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Beratungsstelle BISS

Häusliche Gewalt: Immer noch ein Tabuthema

STADTHAGEN. Janina Schmidt hat einen anstrengenden Beruf: Täglich hat sie mit Opfern häuslicher Gewalt zu tun. Im vergangenen Jahr hat sie in der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt (BISS) 290 Gespräche mit Betroffenen geführt. Wie läuft so etwas ab? Und wie sind die Fallzahlen für Schaumburg?

veröffentlicht am 21.01.2019 um 00:00 Uhr

Die Beratungsstelle BISS der Arbeiterwohlfahrt (Awo) hilft Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden. Foto: rg

Autor:

Mira Colic
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STADTHAGEN. Janina Schmidt hat einen anstrengenden Beruf. Täglich hat sie mit Opfern häuslicher Gewalt zu tun. Im vergangenen Jahr hat sie in der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt (BISS) der Awo 290 Gespräche mit Betroffenen geführt. „Die Frauen erzählen mir ihre Geschichte bis ins kleinste Detail, das ist schon sehr belastend und lässt mich manchmal nicht schlafen“, gibt Schmidt zu.

Umso wichtiger sei der Austausch mit Kolleginnen. „Das Netzwerk in Schaumburg ist sehr gut aufgestellt“, sagt die Sozialpädagogin. Und dieses brauche es auch. „Denn irgendwann komme ich an meine Grenzen, schließlich bin ich keine Therapeutin. Zu meinen Aufgaben gehört es auch, den Frauen Hilfen aufzuzeigen, etwa die Beratungsstelle ‚Basta’, die einen therapeutischen Ansatz hat, oder auch das Frauenhaus, um aus akuten Gefährdungssituationen herauszukommen.“

Schmidt macht aber deutlich, dass es ihr nicht darum gehe, die Opfer zu überzeugen, den gewalttätigen Partner zu verlassen. „Ich werte nicht, dieses würde die Frau nur verschrecken. Häufig ist es eine Art Krisenintervention, die ich betreibe oder ich helfe den Frauen dabei, einen Sicherheitsplan zu erstellen, etwa einen Zweitschlüssel zu verstecken, falls der Partner sie einschließt.“

Dass die Zahl der durch die Polizei gemeldeten Fälle (227) und der Betroffenen, die sich selbst bei Schmidt gemeldet haben, im vergangenen Jahr im Vergleich zu den Vorjahren (2017: 240, 2016: 245) leicht gesunken ist, sieht die Sozialpädagogin nicht als Zeichen, dass häusliche Gewalt grundsätzlich sinkt. „Nein, da gibt es keinen Zusammenhang. Leichte Schwankungen haben wir immer.“ Leider sei es noch immer ein Tabuthema in der Gesellschaft, weswegen die Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen, groß sei. Daraus resultieren sei auch die Dunkelziffer unfassbar hoch.

Zumal ihr die Polizei auch nicht alle Fälle weiterleite. Etwa 15 Prozent der Frauen weigerten sich, ihre Daten an die Beratungsstelle weitergeben zu lassen. Alle Kontakte, die ihr vom Kommissariat gemeldet werden, verfolgt Schmidt den „proaktiven Ansatz“, ruft die Betroffenen also selbst an.

Kontinuierlich gestiegen sei in den vergangenen Jahren die Zahl der Frauen mit Migrationshintergrund, die bei ihr Rat suchen. Waren es im 2014 43 Fälle, weist die Statistik für 2016 schon 65 Beratungen und sogar 94 für 2018 aus. „Da scheint das Hilfsangebot angekommen“, so Schmidt. In diesen Fällen sei es jedoch weniger die Polizei, die sie auf die Betroffenen aufmerksam mache. „Ganz oft rufen mich Ehrenamtliche oder Mitarbeiter aus der Flüchtlingshilfe an.“

Seit einer Änderung der Richtlinie für Frauenunterstützungseinrichtungen im Jahr 2017 können auch Männer das Hilfsangebot in Anspruch nehmen. Von den 224 Betroffenen 2018 waren 23 männlich, berichtet Schmidt. „Mancher mag dann gleich an homosexuelle Partnerschaften denken, aber solch einen Fall hatte ich nicht“, widerspricht Schmidt Vorurteilen. Der Bedarf sei eindeutig da, auch wenn die Form der Gewalt eine andere sei. „Während Frauen von schwerem körperlichen Missbrauch betroffen sind, handelt es sich bei Männern häufiger um psychische Gewalt.“

Aber egal, ob sie eine Frau oder einen Mann berate, sie gehe immer ergebnisoffen vor. Gegen den Willen der Opfer könne sie ohnehin nicht tun. Dies sei nur anders, wenn Kinder betroffen sind. „Im Notfall, wenn sich die Frauen querstellen, muss ich das Jugendamt verständigen.“ 231 Kinder seien im vergangenen Jahr von den Fällen häuslicher Gewalt betroffenen gewesen, in denen sie Beratungen durchgeführt habe (2016:218, 2017: 252).

Schmidt macht deutlich: „Auch das Miterleben stellt eine Kindeswohlgefährdung dar, weil es tiefe Spuren hinterlässt.“ Es gebe jedoch Frauen, die innerlich so gefangen seien, dass sie keinen Handlungsspielraum haben – auch nicht zum Wohle ihrer Kinder. „Und genau das ist ja das Ziel vieler Männer, die Frau so zu brechen, dass sie sich gar nichts mehr zutraut.“

Kontakt: BISS, Am Sonnenbrink 13, Stadthagen, Telefon: (0 57 21) 99 51 21, E-Mail: biss@awo-kv-schaumburg.de, Telefonsprechzeiten: Montag und Donnerstag von 10 bis 12 Uhr, Beratungen (kostenlos, anonym, vertraulich) nach Absprache.




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