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Bückeburg, Nenndorf und Todenmann: Gleich drei Ortsbrandmeister haben in letzter Zeit hingeworfen

Drei Ortsbrandmeister zurückgetreten: Führungskrise bei der Feuerwehr?

LANDKREIS. Geläster, Intrigen, sogar Anzeigen gegen Feuerwehrkameraden oder die Drohung mit Anwälten: Die Gründe für den Rücktritt, oder den Nicht-Antritt, von drei Ortsbrandmeister im Landkreis alleine in diesem Jahr (wir berichteten) sind vielfältig und meist auch sehr individuell. Kreisbrandmeister Klaus-Peter Grote möchte daher auf Anfrage dieser Zeitung auch nicht in die Details der einzelnen Austritte gehen. „Aber ich will das auch nicht als reine Einzelfälle abwerten“, erklärt Grote. Er kann sich sogar eine teilweise hauptamtlichkeit der Ortsbrandmeister vorstellen.

veröffentlicht am 04.04.2019 um 16:48 Uhr

Zu immer mehr Einsätzen müssen die Freiwilligen Feuerwehren ausrücken. Foto: jak
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Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Für ihn gilt: „Das ist wie im Beruf auch: Knatsch gibt es überall mal. Aber Unsere Gesellschaft wird immer empfindlicher in vielen Bereichen.“ Durch soziale Medien würden sich Probleme hochschaukeln, die früher bei einem Bier in der Kneipe vielleicht noch gelöst worden wären. Grote beruhigt allerdings: „Momentan sehe ich keine Tendenzen, dass wir in 20 oder 30 Feuerwehren großen Knatsch kriegen in der Führung“, ist er zuversichtlich.

Aber was für die Gesellschaft als Ganzes gilt, schlage auch bei der Feuerwehr durch. „Das Klima ist rauer geworden.“ Früher wäre es quasi undenkbar gewesen, dass man sich in einer Wehr gegenseitig anzeige, oder per Anwaltsbrief kommuniziere.

Auch bei der Freiwilligen Feuerwehr gebe es manchmal Probleme im zwischenmenschlichen Bereich. Grote bedauert, wenn diese so weit reichen, dass Ehrenbeamte nicht mehr das Gefühl haben, ihr Amt ausüben zu können.

Gerade in den großen Wehren wie Nenndorf, Bückeburg, Stadthagen und Rinteln müsse man die Bedürfnisse von teilweise über 100 Aktiven unter einen Hut bringen. „Einige Positionen sind vielleicht im ehrenamtlichen Bereich nicht mehr zu leisten“, sagt Grote. „Das heißt nicht, ich will die Hauptberuflichkeit der Ortsbrandmeister“, stellt Grote klar. Aber: „Wir brauchen mehr Unterstützung durch die Verwaltung, oder vielleicht auch einen Halbtagsjob für den Ortsbrandmeister.“

Der Arbeitsaufwand für Ortsbrandmeister steige stetig. Allein die Verwaltungsarbeit nehme einen immer größeren Teil ein. Da brauche man sowohl die passende Person, als auch einen Arbeitgeber, der da mitspiele.

Ein weiterer Faktor sei, dass immer weniger Menschen bereit seien, langfristig Verantwortung zu übernehmen. „Das ist aber kein Phänomen der Feuerwehr, das ist auch bei den Vereinen so“, sagt Grote. Dabei handle es sich auch um eine Generationenfrage. Junge Menschen seien heute weniger fest gebunden an ihren Wohnort, ziehen öfter um und sind allgemein seltener in Vereinen aktiv. Und die ältere Generation, die früher ein Ehrenamt für 20, 30 Jahre ausgeübt haben, fallen bei der Feuerwehr langsam aus dem Raster. Während man mit 75 Jahren durchaus noch einen Verein als Vorsitzender führen könne, ist bei der Feuerwehr mit 67 Jahren Schluss. „Früher lag die Altersgrenze sogar bei 63 Jahren“, weiß Grote.

Aber auch in den Feuerwehren könne man es nicht allen recht machen. „Gerade bei den großen Wehren muss man einen konsequenten Weg finden, wie man führt“, so Grote. Das gelinge in manchen Wehren besser als in anderen.

Das hänge auch mit dem stark zugenommenen Einsatzgeschehen in den letzten Jahren zusammen. „Die Belastung steigt natürlich“, sagt Grote. In den letzten sechs Jahren hat sich etwa die Zahl der Brandeinsätze mehr als verdoppelt. Die Zahl der Mitglieder wächst dagegen nur leicht. Das heißt: Pro Feuerwehrmann ist unverhältnismäßig mehr zu tun als noch vor sechs Jahren.

Und stetig steigender Stress kann auch die sonst enge Kameradschaft in der Feuerwehr auf eine harte Probe stellen.

Information

Seit 2012 ist die Zahl der Einsätze stark angestiegen. Allein die Zahl der Brandeinsätze haben sich innerhalb des Zeitraums mehr als verdoppelt. Von 467 stieg die Zahl auf satte 978 im Jahr 2018. Auch die Zahl der Fehlalarme hat sich mehr als verdoppelt. Während die Feuerwehren im Landkreis im vergangenen Jahr 662 mal vergeblich alles stehen und liegen ließen, um auszurücken, lag die Zahl der Fehleinsätze im Jahr 2012 noch bei 268 Stück. Etwas geringer ist der prozentuale Anstieg bei den technischen Hilfeleistungen. Von 1069 im Jahr 2012 stieg sie auf 1241 im vergangenen Jahr. Ins Auge fällt auch, dass das Jahr 2018 in allen Teilbereichen den vorläufigen maximalen Höhepunkt einer meist stetig ansteigenden Entwicklung darstellt. Zwar wächst auch die Zahl der Mitglieder in den heimischen Wehren (von 3379 auf 3499) allerdings im Vergleich zu den Zunahmen um mehr als 100 Prozent, ist der Anstieg bei den Mitgliedern um 3,5 Prozent nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.




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