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Eine Sana-Mitarbeiterin erzählt vom Alltag in der Klinik

Der ganz normale Wahnsinn

Der Mangel an Pflegekräften nimmt immer deutlichere Ausmaße an. Besonders die Notfallversorgung ächzt unter der hohen Belastung, aber auch der Normalbetrieb. Folgen sind Unzufriedenheit, Burn-out oder der Wunsch, den Beruf zu verlassen – trotz Liebe zu diesem Beruf. Diese Zeitung hat mit einer Mitarbeiterin gesprochen.

veröffentlicht am 26.04.2019 um 00:00 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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HAMELN. 20 Patienten warten, als Marion Meyer (Name von der Redaktion geändert) mit zwei Kollegen ihre Schicht anfängt. Sie verschafft sich einen Überblick, legt fest, wer am dringendsten behandelt werden muss. Zeitgleich bringt der Rettungsdienst einen Patienten mit Atemnot, ein anderer hat Bauchschmerzen. Während sie die Übergabe bespricht, muss sie auf eine demente alte Dame mit Kopfplatzwunde und Weglauftendenz aufpassen. Zeit habe sie dafür nicht, sagt sie. Erneut legt sie die Dringlichkeit ihres Vorgehens fest. Der Arzt braucht ihre Hilfe, die unbehandelten Patienten eine Erstversorgung, einige müssen zum CT oder auf die Intensivstation begleitet werden. Angehörige haben Fragen, einige Patienten müssen auf Toilette. Wieder überprüft Marion Meyer, was als Erstes gemacht werden muss, trifft schnelle Entscheidungen, bittet Kollegen um Hilfe. „Aber nicht immer kann jemand sofort helfen, da steht man schon mal mit dem Rücken zur Wand“, sagt sie. Irgendwie findet die 42-Jährige, die im Hamelner Sana-Klinikum arbeitet, auch an diesem Tag eine Lösung.

Eine Überlastungsanzeige hat Meyer noch nie geschrieben, gedacht hat sie aber schon oft daran. Über die Gründe, warum sie es nicht tut, möchte sie nicht sprechen.

Gerade hat sie einen Bericht über eine Krankenschwester gelesen, die zu einer einjährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt wurde, weil sie in einer hektischen Nacht Medikamente verwechselt hat. Zwei Menschen starben, drei wurden verletzt. Im Verfahren blieb unbestritten, dass die Schwester unter Zeitdruck und erheblicher Arbeitsbelastung handelte, doch das Gericht verurteilte nur die Schwester, nicht die Klinik. Solche Berichte stimmen Meyer nachdenklich. Sie liebt ihre Arbeit, hat zehn Jahre Berufserfahrung, doch vieles habe sich in den vergangenen Jahren erheblich verschlechtert. „Früher hatten wir auch viel zu tun, aber wir konnten den Patienten gerecht werden.“

Meyer kritisiert den Konkurrenzkampf, in den die Politik die Krankenhäuser zwingt, um eine immer teurere Versorgung aufzufangen. Die Folge: Die Häuser sparen mehr, als gut ist. Ab und zu springt eines über die Klinge, so wie in Springe. Die Patienten muss das Sana mit auffangen. Und nicht nur die. Notfälle werden von überall, auch aus der Region Hannover, geliefert, denn alle haben ähnliche Probleme. „Unsere Klinik meldet sich erst ab, wenn nichts mehr geht.“ Dann sind in Vier-Betten-Zimmern schon fünf Leute untergebracht, und in der Notaufnahme stapeln sich die Patienten, die eigentlich auf die Intensivstation oder andere Stationen gehören, sagt sie. Den Arzt der Notaufnahme könne das in prekäre Situationen bringen, denn während er sich mit einem intensivpflichtigen Patienten beschäftigen muss, können andere Notfälle eingeliefert werden. „Die Abmeldung ist eine Farce, es kommen ja trotzdem ständig Patienten.“

Um Platz zu bewahren, melde die Klinik als Erstes die Aufnahme der Iso-Patienten ab (Patienten, die zum Beispiel den infektiösen MRSA-Keim in sich tragen, Anm. d. Redaktion), denn für sie müssen, wenn keine Einzelzimmer mehr verfügbar sind, Mehrbettzimmer zu Einzelzimmern umfunktioniert werden. 2018 sei es so voll gewesen, dass es nicht mal ein Sommerloch gegeben habe.

Ähnlich knapp auf Kante genäht wie die Zimmer sei im Sana die personelle Ausstattung. „Wir haben keinen Puffer“, sagt Meyer. Werden mehrere Mitarbeiter krank, komme es zum Domino-Effekt. Sind Kräfte auf der Intensivstation nicht ersetzbar, werden auch dort Betten abgemeldet. In der Notaufnahme, die immer geöffnet sein muss, müsse das Personal zur Not mit einer Pflegekraft weniger auskommen.

