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Polizei sucht Leiche des Hamelners Stefan Haenelt / „Kreis der Beschuldigten hat sich vergrößert“

Grab geöffnet und Garagenhof aufgebaggert

Hameln (ube). Er wurde zuletzt am 2. März 2004 lebend gesehen – seitdem ist der Hamelner Stefan Haenelt spurlos verschwunden. Die Ermittler des für Mord und Totschlag zuständigen 1. Fachkommissariats des Zentralen Kriminaldienstes glauben: Der 1,55 Meter große Mann ist im Alter von 37 Jahren getötet worden. Vermutlich während einer „Teufelsaustreibung“.

veröffentlicht am 24.09.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 17:22 Uhr

Heike M.
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Seit siebeneinhalb Jahren versucht die Polizei den mysteriösen Fall zu klären – es ist die bislang längste und geheimste Mordermittlung in der heimischen Kriminalgeschichte. Auf der Suche nach der Leiche scheut die Staatsanwaltschaft Hannover weder Kosten noch Mühen: Erst vor wenigen Wochen rückten Kriminaltechniker mit einem Bagger auf dem Friedhof in Grupenhagen an. Mit einem richterlichen Beschluss öffneten die Ermittler den Sarg einer im Jahr 2003 verstorbenen Frau. Sie wollten sicher gehen, dass in dem Grab nicht auch der vermisste Stefan Haenelt liegt. Bei ihren Nachforschungen waren die Ermittler auf Hinweise gestoßen, die den Verdacht erhärtet hatten, dass die Leiche des Hamelners von den Tätern an anderer Stelle ausgegraben und erneut verscharrt worden ist. Gefunden haben die Beamten aber nur die Leiche der Verstorbenen.

Schon vor der Öffnung des Erdgrabs hatte Kriminalhauptkommissar Markus Schwarz, der die Ermittlungen leitet, im Dorf schweres Gerät auffahren lassen. Wissenschaftler des Leibnitz-Instituts für angewandte Geophysik hatten im Auftrag der Hamelner Polizei Hightech eingesetzt, um eine zunächst heiße Spur zu verfolgen. Mit einem Bodenradar suchten die Experten eine gepflasterte Fläche nach Anomalien im Untergrund ab – und wurden fündig. Das Gerät zeigte tatsächlich eine verdächtige Unregelmäßigkeit an. Das Objekt hatte die Größe eines menschlichen Körpers. Mit einem Bagger wurden auf einer Fläche von 80 Quadratmetern zunächst alle Betonsteine entfernt. Dann gruben sich Kriminaltechniker mit Spaten und Gartenschaufeln tagelang metertief in den Boden. Eine Leiche haben die Beamten auch an dieser Stelle nicht finden können. Dennoch ist es möglich, dass dort ein Toter vergraben wurde, die Überreste allerdings später wieder entfernt wurden.

Die Polizei darf sich zu den Untersuchungen nicht äußern, denn Herrin des Verfahrens ist die Staatsanwaltschaft. Und die möchte sich aus taktischen Gründen nicht all zu sehr in die Karten schauen lassen. Unbestätigt ist nämlich nicht nur, dass Stefan Haenelt tot ist. Unbewiesen ist zudem, dass er von einem Ehepaar, das einmal in Grupenhagen gewohnt hat, umgebracht wurde. Erst im September hat die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts des Totschlags eingeleitet. Es richtete sich zunächst nur gegen den Konditor Klaus-Dieter M. (50) und seine Ehefrau Heike (46). „Inzwischen hat sich der Kreis der Beschuldigten vergrößert“, sagte Staatsanwältin Kathrin Söfker gestern im Pressegespräch. „Die Ermittlungen erstrecken sich auf weitere Angehörige der Familie M. – unter anderem auf einen Sohn.“

Klaus-Dieter M.
  • Klaus-Dieter M.
Vermisst: Stefan Haenelt. Die Polizei glaubt, dass er getötet wurde.
  • Vermisst: Stefan Haenelt. Die Polizei glaubt, dass er getötet wurde.

Bis vor einem Jahr war der Fall Haenelt offiziell nur eine Vermisstensache. Obwohl die Polizei von Anfang vermutet hat, dass der Hamelner Opfer eines Verbrechens geworden ist. Weil es dafür aber kaum Indizien gab, gestalteten sich die Nachforschungen schwierig. Was rechtlich möglich war, wurde jedoch gemacht. Die Eheleute M. und deren sechs Kinder hatten vor ihrem Umzug nach Steinheim-Ottenhausen in einem alten Haus an der Bösingfelder Straße 19, in dem sich früher das Lokal „Alter Dorfkrug“ befand, gewohnt. In den Jahren 2006 und 2009 wurden Gebäude und Grundstück dreimal mit Leichenspürhunden abgesucht – ohne Erfolg.

Von Zeugen weiß die Polizei, dass Stefan Haenelt, der mit Familie M. befreundet war, oft mit dem Ehepaar in ein Waldgebiet bei Grupenhagen gefahren ist. Der Hamelner saß stets auf dem Beifahrersitz eines roten VW Bulli, der den M.s gehörte.“ Die Ermittler wissen aber nicht, was die Verdächtigen und Stefan Haenelt dort gemacht haben. Augenzeugin Margot M. (Name geändert) – sie ist die Tochter der Tatverdächtigen Heike und Klaus-Dieter M. – hat ausgesagt, sie habe am 2. März (es war ihr 18. Geburtstag) gesehen, wie ihre Eltern mit dem Hamelner weggefahren sind. „Sie sind ohne ihn zurückgekehrt. Ich habe ihn nie wieder gesehen.“ Die heute 25-Jährige behauptet auch, Stefan Haenelt sei in dem Haus in Grupenhagen mehrmals gefoltert worden. „Einmal haben sie ihn gefesselt und ihm ein Kreuz auf einen Arm und einen Schlüssel auf die Brust tätowiert.“

Margot M. ist selber Opfer ihrer Eltern geworden. Ihr Martyrium dauerte elf Jahre. Sie musste nach Feststellungen des Landgerichts Paderborn immer wieder sexuelle Übergriffe ihres Vaters erdulden. Vergewaltigungen, an denen die Mutter mitwirkte, wurden als „Teufelsaustreibungen“ bezeichnet. Staatsanwalt Karl Oppenkamp: „Das Mädchen musste sich ausziehen. Dann wurde ihm ein Kreuz auf die Brust gelegt. Die Mutter hielt ihre Tochter fest, der Vater vergewaltigte sie.“

Am 25. Januar hat Margot M. ein Kind zur Welt gebracht. Es ist von ihrem eigenen Vater. Im März wurden Klaus-Dieter M. und Heike M. zu langen Haftstrafen verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass mindestens 48 Taten von Inzest und vier Vergewaltigungen, von denen drei mithilfe der Mutter begangen wurden, stattgefunden haben. Klaus-Dieter M. wurde zu neuneinhalb Jahren Gefängnis, seine Frau Heike zu sechs Jahren Haft verurteilt. Nach Angaben des Nebenklägervertreters Klaus Rimkus sind die Urteile noch nicht rechtskräftig.

Staatsanwaltschaft und Polizei setzen alles daran, auch den Fall Haenelt zu lösen. „Wir haben die Leiche noch nicht gefunden, aber wir suchen weiter“, sagt Staatsanwältin Kathrin Söfker. Die ermittelnde Oberstaatsanwältin Gabriele Nesemann fügte gestern hinzu: „Wir geben nicht eher auf, bis wir Stefan Haenelt gefunden haben.“




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