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Nach 23 Jahren heißt es loslassen

Georgia Hasse hat den Vorstand des Kinderschutzbundes Schaumburg verlassen

LANDKREIS. „Es fühlt sich komisch an“, gibt Georgia Hasse ehrlich zu. Erst vor wenigen Wochen hat die 62-Jährige den Vorsitz des Kinderschutzbundes Schaumburg aufgegeben. Insgesamt hat sie 23 Jahre im Vorstand mitgearbeitet, seit 2005 als Vorsitzende. Bei der jüngsten Mitgliederversammlung hat wie berichtet Tanja von Schöning das Ehrenamt übernommen.

veröffentlicht am 24.05.2019 um 00:00 Uhr

Georgia Hasse freut sich jetzt auf mehr Freizeit, auch wenn sie sich vorstellen kann, wieder Verantwortung in einem Ehrenamt zu übernehmen. Foto: col

Autor:

mira colic
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„Ich finde Wechsel immer gut“, sagt Hasse. Ihre Nachfolgerin gehörte dem Vorstand bereits zwei Jahre als Beisitzerin an und so habe sich bei ihr der Gedanke entwickelt, dass der Verein bei ihr in guten Händen wäre. „Es wäre fahrlässig zu sagen, wir schauen einfach mal, was kommt. Schließlich haben wir eine Verantwortung für die Familien ebenso wie für unsere elf Mitarbeiter.“

Von Schöning sei ihre Wunschkandidatin gewesen, weil sie sehr bekannt und vernetzt sei im Landkreis. „Ich bin ja keine Schaumburgerin und hatte es am Anfang sehr schwer, weil ich keinen Menschen kannte.“ Von ihrer Nachfolgerin erhofft sie noch größere Bekanntheit für den Kinderschutzbund „über die Fachkreise hinaus“.

Sie habe damals – vor 26 Jahren – von der Gründung des Kinderschutzbundes in der Zeitung gelesen. „Und ich wusste sofort, da machst du mit“. Dabei habe sie als berufstätige, alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern eigentlich gar keine Zeit gehabt. „Aber manchmal hat man einfach eine Eingebung und sollte seiner inneren Stimme dann auch folgen.“ Was folgte, bezeichnet Hasse als „turbulente Zeit“. Am Anfang habe eine wunderbare Aufbruchstimmung mit monatlichen Mitgliederversammlungen geherrscht. Schnell sei sie als Beisitzerin in den Vorstand gerutscht.

Zehn Jahre später habe sie dann den Vorsitz übernommen. „Na ja, die Leute drängeln sich nicht gerade um den Vorsitz.“ Ihre Kinder seien dann schon größer geworden, „die Arbeit war mir vertraut, es war mir wichtig, also habe ich ja gesagt“. Auch wenn ihr anfangs besonders das Sammeln von Spenden schwergefallen sei. „Man muss einfach den Gedanken abschütteln, dass man Bittsteller ist. Wir bringen ja auch eine Leistung für die Gesellschaft.“

Wichtig ist Hasse auch zu betonen, dass der Kinderschutzbund nicht nur zur „Katastrophenabwendung“ da ist, sondern die Förderung und Prävention im Vordergrund stehe. Dies sei damals auch der Gründungsgedanke gewesen: „Wir können nicht warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist.“ Eine starke Vernetzung – von Jugendamt, Hebammen und Kitas – sei dafür unerlässlich. „Und die ist in Schaumburg richtig gut.“ Dankbar ist die 62-Jährige auch über die Unterstützung des Landkreises – und dies nicht nur im Hinblick auf das Finanzielle (der Kreis kommt für die Personalkosten auf), „wir werden gehört, wenn wir ein Anliegen haben“. Überhaupt sei es wichtig, die Politik mit ins Boot zu holen. „Wir haben viele Unterstützer in den Parteien, ohne diese ginge es nicht.“

Natürlich hätten sich in den Jahren auch die Aufgaben des Vereins geändert. „Wir hatten eine der ersten Beratungen für Schreibabys. Mit diesem Angebot waren wir sogar zweimal Modellprojekt des Landes. Ein grandioser Erfolg.“ Mittlerweile werde diese ebenso wie die Stillberatung auch von Krankenhäusern angeboten. Als sie vor mehr als 20 Jahren das Kinder- und Jugendhilfetelefon im Jugendhilfeausschuss des Kreises vorgestellt habe, habe ein Politiker sich abwertend geäußert: „Ist ja ein gemeinnütziger Verein, wer weiß, wie lange es den überhaupt gibt.“ Dies sei ihr aber ein unheimlicher Ansporn gewesen: „Dem zeigen wir‘s.“ Sie sollte recht behalten.

„So, wie die Kleinen in der Gesellschaft immer mehr in den Fokus gerückt sind, so haben auch wir uns weiterentwickelt.“ Aus einer ABM-Kraft und einer Angestellten sind mittlerweile elf Mitarbeiter plus Honorarkräfte geworden. Die Angebote bestehen aus den beliebten Eltern-Kind-Gruppen, Kursen (beispielsweise „Starke Großeltern) und Vorträgen. Und vor drei Jahren ist eine Geschäftsführung installiert worden, was Hasse als „richtig guten Schritt“ bewertet. Dies gebe sowohl den Geldgebern wie auch den Mitarbeitern die nötige Sicherheit, dass es weitergehe, egal welcher Vorstand da ist. „Zumal wir zu dem Zeitpunkt schon mit dem Personal und dem Haushalt eine gewisse Größenordnung erreicht hatten.“

Es sei zwar aktuell noch ungewohnt für sie, keine Verantwortung mehr zu tragen, aber sie sei ja auch nicht aus der Welt, wenn es Unterstützungsbedarf gebe. „Ich möchte aber auch nicht jemand sein, der nicht loslassen kann.“ Nun freue sie sich aber auch auf mehr Freizeit, um beispielsweise zu reisen oder sich mehr um die Enkel zu kümmern. „Langeweile war nie mein Problem“, sagt Hasse, die vergangenes Jahr in den Ruhestand getreten ist. Obwohl sie nicht ausschließen möchte, dass sie an anderer Stelle wieder ein Ehrenamt übernimmt. Es gebe da nämlich „viele Dinge, die mich aufregen“.

Denn solch ein Ehrenamt sei sehr bereichernd. „Ich habe so viele Menschen kennengelernt, denen ich ohne den Kinderschutzbund nie begegnet wäre.“ Deswegen glaubt Hasse auch, dass sich mehr Leute ehrenamtlich engagieren sollten, „auch wenn man meint, man hätte überhaupt keine Zeit“. Stattdessen sollte man einmal kritisch beleuchten, mit was man seine Zeit „verdaddelt“. Sie wolle nicht dogmatisch wirken, „aber man bekommt unglaublich viel zurück“. Ein Ehrenamt sei außerdem ein gutes Mittel gegen Einsamkeit. Und es rücke manchmal das Bild von sich und seiner Situation zurecht, „weil man einen anderen Blick auf viele Dinge bekommt“.




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