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Hamelner ist Sex-süchtig „Meine Lust ist mir selber peinlich“

Eigentlich sucht der Mann, nennen wir ihn Lutz, nicht die Öffentlichkeit. Mitte vierzig ist er, über seinen Beruf redet er nicht, sein richtiger Name ist tabu und sein Wohnort liegt irgendwo im Weserbergland. Lutz ist ein Jedermanntyp. Er ist dunkel gekleidet: schwarze Jacke, schwarze Jeans und schwarze Sportschuhe mit drei weißen Streifen. Es ist ruhig im schlicht eingerichteten Büro des „Familie im Zentrum“ in der Hamelner Innenstadt. Durch das Fenster dringt das Gemurmel von der Straße. Lutz hat in einem Korbsessel Platz genommen. Sein linker Arm liegt auf der Lehne, mit dem rechten versucht er seinen Worten zusätzlich Nachdruck zu verleihen. Das, worüber er spricht, nennt er selber eine „prekäre Geschichte“. Lutz ist süchtig – er ist besessen von Sex im Internet.

veröffentlicht am 31.12.2020 um 14:30 Uhr

Frank Neitz

Autor

Reporter / Fotograf zur Autorenseite

Es gibt Phasen, in denen der Mann nächtelang seine sexuellen Fantasien zwischen Monitor, Maus und vollem Aschenbecher auslebt, Pornofilme ansieht und in Foren mit Gleichgesinnten chattet. Das sei für ihn ein Kick. Lutz spricht oft von „man“, dabei meint er sich selbst. Ein „man“ scheint leichter über die Lippen zu gehen. Man gehe nicht gleich aufs Ganze, man lasse sich Zeit. Irgendwie wolle man „beim Surfen eine geile Welle“ erwischen, versucht Lutz den Drang zu erklären. Im Internet sagt keiner „Nein“, es bestimmt niemand die Schnelligkeit und das, was laufen kann. Stundenlang könne das gehen, meint Lutz, bis hin zum realen Höhepunkt. Dann vergesse man Raum und Zeit. Wenn so eine Phase da sei, würde das über Tage und Nächte hinweg gehen.

Internet-Sexsucht gehört zu den nicht-stofflichen Verhaltenssüchten. Wie viele Menschen in Deutschland davon betroffen sind, kann niemand genau sagen. Es ist eine Sucht, die sich im Verborgenen abspielt. Mit seinen Gelüsten nach Internet-Pornografie prahlt keiner. Es kann bis zu 400 000 Menschen betreffen. Auf diese Zahl laufen Schätzungen hinaus.

An der Medizinischen Hochschule Hannover ist Prof. Dr. med. Tillmann Krüger Leiter der sexualmedizinischen Sprechstunde. Krüger ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Nervenheilkunde und befasst sich auch mit dem Phänomen der Internet-Sexsucht. „Ganz selten ist das nicht, dass Patienten mit den Symptomen zu mir in die Sprechstunde kommen. Das fing vor einigen Jahren mit den Internet-Abhängigen an. Und unter denen findet man viele, bei denen Sexualität eine Rolle spielt, die den ganzen Tag Pornos konsumieren oder in Chats gehen“, sagt der Professor. Meist seien Männer betroffen, Frauen weniger.

„Eine Sexsucht in dem Sinne findet man nirgends in diagnostischen Kriterien. Das gibt es in der Form noch nicht“, ergänzt der Mediziner. In der sogenannten ICD 10, einer internationalen Klassifikation von psychischen Erkrankungen, gäbe es nur gesteigertes sexuelles Verhalten, das man codieren könne, so der Wissenschaftler. In einer anderen Klassifikation, die stärker in den USA vertreten sei, wäre sie gar nicht enthalten, ist vom Oberarzt zu hören. „Wir sehen schon, dass da einige sind, die sich viele Stunden am Tag damit beschäftigen, die möglicherweise auch ihre Arbeit deswegen vernachlässigen. Oder deren Frau oder Freundin herausgefunden haben, dass sie nebenbei hochaktiv sind“, erzählt Krüger. Diese Betroffenen hätten erhebliche Probleme und litten auch darunter, weil sie sich so extrem stark damit beschäftigen und es nicht mehr angemessen kontrollieren können, erklärt der Mediziner.

Das Geschäft mit

der Online-Sexualität bringt Milliarden ein

„Meine Lust ist mir selber peinlich. Zu einem Alkoholproblem kann man leichter stehen“, weiß Lutz aus eigener Erfahrung. Gegen den Alkohol hat er früher kämpfen müssen. Den Vergleich, dass eine Internetflatrate für einen sexuell Süchtigen etwa so sei, als ob man einem Alkoholiker einen kostenlosen Bierzapfhahn in der Wohnung installieren würde, kann Lutz nur unterstreichen. „Das kostet ja kein Geld, das ist ja das Ding“, stellt er fest. Das Geschäft mit Pornofilmen und -bildern hat sich in den letzten Jahren ins Internet verlagert – weg von den Kinos, Erotikshops und dem Versandhandel. Umsatzzahlen der Pornobranche sind unbekannt. Verbände, die verlässliche Zahlen nennen könnten, gibt es nicht. Schätzungen zufolge sollen weltumspannend zig Milliarden US-Dollar in dem Online-Pornogeschäft verdient werden – pro Jahr.

