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Hintergründe des Drogenfunds

Drogenrazzia in Schaumburg und Umgebung: Spuren ins Rockermilieu

LANDKREIS/HANNOVER. Einen Straßenverkaufswert von 1,715 Millionen Euro schätzt die Polizei Hannover bei den 3100 Marihuana-Pflanzen, die die Beamten vergangene Woche bei einer Razzia unter anderem in Meerbeck beschlagnahmt haben. Polizei und Staatsanwaltschaft informieren nun über die Hintergründe des Ermittlungserfolges:

veröffentlicht am 20.03.2019 um 11:21 Uhr

In der Polizeidirektion Hannover ist ein Teil der auf den Plantagen und in den Wohnungen sichergestellten Waren – darunter 32 Kilogramm Marihuana sowie zahlreiche Waffen und Munition – für die Presse aufgebaut. Foto: col

Autor:

Mira Colic und Verena Gehring

LANDKREIS/HANNOVER. Einen Straßenverkaufswert von 1,715 Millionen Euro schätzt die Polizei Hannover bei den insgesamt 3100 Marihuana-Pflanzen, die die Beamten vergangene Woche Montag bei einer groß angelegten Razzia unter anderem in Meerbeck beschlagnahmt haben (wir berichteten). Während einer Pressekonferenz am Dienstagmittag haben Polizei und Staatsanwaltschaft über die Hintergründe des Ermittlungserfolges berichtet und einen Teil der Funde präsentiert – der starke Marihuana-Geruch wies den Medienleuten den Weg.

Es sei ein Zufall gewesen, dass die Polizei der Bande – es wird von Organisierter Kriminalität gesprochen – auf die Spur gekommen ist, erklärt Ralf-Günter Goßmann, Leiter der Zentralen Kriminalinspektion. Im Oktober 2017 sei eine Streifenwagenbesatzung auf eine Feier in einem Bistro an der Vahrenwalder Straße in Hannover aufmerksam geworden, weil die Personen teilweise mit einer rockerähnlichen Kutte ausgestattet gewesen seien. Während der Kontrolle sei festgestellt worden, dass der Anführer – ein Afghane, der seinen Wohnsitz in Spanien hat – einen offenen Haftbefehl habe. „Die 1400 Euro hat er sofort bar bezahlt.“

Alle Männer seien ausgesprochen höflich gewesen und hätten angegeben, einem Boxklub anzugehören. Sie nennen sich „Brothers till Death“. Im Internet sei nichts über die Gruppierung gefunden worden und auch sonst seien sie noch nicht in Erscheinung getreten. „Die haben offenbar ganz bewusst versucht, unter unserem Radar zu operieren“, sagt Goßmann. Trotzdem blieb die Polizei der Gruppe auf der Spur. Innerhalb der Polizei sei das Verfahren laut Goßmann sehr abgeschottet behandelt worden, um nichts nach Außen dringen zu lassen. Ein Jahr haben die Ermittlungen gedauert. Fünf der aktuell Inhaftierten gehören der Gruppe an.

Die Kutten des angeblichen Boxklubs, bei dem fünf der Tatverdächtigen Mitglied sind. Foto: pr.

Christine Reinert, Leiterin des Ermittlungsdienstes, bescheinigt den Verdächtigen eine „hohe kriminelle Energie“. Die insgesamt vier ausgehobenen Plantagen seien überaus professionell betrieben worden. Unter anderem sei die Luft mit CO2 angereichert und Pflanzenschutzmittel verwendet worden. Deswegen habe die Polizei zur Sicherheit Spezialeinsatzkräfte (SEK) zur Unterstützung angefordert, die die Gebäude mit Atemschutz betreten haben. „Die Kollegen waren erstaunt, was sie zu sehen bekamen“, sagt Reinert vor dem Hintergrund der „hochwertigen Gärtnerei“.

