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Verein will Stars ins „Wohnzimmer“ holen

Großstadtgefühle in der Kleinstadt: Ein Jazzclub für Hameln

HAMELN. Ein Jazzclub wie in Hamburg, Berlin oder Stuttgart in Hameln:. „Warum nicht?“, sagt Boris Faehndrich. Der Hamelner Anwalt will genau das. Einen Club, der Großstadtniveau hat – zumindest künstlerisch. Anfang Oktober soll er öffnen. Wir stellen die Pläne vor:

veröffentlicht am 24.01.2019 um 00:00 Uhr

Wollen mehr Jazz nach Hameln holen: Andreas Janus, Boris Faehndrich, Julia Sonnenkalb und Martin Mehnert (v. li.) . Der Club „Doubletime“ soll neben dem Café Zeitgeist entstehen. Foto: Dana
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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HAMELN. Ein Jazzclub wie in Hamburg, Berlin oder Stuttgart in Hameln: „Warum nicht?“, sagt Boris Faehndrich. Der Hamelner Anwalt will genau das. Einen Club, der Großstadtniveau hat – zumindest künstlerisch. An diesem Morgen sitzt er mit Martin Mehnert und Johannes Weege im Café Zeitgeist. Sie haben Cappuccino vor sich. Weege ist Hamelner Unternehmer, Mehnert Assistent der Geschäftsleitung im Küchengeschäft Janus, außerdem gelernter Veranstaltungskaufmann. Er hat das Café Zeitgeist mit aufgebaut. Beide gehören zum Team um Faehnd-rich. Nur einen Monat hat es gebraucht, um den Club zu planen. Anfang Oktober soll er nebenan öffnen, zwischen Zeitgeist und Fotostudio Blesius. Das ist kein Zufall. Das neue Café an Hamelns Einfallstor, der Deisterallee, hat Faehndrich und seine Frau Julia Sonnenkalb inspiriert. Die große Kreuzung stört sie nicht, im Gegenteil: Sie sei die einzige mit ein wenig Großstadtflair, sagen sie. Das war vor zwei Monaten. Über einen Jazz-Club denkt das Paar seit mehr als zwei Jahren nach.

Inzwischen gibt es Vereinsgründungen, einen Sanierungsplan und ein erstes Line-up. Auch einen Namen hat der Club schon: Doubletime – im Jazz die verdoppelte Geschwindigkeit des Grundbeats. Es gibt erste Spender und Leute, die mitmachen, die heiß sind. Zu ihnen gehören seit der ersten Stunde auch Martin Mehnert und Andreas Janus. Der Küchenexperte, der mit seiner Frau neben dem Zeitgeist sein Küchengeschäft betreibt, bringt sich bei der Sanierung ein. Er hat darin inzwischen Erfahrung: Es ist nach dem Küchenstudio und dem Café das dritte Haus. Mit dem Zeitgeist hat er bei den Hamelnern scheinbar einen Nerv getroffen. „Wir haben einfach zugehört, was die Leute wollen“, sagt Martin Mehnert. Deshalb gibt es nicht mehr nur Kaffee und Kuchen, sondern auch Frühstück, Suppe. Als Mehnert im Vorbeilaufen hört, dass das Paar über einen Jazzclub spricht, sagt er spontan: „Ihr macht was Verrücktes? Ich bin dabei.“ Mehnert wird den Club führen, also den Betrieb und die Bewirtung übernehmen.

Angst, dass es nicht funktioniert, hat das Quartett Faehndrich, Sonnenkalb, Mehnert und Janus nicht. „Einzig, es nicht getan zu haben, wäre falsch“, sagt Faehndrich. Der Hamelner Anwalt mit besten Kontakten in die Jazz-Szene ist überzeugt vom Erfolg. „Wir bekommen Leute, die weltweit auf Tournee gehen.“ Das Team setzt auf einen intimen Rahmen mit besten Instrumenten (unter anderem einem Steinway-Flügel), bester Beschallung, Lounge und Bar.

Im Doubletime sind erstklassige Konzerte geplant. Symbolfoto: pixabay

Als Konkurrenz zum Hefehof, wo jährlich das Jazztival stattfindet, oder zur Sumpfblume versteht man sich nicht, eher als Ergänzung. „Der Club soll ein großes Wohnzimmer mit professioneller Ausstattung sein.“ Die Erfahrung, dass große Jazzer auch die kleine Bühne suchen, haben die Jazzfans unter anderem in Horn Bad Meinberg im Red Horn District gemacht. Ein Verein organisiert dort hochkarätige Konzerte. Letztlich gelte das auch für die Clubs in Minden und Hannover.

Und wer finanziert das alles? „Es braucht einen Dreiklang“, sagt Faehndrich. „Wir leben von hoher Eigeninitiative und positiver Energie, wir und Menschen um uns herum bringen auch finanzielle Mittel ein.“ Erfolgreich und harmonisch werde es am Ende aber durch Unterstützung durch Vereinsmitgliedschaften, Spenden und Sponsoren. Das anvisierte Ziel für den reinen Betrieb des Clubs sei, kein Minus zu machen. „Die Konzertveranstaltungen“, so Faehndrich, „laufen ehrenamtlich und ohne Gewinnabsicht.“ Es gelte vor allem, die Spanne zwischen Gagen und Eintrittseinnahmen aufzufangen. Und: Begeisterung steckt scheinbar an. Der Vermieter ist so angetan vom Projekt, dass er mit der Miete entgegengekommen sei. Er habe einige Anfragen für das seit vier Jahren leer stehende Objekt gehabt, erzählt Martin Mehnert, aber das Richtige sei wohl nicht dabei gewesen. Nun ist der Vermieter sogar bereit, den Eingang wieder in ursprünglicher Jugendstilart zu gestalten.

Am 5. Oktober soll der Club öffnen, zwölf Konzerte pro Jahr soll es mindestens geben. Für Ende 2019, Anfang 2020 fallen Namen von Jazz-Größen wie triosence, LBT, Wolfgang Haffner, Martin Tingvall, Jacob Karlzon oder Olivia Trummer, oder Della Miles (ehemals Backgroundsängerin von Whitney Houston). Auch über Jazz-Workshops, Lesungen denkt man nach. „Jazz ist ein Lebensgefühl“, sagt Julia Sonnenkalb.


Am heutigen Donnerstag wird das Projekt im Café Zeitgeist offiziell vorgestellt. Alle Interessierten können an diesem Abend einen Blick in den künftigen Club werfen, dessen Fenster derzeit noch verhängt sind und an denen Zettel verkünden, dass hier etwas von Hamelnern für Hameln(er) passiert. Los geht es ab 18.30 Uhr im Café Zeitgeist mit Canapés und Prosecco.




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