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Heute Protest am Landtag

Hamelner schweigen für Missbrauchsopfer von Lügde

HAMELN. Dutzende Kinderschuhe paarweise auf dem Pflaster, ein Transparent, der Rest ist Schweigen. Nicht ohne Anlass: „Schweigen für die Kinder von Lügde“, steht dort. Jeden Mittwoch ab 17 Uhr postiert sich eine Gruppe Menschen am Hochzeitshaus. Am heutigen Mittwoch werden die Hamelner vor dem Landtag in Hannover aktiv.

veröffentlicht am 15.05.2019 um 00:00 Uhr

Kinderschuhe sollen die Zahl der Opfer des Kindesmissbrauchs anschaulich machen. Auch heute Nachmittag findet die Mahnwache am Hochzeitshaus statt. Foto: Dana
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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„Wir sind einfach ein Freundeskreis, der sich auch sonst trifft, nicht nur zum Feiern“, liefert Andreas Tolksdorf am heimischen Esstisch eine Antwort. „Wir wollten die Taten nicht nur bedauern, sondern aktiv werden“, sagt der 57-Jährige. Um welche Taten es geht, braucht bei den Stichworten „Kinder“ und „Lügde“ keine Erklärung mehr. Es geht um den massenhaften Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz in Elbrinxen. In Sachen Kinderschutz war die sechsköpfige Gruppe am Tisch zuvor nicht aktiv. Eltern oder schon Großeltern sind sie jedoch alle, auch zwei Lehrerinnen sitzen am Tisch. Ulrike Lüthgen-Frieß (58) unterrichtet an der Theodor-Heuss-Realschule, Agnes Wulff (60) war Grundschulleiterin in Groß Berkel.

„Viele Menschen waren betroffen, aber es gab keinen Ort, wo man mit seiner Betroffenheit hingehen konnte“, sagt Ina Tolksdorf (50). Rund 30 Mitschweiger kommen nun zu den regelmäßigen Treffen.

Aber warum schweigen? Ist nicht gerade das Schweigen zentrales Problem beim Thema Kindesmissbrauch? Wäre es nicht naheliegender, fragt nun mancher, zu trommeln, zu schreien? Ina Tolksdorfs Antwort ist simpel: „Wenn die Leute das meinen, sollen die Leute das tun.“ Auch durch Schweigen, lasse sich einiges ausdrücken: „So wie Kinder keine Worte für das Geschehene haben“, sagt Andreas Tolksdorf. Es schaffe Aufmerksamkeit und das Schwiegen sei „nicht aggressiv“, wie Julienne Wismeier (79) findet, die gemeinsam mit ihrem Ehemann John (81) in der Gruppe aktiv ist. Über das Schweigen komme am Hochzeitshaus viel Gespräch in Gang.

Und die Kinderschuhe? Sie sollen die große Zahl missbrauchter Kinder anschaulich machen. 51 Paare stellt die Gruppe bei ihren wöchentlichen Mahnwachen und nun auch in Hannover auf. Angesichts der zum Teil noch nicht identifizierten Opfer eine ungefähre Zahl.

Vorwürfe, Anschuldigungen, politische Forderungen sind eigentlich nicht die Sache der Gruppe. Es gehe darum, einen „Ort der Trauer“ zu bieten. Von landes- oder lokalpolitischen Lagerkämpfen rund um das Thema halten sie nichts. Es geht ihnen um die Kinder.

Aber am heutigen Mittwoch wird sich die Gruppe vor dem Landtag in Hannover postieren. Auch mit konkreten Forderungen: Eine unabhängige „Kommission Kinderschutz“ müsse her, um Schwachstellen in Landkreisen und Kommunen zu finden. Zudem solle auf Landesebene ein „unabhängiger Missbrauchsbeauftragter“ eingesetzt werden, ähnlich dem bereits existierenden Beauftragten der Bundesregierung. Abgeordnete und auch Minister hätten zugesagt vorbeizuschauen.

Deutlich distanziert sich die Gruppe dabei vom rechtsradikalen Blick auf die Verbrechen in Lügde, von Aufklebern, welche die „Todesstrafe für Kinderschänder“ fordern, beispielsweise. „Nein zu Rechtsextremismus“ heißt es auf ihrer Internetseite kinder-von-luegde.de: „Wir lehnen jedes Gedankengut und Handeln ab, das sich gegen ein menschenwürdiges, tolerantes, der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und den rechtsstaatlichen Grundsätzen entsprechendes Miteinander richtet“, steht dort.

Ein durchaus heikles Thema, wie sich am Wochenende in Aerzen zeigte. Dort hatten Nachahmer zu einer ähnlichen Mahnwache an der Kirche eingeladen. Pastor Christof Vetter distanzierte sich am vergangenen Sonntag im Gottesdienst deutlich von besagten „inakzeptablen“ Aufklebern auf Autos „mehrerer“ Teilnehmer. „Kein Mensch, kein Gericht und kein Staat dieser Welt hat das Recht, einem Menschen das Leben zu nehmen“, wird der Pastor nun auf der Facebook-Seite der Gemeinde zitiert.


Termin: Die Gruppe „Kinder von Lügde“ steht heute von 12 bis 15 Uhr vor dem niedersächsischen Landtag in Hannover (Hannah-Arendt-Platz 1). Anschließend veranstaltet sie – wie jeden Mittwoch – von 17 bis 17.30 Uhr eine Mahnwache neben der Hamelner Hochzeitshausterrasse.




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