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Pyrmonter bekommt den Grimme-Preis

Der Mann mit dem Blick fürs Wesentliche

Bad Pyrmont (ag/jl). „Warum lacht ihr immer, wenn ich ein Wort sage?“, fragte er als kleiner Junge seine Eltern. Denn die mussten regelmäßig losprusten, wenn ihr Sohn das, was er beobachtete und dabei empfand, mit dem ganzen Ernst seiner fünf Jahre in unverblümte Worte fasste.

veröffentlicht am 24.03.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 07:22 Uhr

„Ein Bürojob fast wie jeder andere“, sagt Morten Küh
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„Er hatte schon immer den Blick fürs Wesentliche“, sagen Gyde und Winfried Kühne heute über ihren Sohn. „Er hat ausgesprochen, was alle dachten, aber sich kein anderer zu sagen traute.“

Diese Begabung und das, was Morten Kühne daraus gemacht hat, wird am Freitag mit der renommiertesten deutschen Fernseh-Auszeichnung belohnt: Dann bekommt der 37 Jahre alte Chefautor der von Oliver Welke moderierten ZDF-Satiresendung „heute-show“ den Grimme-Preis in der Sparte „Unterhaltung“ verliehen.

Die Show „beschleunigt weit in den roten Bereich, ohne es sich im wohnlichen Satiresessel bequem zu machen“, formuliert die Grimme-Jury in ihrer Begründung zur Preisvergabe. Und würdigt auch den Mut des Senders zur wöchentlichen Nachrichten-Comedy. Damit loben die Juroren zugleich die Traute von Morten Kühne und seinem sechsköpfigen Autoren-Team zu gewagten Gags und zur „persönlichen Entgleisung als Leitmotiv“.

Oliver Welke ist der Anchorman der „heute-show“. Mit
  • Oliver Welke ist der Anchorman der „heute-show“. Mit ihm und einem sechsköpfigen Autorenteam schreibt Morten Kühne die Gags.

Den Mut, Unerhörtes zu denken und zu tun, hatte Kühne – so scheint es – auch schon früh. So erinnert sich seine Mutter, dass ihm als Siebtklässler für eine Deutsch-Inhaltsangabe nur ein einziger Satz einfiel, der alles zusammenfasste. Den brachte er dann zu Papier – und kassierte eine Eins.

Schon lange ist der verheiratete Vater zweier kleiner Kinder Profi, seit inzwischen zehn Jahren verdient er sein Geld als freier Comedy-Autor. Aber ins Rampenlicht drängt es den uneitlen Blonden aus Bad Pyrmont noch immer nicht. Wenn es um ihn selbst geht, wird der brillante Pointen-Autor eher einsilbig.

Zu Besuch bei den Eltern fühlt sich Morten Kühne denn auch wohler als mitten im Medienrummel. So ließ er für seine letzte Pyrmont-Stippvisite Stefan Raabs After-Show-Party zu „Unser Star für Oslo“ sausen, um schnell bei seiner Familie zu sein.

Dabei ist der Pyrmonter, der 1991 sein Abitur in den Leistungskursen Musik und Physik am Hamelner Viktoria-Luise-Gymnasium gemacht hat, in der Comedy-Szene schon lange zu Hause. Nach Jobs als Kameramann bei Tourenwagenrennen und Truck-Racings war er vier Jahre lang Headwriter der „Freitag Nacht News“ bei RTL und schrieb die Gags für „Pastewka unterwegs“, Anke Engelkes „Ladykracher“, „Maddin in love“ und „Fröhliche Weihnachten mit Wolfgang und Anneliese“ sowie die Bühnenprogramme für Rüdiger Hoffmann. Seit 2009 ist er der Chef der Gags bei der „heute-show“.

„Ein Bürojob fast wie jeder andere“, erzählt er beim Treffen in seinem Elternhaus direkt. Ein Team von 30 Leuten sei von montags bis freitags bei „Prime Productions“ in Köln-Mühlheim damit beschäftigt, die Sendung vorzubereiten und zu produzieren. Morten Kühne ist dort freier Mitarbeiter. Aber auch er hat sich einen festen Rhythmus im Büro angewöhnt und ist jeden Tag ab 10 Uhr präsent. „Als Arbeitsgrundlage werden alle wichtigen TV-Nachrichtensendungen aufgezeichnet und nach geeignetem Bildmaterial gesichtet“, erzählt Kühne. „Dazu kommt das Durchforsten der Online-Portale von Printmedien und Nachrichtendiensten wie dpa und anderen.“ Arbeiten, die viel Zeit in Anspruch nehmen und aus denen sich die Themenvorschläge ergeben, die Morten Kühne und Oliver Welke, selbst ein gefragter Drehbuchautor, dann im kongenialen Schreiben mit den anderen Autoren zu den Gags machen, die Welke dann präsentiert. „Wir harmonieren ideal im kreativen Chaos vor dem PC“, beschreibt Morten Kühne die Arbeit mit Welke.

Angst, dass ihm und seinen Kollegen irgendwann die Gags ausgehen könnten, hat Kühne nicht. „Die jetzige Konstellation mit Regierung und klarer Opposition, dazu noch mit so polarisierenden Leuten an der Spitze, ist natürlich eine attraktivere Zeit für uns als die Große Koalition“, sagt er. „Aber auch da gab es genug Material, damit jeder sein Fett abkam.“

Termin: Die Gala zum Grimme-Preis wird am Freitag, 26. März, ab 19 Uhr im ZDF-Theaterkanal und zeitversetzt ab 22.35 Uhr auf 3sat übertragen.




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