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Mindener Traditionsunternehmen schließt

Der letzte Mittagstisch nach mehr als 50 Jahren: Henkersmahlzeit bei Geier

MINDEN. Für Christian Geier ist der heutige Freitag ein Tag wie jeder andere – sagt er. Zum Mittagstisch bietet der Fleischer in seinem Geschäft an der Königstraße in der Mindener Altstadt Hähnchen und Fisch an, abends bewirtet er mit seinem Partyservice 170 Leute bei einer Weihnachtsfeier. Für Kunden der Fleischerei Geier ist heute ein rabenschwarzer Tag, das Traditionsgeschäft macht nämlich nach 52 Jahren dicht, zum Jahresende läuft auch der Partyservice aus.

veröffentlicht am 29.11.2019 um 13:50 Uhr

von Christine Riechmann 

„Wo sollen wir denn jetzt unser Essen herkriegen?", fragt Peter Baak ein paar Tage zuvor über den Ladentresen. Der 63-Jährige kommt seit über zehn Jahren fast täglich zu Geier und holt sich sein Mittagessen. Das sei schließlich der einzige Laden in der Innenstadt, wo man frisches Essen bekomme. Dass dieser nun schließe, sei mehr als traurig. „Nun muss wohl wieder die Mikrowelle ran", sagt er, nimmt sein Gulasch und ruft noch – ein letztes Mal – über die Schulter: „Bis morgen."

 Peter Baak ist mit seiner Trauer nicht allein. Mehr als die Hälfte der Geier-Kunden sind Stammgäste und gehören genauso wie die alte analoge Kasse zum Inventar des Ladens, den es seit Mitte der 60er Jahre gibt. Viele kommen fast täglich und essen entweder vor Ort, oder nehmen sich Frikadelle, Schnitzel oder Steckrübeneintopf mit. Die Kundschaft ist ein bunter Streifzug durch die Mindener Gesellschaft – einige wohnen oder arbeiten in der Nachbarschaft, manche fahren auch durch die halbe Stadt, um bei Geier Mittag zu essen.

Jörg Rose ist pensionierter Lehrer und isst seit 20 Jahren drei Mal die Woche in dem Traditionsladen. „Das ist die größte Katastrophe in der Mindener Altstadt", beklagt er sich. Unter der Schließung würde das ganze Viertel leiden – und mit dem stünde es sowieso nicht zum Besten.

Christian Geier und seiner Frau Christine, die das Geschäft in dritter Generation führen, tut es für ihre treue Kundschaft leid, dass sie Schluss machen. Sie selbst seien mit dem Thema allerdings längst durch. „Wir suchen seit drei Jahren einen Nachfolger", sagt Geier relativ emotionslos. Dass er mit der Schließung des Ladens heute auch sein Elternhaus verlässt, macht ihm nicht mehr zu schaffen. Das Gebäude sei bereits seit einigen Jahren verkauft und nur noch gepachtet.

Er und seine Frau hätten die Lust verloren, die Arbeit hätte nichts mehr mit dem zu tun, was sie gelernt haben und gerne machen. Zu viel Bürokratie und Behördenaufwand würden den Spaß verderben. Außerdem treibe ihn ein Problem mit der Krankenversicherung aus der Selbstständigkeit. Da die Geiers keinen Nachfolger haben, ist das Aus die einzige Option.

Was bleibt, sind viele Erinnerungen, die der Altstadtjunge Christian Geier mit in eine neue, noch ungewisse, berufliche Zukunft nimmt. „Wir haben hier früher Sachen erlebt, die kann man in der Zeitung nicht schreiben", denkt er schmunzelnd zurück.

Die vielen Rezepte, die er von seiner Oma übernommen hat, bleiben auch. „Schreiben Sie ein Kochbuch?", fragt einer der Stammkunden. „Mal sehen", antwortet Christian Geier – und füllt die letzte Kelle Gulasch auf einen Teller. mt




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