Jeweils 1000 Pflanzen – alle in unterschiedlichen Entwicklungsstadien – seien pro Plantage gefunden worden. Alle zwei Wochen sei die Erntereife erreicht worden – was Einnahmen von 66 000 Euro pro Objekt verspricht. „Diese Plantagen hat kein Laie errichtet, alles war automatisch gesteuert, vom Licht über die Sprinkleranlage bis zum Strom“, so Reinert. Jede Plantage habe einen Wert von 100 000 Euro.

Sie wolle sich gar nicht ausmalen, welche Gesundheitsschäden und Abhängigkeiten durch diese Mengen entstanden sind, sagt Reinert kopfschüttelnd. Deswegen appelliere sie an die ländliche Bevölkerung, sich bei ungewöhnlichen Beobachtungen sofort an die Polizei zu wenden. An dem Geruch seien die Plantagen jedoch nicht als solche zu erkennen gewesen. „Die Täter haben Rußfilteranlagen benutzt.“

Am Meerbecker Buchenweg haben die Beamten die ehemalige Firma Medizin und Technik ausgehoben. Außerdem wurde eine Wohnung an der Röntgenstraße in Bückeburg durchsucht. Diese soll aber der Freundin eines Beschuldigten aus Minden gehören. Neben den Objekten in Schaumburg durchsuchte die Polizei auch Gebäude in Bad Oeynhausen, Lübbecke, Petershagen, Minden, Rahden, Preußisch Oldendorf und Espelkamp (Minden-Lübbecke), Hannover, Lehrte sowie Laatzen.

Neben den Pflanzen und 32 Kilogramm bereits getrocknetem Marihuana seien zudem 240 000 Euro Bargeld, vier Luxus-Autos, teure Uhren (drei Rolex und eine Breitling) sowie Schmuck sichergestellt worden. „Unser Ziel ist es, das neue Recht der Vermögensabschöpfung zu nutzen, sodass die Täter nicht nur eine Haftstrafe erhalten, sondern auch mittellos bleiben.“ Beschlagnahmt worden seien auch die beiden Grundstücke in Meerbeck und Rahden.

Das Objekt am Buchenweg gehört einem Mann aus Lübbecke. Nach Angaben dieser Zeitung hat dieser es 2018 von einem Mindener Geschäftsmann gekauft. Bis 2014 war dort die Firma Medizin und Technik beheimatet. Sie ging aber insolvent.

Besonders erschreckend sei die aufgefundene Menge von 1000 Schuss Munition, sagt die Ermittlungsdienstleiterin. Dies sei der Tatsache geschuldet, dass es keine Mengenbegrenzung bei Munition gebe. Bei den Waffen handelt es sich sowohl um legale als auch illegale. Insgesamt sechs Container seien mit all der Ware gefüllt worden.

Aktuell werde gegen 13 Beschuldigte ermittelt, informierte der Erste Staatsanwalt Oliver Eisenhauer, die aus dem Raum Hannover, Schaumburg und Ostwestfalen stammen. Gegen acht Verdächtige (22 bis 49 Jahre alt) sei aufgrund der Fluchtgefahr ein Haftbefehl erlassen worden. Eisenhauer erklärt dies mit der hohen Strafandrohung bei bandenmäßigem Handel mit Betäubungsmitteln von fünf bis 15 Jahren. Bei den Beschuldigten handelt es sich um Deutsche sowie Männer mit syrischen, afghanischen und russischen Wurzeln. „Wir lassen jetzt die Handys, Navigationsgeräte und Laptops auslesen sowie den Wirkstoffgehalt der Pflanzen und des abgeernteten Marihuanas prüfen.“ Außerdem sei ein waffenrechtliches Gutachten in Auftrag gegeben sowie ein Gutachten über die Professionalität der Anlagen. „Wir versuchen, das Verfahren mit besonderer Eile innerhalb von sechs Monaten abzuschließen.“

Ob es aufgrund des Bezuges des Anführers der Rockergruppe nach Mallorca Verbindungen zu Frank Hanebuth und seinen Hells Angels gibt, konnte die Polizei nicht sagen.




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