Lutz war schon immer süchtig. Alkoholsüchtig, drogensüchtig und jetzt sexsüchtig. Zu seiner Drogensucht sagt er: „Ich habe alles genommen: Heroin, Kokain, auch Ecstasy.“ Lutz ist verheiratet, hat fünf Kinder. Von seiner Frau lebe er getrennt, sagt der Mann. Ein Geheimnis sei seine Sucht in der Ehe nicht gewesen, habe allerdings in die Trennung reingespielt, auch wenn es dazu noch andere Gründe gegeben habe. „Neben den affektiven Erkrankungen wie Depression und Angst kann das auch eine Substanzabhängigkeit sein wie Alkohol oder andere Dinge. Das ist noch nicht so gut erforscht, ob es da sozusagen Überlappungen zwischen den substanzgebundenen Süchten wie Alkohol, Tabletten oder Drogen und den Verhaltenssüchten gibt, zumindest was die Sexsucht anbelangt. Aber es ist davon auszugehen, wenn jemand eine Neigung zu Abhängigkeiten hat, kann das bei dem einen oder anderen auch im Bereich der Sexualität sein“, sagt der Oberarzt der MHH.

Es seien Ängste, die ihn immer wieder vor den Rechner ziehen würden, erzählt Lutz. Er greift sich an den Kopf, sucht nach passenden Worten, um erklären zu können, warum die Sucht immer mal wieder siegen würde. Der Mittvierziger spricht von Minderwertigkeitsgefühlen, der Furcht davor, nicht in der Partnerschaft zu genügen oder als Mensch nicht voll anerkannt zu werden. „Das ist so eine Art Bestrafung gegen mich selbst. Und wenn ich es mache, während es mir gerade gut geht, ist mir das unerklärlich“, erzählt der Suchtkranke. Über sexuelle Praktiken spricht Lutz nicht. Nur davon, dass es auch für ihn Tabus geben würde. „Da halte ich mich ans Erlaubte. Und Sadomaso ist für mich kein Lustgewinn“, betont der Abhängige.

„Wenn man vorm PC sitzt und die Anspannung groß ist, kann es zu Kopfschmerzen kommen, die nicht mehr zu ertragen sind“, schildert Lutz auftretende körperliche Beschwerden. „Hinterher ist bei mir die Scham groß. Das Ganze ist wie ein Rausch, wie beim Drogenrausch. Ähnlich wie bei den Drogen führt die Angst dazu, zu konsumieren. Die Angst wird dadurch betäubt. Am Ende ist die Scham nach einem Rückfall groß, wenn man sich gewahr wird, dass man praktisch verloren hat“, beschreibt Lutz seine Emotionen nach einem erotischen Surfabenteuer. Viele Internetsüchtige legen von heruntergeladenen Fotos und Filmen Archive an. Auch Lutz speichert Fotos ab. Doch die schnell aufkommende Reue sorgt dafür, dass er dann alles wieder löscht. „Hinterher finde ich im Grunde alles schädlich“, sagt Lutz.

Einen Internetanschluss hat sich der Mann erst 2008 zugelegt — relativ spät, allein schon aus Angst. Pornografie auf Schmalfilm dagegen sah er bereits als 13-Jähriger. Zwischen den Super-8-Aufnahmen seines Vaters will er damals auf einen solchen Film gestoßen sein. „Der Schock war riesengroß, gerade wenn man so was noch nie gesehen hat. Dieses unverschämte Zeigen, unglaublich. Aber da war ich infiziert“, erinnert sich Lutz. Früher war die Gefahr, beim Betrachten von Sexseiten erwischt zu werden, für ihn extrem groß. Lutz besuchte Internetcafés und habe selbst an Rechnern in öffentlichen Bibliotheken und im Arbeitsamt auf einschlägige Seiten zugreifen können. „Diese Sucht, der Trieb, dieses Fieber: Irgendwie habe ich es dort geschafft, an die Filme ranzukommen“, schildert Lutz einen ungewollten Kick. Auch die Arbeit würde unter der Sucht leiden, musste der Betroffene feststellen: „Da gibt es generell Ärger nach den Entgleisungen. Man wird ängstlicher und gleichzeitig aggressiver. Man wird widersprüchlich, man verstrickt sich irgendwo. Der mentale Zustand vertrübt sich. Man ist nicht mehr klar.“

„Gott sei Dank bin ich im Moment abstinent. Solche Zeiten gibt es. Das ist gut und passt im Moment auch. Ich habe jetzt den Wunsch, ganz damit aufzuhören“, sagt Lutz. Helfen soll ihm dabei die Gemeinsamkeit und der Erfahrungsaustausch in einer Selbsthilfegruppe, die er nun zusammen mit anderen Betroffenen gründen möchte. „Die Effizienz ist höher, wenn man sich in einer Selbsthilfegruppe persönlich hilft, als in Internetforen, wo auch Hilfe angeboten wird“, meint Lutz. „Selbsthilfegruppen wären möglicherweise gar nicht ungeeignet“, findet auch Professor Krüger. „Wir klären, ob eine Sexsucht oder eine Art hypersexuelles Verhalten vorliegt, oder andere Erkrankungen wie Depressionen oder Angstzustände. Wir beraten die Patienten. Manche wünschen auch eine medikamentöse Einstellung, damit dieser innere sexuelle Drang reduziert ist. Einige wenige sind hier auch in Therapie gegangen“, spricht der Experte therapeutische Maßnahmen an. Das erste Treffen der Selbsthilfegruppe soll am 28. Januar um 19 Uhr im Eugen-Reintjes-Haus, Osterstraße 46, in Hameln stattfinden.

Das Problem ist alles andere als glamourös. Vielmehr ist die Internet-Sexsucht eine psychische Angelegenheit, die das Leben von Betroffenen überschattet. Ein Mann spricht jetzt über seine Abhängigkeit.




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