Die Krankenhäuser seien so auf Effizienz gepolt, dass sie sich keine Phasen mit leeren Betten leisten können, behauptet Meyer. Da werde lieber Überfüllung mit entsprechenden Folgen in Kauf genommen. Für die Statistik gelte dann der Jahresmittelwert.

Und was macht Marion Meyer während der statistischen Flaute? Solche Momente nutzt sie, um einer Schülerin etwas zu erklären, um abgelaufene Medikamente auszusortieren, aufzuräumen, Geräte zu checken oder dort zu putzen, wo etwas übersehen wurde. Doch das ist selten. Alltag in der Klinik ist, wenn die Notaufnahme rappelvoll ist. Wenn Meyer sich das Trinken verkneift, weil sie sonst zur Toilette gehen muss. Diesen Zeitverlust könne sie sich nicht leisten. Alltag ist, wenn Kollegen „zu Recht“ mit Unmut reagieren, wenn sie neue Patienten auf volle Stationen schiebt. Wenn Angehörige in der Notaufnahme aus Datenschutzgründen und zur Wahrung der kaum vorhandenen Privatsphäre anderer Patienten nicht zu ihren Angehörigen können, weil es so voll ist, dass die Patienten auf dem Flur liegen. Gerne würde sie dann ein tröstendes Wort sprechen, aber dafür fehle die Zeit. Manchmal würde sie in solchen Situationen gerne einen Knopf drücken, auf dem „Massenanfall“ steht. Für solche Situationen, sagt sie, werde dann „hochgefahren“, das heißt, dass Personal für eine besondere Situation zusammengezogen wird. „Eigentlich haben wir jeden Tag Massenanfall, sagt Marion Meyer. „Alltag ist der normale Wahnsinn.“

Alltag ist aber auch, wenn ihr Team prima zusammenarbeitet, einer dem anderen hilft, wenn Patienten oder Vorgesetzte loben. „Nicht weil sie ihn nicht mögen, wollen immer mehr Pflegekräfte ihren Beruf wechseln, sondern weil sie viele Tage im Jahr über ihre Grenzen und darüber hinausgehen müssen.“ Manches nimmt Meyer mit nach Hause. Zum Beispiel, wenn sie keine Zeit für einen Patienten findet und nur denkt: „Sprich mich bloß nicht an.“ „Das tut weh“, sagt sie. Zu Hause wartet glücklicherweise eine Familie, die Marion Meyer auffängt. Sorgen macht sich ihr Mann dennoch, wenn sie erschöpft von der Arbeit kommt. Nicht selten folgen Diskussionen. Nach mehreren Tagen Nachtschicht legt sie sich oft nachmittags noch mal hin, weil der Schlaf morgens zu kurz ist, „sonst schaffe ich es nicht“. Drei Tage braucht Meyer nach der Nachtschicht, um sich umzustellen. Nach dem Spätdienst braucht sie zwei bis drei Stunden, um runterzufahren, solange wirkt der Adrenalinkick nach. Ein Buch zu lesen, sei in dieser Zeit unmöglich.

Darüber nachgedacht, den Job zu wechseln, hat sie schon öfter. Wer irgendwie kann, sagt Marion Meyer, reduziere seine Stelle. Doch viele könnten es sich schlicht nicht leisten. Hätte sie drei Wünsche frei, würde sie sich eine größere Klinik mit einer modernen, größeren Notaufnahme wünschen, um der Flut von Patienten gerecht zu werden. Als Zweites mehr Personal, nicht nur Fachkräfte, das sich um die dementen und sehr alten Patienten kümmert, „um die vielen kleinen Dinge, die ohne mehr Mitarbeiter nicht mehr zu leisten sind“. Und sie wünscht sich etwas mehr Wertschätzung und Respekt von Patienten, Angehörigen, Politik und den Konzernen. „Wir geben tagtäglich alles, damit es den Menschen wieder besser geht.“

Information

Auf Nachfrage dieser Zeitung heißt es vom Sana-Klinikum, dass Patienten in seltenen Fällen zu fünft in einem Vier-Betten-Zimmer untergebracht würden, wenn sich die Klinik bei der Leitstelle abmelde. Dagegen komme es nicht vor, dass intensivpflichtige Patienten länger als vorgesehen in der Notaufnahme zubrächten. Auf die Frage, ob es einen personellen Puffer gebe, wenn mehrere Mitarbeiter krank würden, teilt das Klinikum mit, dass man in solchen Fällen auf einen „Springerpool“ zurückgreifen könne, der Pflegekräfte beinhalte, die flexibel auf verschiedenen Stationen eingesetzt werden könnten. Auf diesen Pool greife man auch zurück, wenn in der Notaufnahme Mitarbeiter krank seien, „sodass zu keiner Zeit weniger Personal im Dienst ist“. Auf die Frage, ob Isolationspatienten (zum Beispiel mit MRSA-Keim) als Erstes abgemeldet würden, wenn es zu wenig Betten gebe, heißt es, dass alle ISO-Patienten untersucht und je nach Erkrankung stationär aufgenommen oder weiterverlegt würden.




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