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Das Mindener Rotwelsch lebt: Ayo, Sky und OGD sind Latschos und rappen (auch) über tschucka Chalis

Die Mindener Geheimsprache

MINDEN. Oft sind es die anzüglichen Begriffe und Schimpfwörter einer fremden Sprache, die von Außenstehenden als Erstes gelernt werden. Der vor einer Woche erschienene Rap-Song „Koseng II“ bietet somit eine gute Gelegenheit, die Mindener Buttjersprache zu lernen. Die Rapper Ayo, Sky und OGD setzen in Minden damit eine gewisse Hip-Hop-Tradition fort.

veröffentlicht am 21.11.2018 um 18:33 Uhr
aktualisiert am 21.11.2018 um 19:50 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

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„,Minden Slang‘ war der erste Rap-Song überhaupt, den ich gehört habe“, sagt Ayo alias Adriano Osthold (26). Das Lied von Italo Reno und Germany aus dem Jahre 2003 ist wie ein kleines Wörterbuch, in dem die beiden Mindener Worte aus der Buttjersprache erklären. „,Teuer‘ ist ,kutsch‘ / Will ich‘n ,Tschumm‘, will ich‘n ,Kuss‘“, rappt Italo Reno da. Und weiter: „Meine Jungs nenn‘ ich ,Kosengs‘ (Cousins; Anm. d. Red.), alle andern ,Hachi‘, ,Bedi‘ und ,Klons‘.“

„Koseng“ – so nennen sich die drei auch untereinander. Das Lied „Koseng II“ ist der Folgesong ihres Songs „Koseng“. „Da ging es nicht um die Buttjersprache, sondern darum, was einen Koseng ausmacht“, erklärt Ayo im Pressegespräch in dem Lokal „Zum Seriösen Fußgänger“. In „Koseng II“ knüpfe er genau daran an. Was erkläre, weshalb in dem Track auch ein paar Schimpfworte fielen. Ein Koseng sei jemand, auf den man sich verlassen kann, schildert Ayo. Wenn er Ärger in einem Club hat, dann ruft er seinen Koseng an, der ihm aus der Patsche hilft, rappt Ayo in „Koseng II“ sinngemäß. Dass seine Widersacher – „Knechte“, „Bedi“ – dabei nicht gut wegkommen, liegt auf der Hand. Zwischen den einzelnen Strophen erklärt ein alter Buttjer, was Geschlechtsverkehr, genauer: vögeln („bujen“), und Analverkehr in der Buttjersprache heißt („am buhl malochen“). Auf die Frage, ob sie mit den Anzüglichkeiten Außenstehenden den Einstieg erleichtern wollen, antwortet Sky (28) grinsend: „Einigen auch erschweren.“

Ayo stammt aus einer alten Schaustellerfamilie, ist selbst Schausteller und betreibt einen Schmalzkuchenstand. Im Wortschatz der Schausteller kämen viele Worte aus der Buttjersprache vor. „Wir sind ja viel unterwegs und haben viel mit Menschen zu tun“, sagt der 26-Jährige. „Unsere Sprache ist eine Art Geheimsprache. Wenn einer was nicht mitkriegen soll, dann sprechen wir so.“ Die Buttjersprache sei in seiner Familie fest verankert, Worte wie „Lobi“ (Geld) oder „latscho“ (gut, guter Mann) Teil ihrer Alltagssprache. Seine Uroma habe lange in der oberen Altstadt von Minden gewohnt, da wo die Buttjersprache – neben der Fischerstadt – ihren Ursprung haben soll. „Ein Buttjer ist ein richtiger Mindener“, in Minden geboren und aufgewachsen, habe ihm seine Uroma erklärt. Der Künstler Paul Wedepohl hat dem Buttjer mit einer Bronzestatue an der Martinitreppe ein Denkmal gesetzt.

Die Mindener Sprache „versteht nur ein Buttjer, nur ein Mindener Latscho / Du kannst damit nichts anfang‘ als Chalo, Hacho und Gadscho (kein Buttjer; Anm. d. Red.)“, rappt Gastrapper OGD alias Dennis Weberling in „Koseng II“. Der 31-Jährige stiehlt seinen Kosengs Ayo und Sky nicht nur sprachlich ein wenig die Show, weil seine Strophe die meiste Buttjersprache enthält, sondern auch rap-technisch. Was nicht überrascht. „Dennis ist für mich der beste Rapper in Minden“, sagt Ayo. OGD arbeitet sich in seiner Strophe an seiner Straßenvergangenheit ab. „Schofelo, schi Lobi, schi Chralepen und kein Pani / Wir poften auf dem Boden, ohne Strom, wir hatten gatschi (gar nichts; Anm. d. Red.).“ – Arm, ohne Geld, ohne Essen und Trinken / Wir schliefen auf dem Boden …

Mit ihrem Song will das Trio die Buttjersprache in Ehren halten und „den modernen Buttjer repräsentieren“, sagt OGD. Zwar kämen einige Worte nach wie vor im Alltag der Jugend vor, aber viele Begriffe würden inzwischen durch Worte aus anderen Rap-Songs ersetzt. „Heute sagen viele ,Bruder‘ statt ,Koseng‘“, sagt er. „Dabei haben wir hier doch die Buttjersprache, einen eigenen Slang.“ Doch nicht alle Mindener scheinen die Buttjersprache zu mögen, wie sich in Facebook-Kommentaren zu dem Song zeigt. Dazu Ayo: „Wer so was schreibt, der kommt nicht von hier.“

An einer Stelle ihres mit lauter Lokalkolorit gespickten Videos zu „Koseng II“ wird ein Schild aus einem alten Fachwerkhaus an der Videbullen-straße eingeblendet, auf dem steht: „Das alte Minden darf nicht sterben.“ Mit ihrem Song tragen Ayo, Sky und OGD ihren Teil dazu bei.




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