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Runkelschnaps und Pfefferminzlikör: In der Küche einer Familie braute sich etwas Besonderes zusammen

Eine Geschichte vom gefährlichen Schwarzbrennen nach dem Krieg

Heiligabend nach dem Krieg. Die Not ist groß, in den Geschäften sind die Regale nur spärlich gefüllt. Wer sich etwas Besonderes gönnen wollte, musste es halt selbst herstellen. Wie auch in unserem Fall. Doch das Ergebnis war sozusagen recht explosiv. Aber lesen Sie selbst, was in Familie Boltes Küche kurz vor dem Fest der Liebe geschah.

veröffentlicht am 24.12.2020 um 09:00 Uhr
aktualisiert am 24.12.2020 um 09:39 Uhr

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Es war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, von der Währungsreform sprach noch niemand. Dezimierte Familien, Flüchtlingselend und die Not der Evakuierten waren überall gegenwärtig. Jeder versuchte, irgendwie über die Runden zu kommen. Zu kaufen gab es kaum etwas. Die Regale in den wenigen Geschäften waren leer.

Schwarzschlachten und Schwarzbrennen war bei Strafe verboten und war trotzdem landauf, landab bei allen zur Gewohnheit geworden, die Gelegenheit dazu hatten. Aus Zwetschgen, Birnen, Äpfeln, aus Zuckerrüben und Kartoffeln, aus allem, was die Natur dafür hergab, wurde zu Hause „Selbstgebrannter“ produziert. Es war die große Zeit der Tüftler und Erfinder.

So geschah es auch in einem Haus im Nammer Westen, einem heutigen Ortsteil von Porta Westfalica. Geben wir der Familie einmal den Namen Bolte. Vater Hermann, bei der Metallfabrik Baumgarten in Neesen beschäftigt, brachte handwerkliches Geschick mit und versuchte auf unterschiedlichste Art, seiner Familie in schwieriger Zeit ein halbwegs vernünftiges Leben zu ermöglichen. Es war kurz vor Weihnachten des Jahres 1946 oder 1947, genau ist es nicht mehr überliefert. Bei Boltes in der Küche, sie wohnten dicht an der Grenze nach Lerbeck, zischte, brodelte und gluckerte es verdächtig.

Aber beginnen wir die Geschichte an ihrem Anfang: Es hing mit den auf dem Meierhof organisierten Zuckerrüben zusammen. Den Handwagen randvoll, hatten Boltes die Rüben aus dem Feld nach Hause gefahren. Vater war auf seiner Arbeitsstelle, Mutter und die beiden Kinder mussten die Zuckerrunkel in mühevoller Arbeit zu Schnitzeln schneiden, zwei Tage hatten sie zu tun.

Was dann passierte, war Willi und Anne, den beiden Kindern, vorerst nicht klar. Sie bekamen von den Eltern nur immer wieder gesagt: „In unsere Küche lasst ihr niemanden hinein und sagt keinem Menschen, was Papa dort aufgebaut hat.“ Dies „Schweigeverbot“ stachelte die Neugier der Kleinen natürlich zusätzlich an und machte die Angelegenheit erst richtig spannend.

Nach und nach lüftete sich für Willi und Anne das Geheimnis. Es war Stromsperre, wie so häufig. Die Familie saß abends in der Küche zusammen, rund um den Tisch, auf dem ein Talglicht brannte. Es war nicht trauter Familiensinn, der zu diesen, inzwischen gewohnten „Sitzungen“ führte. Nein. Kohle- und Stromzuteilungen förderten den Familienzusammenhalt auf ganz andere Art und Weise.

So bekamen Willi und Anne dann mit, wie sich die Eltern über mögliche Folgen von Schwarzbrennerei unterhielten. Wörter wie „Polizei“ und „womöglich Gefängnisstrafe“ fielen. Für die beiden Kleinen wurde die Sache spannend und spannender und nahm fast kriminelle Züge an.

Vater, für die Kinder der Erfinder durch und durch, hatte quer durch die Küche eine Destillieranlage mit Kessel, Schläuchen und Spiralen aus Glas aufgebaut. Alle Abende nahm er eine Probe von dem Zuckerrüben-Destillat und war anscheinend ganz zufrieden mit dem, was sich da am Ende seiner Tüftelanlage tropfenweise im Glaskolben sammelte. Heimlich machte auch Willi eine kleine Genussprobe. Doch die wurde zu einer einzigen Enttäuschung. Wegen dieses widerlichen Gebräus riskierte der Papa, kriminell zu werden, vielleicht sogar im „Kittchen“ zu landen?

Doch die Angelegenheit nahm Schwung auf, als Mama ein Fläschchen grüner Flüssigkeit nach Haus brachte. „Pfefferminzessenz“ stand auf dem Etikett. Und nach Pfefferminz roch es bis in den Flur, als sie nur den Korken ein wenig lüftete. Weitere Tage vergingen. Tropfen für Tropfen füllte sich der Glaskolben an der Destillieranlage.

Die Weihnachtswoche begann – und damit auch die geheimnisvollen Vorbereitungen in Mamas Küche. Beim Plätzchenbacken durften Anne und Willi dabei sein. Der Duft der künstlich hergestellten Rum- und Vanillearomen, die Papa irgendwie organisiert hatte, lag in der Luft und überdeckte den penetranten süßen Zuckerrübengeruch, der sich überall breitgemacht hatte.

Heiligabend: Endlich tat sich was in Papas „Runkelschluckfabrik“. Mutter holte vor Mittag die Kristallkaraffe aus dem Stubenschrank. Willi und Anne hatte sie nebenan zum Baden in die Zinkwanne beordert, ein Badezimmer kannte man nicht. Beide konnten ihre zappelige Unruhe vor dem Heiligen Abend kaum im Zaum halten. Die Eltern waren in der Küche in ihre verbotenen Geschäfte eingebunden: Runkelschnaps abfüllen und Pfefferminzlikör mischen.

Es herrschte tiefster Familienfrieden am frühen Heiligen Abend. Eigentlich war die Stille zu still. Man konnte die Spannung richtig knistern hören.

Da – plötzlich ein Knall! – Geschrei aus der Küche. Danach – absolute Ruhe.

Die Kinder stürzten nackig und nass in die Schnapsbude und sahen nur noch Rübenschnitzel. Auf dem Boden, auf dem Tisch, auf den Stühlen, an den Scheiben des Küchenschrankes, in den Gardinen. Und mittendrin standen Mama und Papa, starr vor Schrecken, schnitzelbekleckert. Voller Mitleid sah Willi seinen Papa an und sagte leise zu Anne: „Wie Rübezahl, vor Tagen erst hat uns Lehrer Watermann (Schreuers Heini) in der Schule davon erzählt.“ Tatsächlich – eine gewisse Ähnlichkeit war nicht zu verleugnen. Da stand die Familie nun inmitten des ganzen Dilemmas. Papas geniale Erfindung war Heiligabend über den Köpfen der Eltern explodiert. Zwischen dem Chaos schwamm ein Rest an Flüssigkeit, der mal Runkelschnaps und Pfefferminzlikör werden sollte.

Der erste Schrecken war überwunden, aber so aus den Fugen und neben der Spur hatten Willi und Anne ihren Papa noch nie gesehen. Die Eltern befreiten sich selbst erst gegenseitig und dann – einträchtig mit den Kindern – die Küche von der gröbsten Schweinerei, süß und klebrig. Mama zeigte sich froh, dass der Knall nicht auch noch die Nachbarschaft oder Wilhelm Barkowski, den gleich hinter der nahen Lerbecker Ortsgrenze wohnenden Dorfpolizisten, auf den Weg gebracht hatte. Die Beweislast wäre erdrückend gewesen.

Dann war es auch Mutter Bolte, die als erste wieder klaren Verstand fassen konnte. „Es geht auf Kaffeezeit zu. Wir müssen für die Christvesper in der Lerbecker Kirche fertig machen.“ Zu Fuß ging die Familie den halbstündigen Weg zur Kirchspiels-Hauptkirche.

Als Kirchmeister Heinrich Fröhning am großen Weihnachtsbaum neben der Kanzel die Kerzen anzündete, fand Hermann Bolte langsam seine innere Ruhe wieder. Der Posaunenchor spielte, der Kirchenchor sang, Ernst Tofaute spielte die Orgel, Pastor Schallenberg predigte über das Weihnachtsevangelium. Die altvertrauten Weihnachtslieder ließen bei Boltes das Dilemma vom Morgen so langsam vergessen. Und als bei dem ausgangs gesungenen „O du fröhliche“ Heinrich Kuhlmann bei den Posaunen die Oberstimme ansetzte, war nicht bloß für Willi und Anne, da war auch für Mama und Papa ums Herz richtig Weihnachten geworden.

Draußen hatte leichter Schneefall eingesetzt, als jeder seinem Nächsten wünschte: „Frohe Weihnachten.“




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