der bedeutendste Standort der Kölling Glas GmbH, 75 Mitarbeiter sind dort beschäftigt, gefertigt werden vor allem Fassadenfenster und Spezialgläser. Linther Glas ist laut Kölling Marktführer im Großraum Berlin. „Bis jetzt ist es eine Erfolgsgeschichte“, so Kölling. „Und es sieht aus, als würde es so bleiben.“

Auch die Schaumburger Zeitung begann kurz nach der Wende mit dem „Abenteuer Ost“, und zwar im sachsen-anhaltinischen Aschersleben. Der Hamelner Verlag CW Niemeyer, zu dem die Dewezet-Gruppe und damit auch die SZ gehört, hatte im Februar 1990 nach anfänglichem Einzelverkauf der Dewezet auf dem Marktplatz der Nachbarstadt Quedlinburg eine Tageszeitung gegründet, ein Ableger für Aschersleben sollte folgen.

Der Verlag rannte in Aschersleben offene Türen ein: Um gegen die damalige Medienlandschaft der DDR zu protestieren, hatten vier Ascherslebener bereits die „Ascherslebener Allgemeine“ gegründet – aus materiellen Nöten heraus war sie zuerst ein Flugblatt. „Wir haben die Bürger um Spenden gebeten, für Papier, Toner und anderes Material“, erinnert sich Mitbegründer Marko Litzenberg. Und erinnert sich an seine erste Reaktion, als er hörte, dass ein Hamelner Verlag in der Stadt eine Zeitung gründen wollte: „Ich dachte, bei der Konkurrenz aus dem Westen würden wir untergehen.“

Es kam ganz anders: In die improvisierten Redaktionsräume der Ascherslebener Allgemeinen zogen die Redakteure Hans Weimann, auch heute noch SZ-Redakteur, und Hubert Kischel sowie Volontär Frank Steinleitner von der Schaumburger Zeitung ein.

„Mit uns wuchs auch die Zeitung. Die Zeit hat uns verändert“, so Litzenberg. Die Ascherslebener Journalisten waren damals höchstens 18 Jahre alt und ungelernt – Litzenberg zum Beispiel hatte eigentlich Kaufmann gelernt. Er ist, „wie 80 Prozent der Leute von damals“, beim Journalismus geblieben, arbeitet jetzt beim MDR.

Gedruckt wurde die Zeitung wegen fehlender Kapazitäten in Hameln – der logistische und finanzielle Aufwand war enorm. Am 29. März 1990 erschien die erste Ausgabe der gemeinsam erstellten Tageszeitung „Aschersleben Allgemeinen“.

Die Zeitungen überlebten zwei Jahre: 1992 wurden sie vom Mitteldeutschen Verlagshaus übernommen und eingestellt. Am 30. Mai 1992 erschien die letzte Ausgabe der Ascherslebener Allgemeinen.




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare