weather-image
24°
×

Heute vor fünf Jahren: Große Hilfsaktion für Flüchtlinge in Schaumburg

LANDKREIS. An die durchwachte Nacht heute vor fünf Jahren erinnert sich Bernd Koller noch genau. Der Präsident des DRK-Kreisverbands spricht von dem größten Einsatz nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Nacht auf den 7. September 2015 bereiteten die Helfer in Schaumburg alles für den Empfang von 250 Flüchtlingen vor.

veröffentlicht am 07.09.2020 um 10:18 Uhr

Im Einsatz waren Ehrenamtliche des DRK, Technisches Hilfswerks (THW), der Örtlichen Einsatzleitung (ÖEL), der Arbeiterwohlfahrt (Awo), der Feuerwehr und der DLRG.

Alles begann mit der Alarmierung der Kreisbereitschaft am 6. September 2015 um 18.58 Uhr. Auf dem Pieper steht nur ein Satz: „Sammeln beim DRK-Kreisverband Obernkirchen“. Der Auftrag: Eine Behelfsflüchtlingsunterkunft für 360 Asylsuchende aus Braunschweig in der Jägerkaserne in Bückeburg einrichten.

DRK-Präsident Koller, damals noch Reservist, fuhr sofort in die Kaserne, in deren Sporthalle die Flüchtlinge untergebracht werden sollten. „Dort haben wir dann mithilfe von THW, Feuerwehr und ein Paar von uns ,dienstverpflichteten‘ Soldaten, die sich eigentlich gerade eine Pizza bestellt hatten, angefangen, Feldbetten aufzustellen.“ Es wurden Decken verteilt, ein Wasseranschluss installiert, Toiletten und Duschen aufgestellt. Inzwischen wurde bekannt gegeben, dass es sich um etwa 250 Flüchtlinge handelt, die mit Bussen aus München anreisen würden.

Kraftakt von 100 Ehrenamtlichen

Um 1.30 Uhr war alles vorbereitet. Zeit für eine Mütze Schlaf. Zwei Stunden später ging der Pieper erneut. Die Flüchtlinge würden gegen 5.30 Uhr in Bückeburg erwartet. „Als die Flüchtlinge ankamen, hatten wir Frühstück für sieben Nationen vorbereitet.“ Die Öffentlichkeit hatte bis dato von dem Kraftakt, den die rund 100 Ehrenamtlichen in dieser Nacht vollbracht hatten, nichts mitbekommen.

Riesige Hilfsbereitschaft

Eine beispiellose Hilfsaktion, auf die niemand vorbereitet war, hat somit binnen weniger Stunden ihren Lauf genommen. „Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist die riesige Hilfsbereitschaft der Bürger, die bis heute anhält, wo sich immer noch viele ehrenamtlich engagieren“, erklärt Erster Kreisrat Klaus Heimann. Die Menschen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Ghana, Somalia und dem Irak hatten sehr weite Wege – oft zu Fuß – zurückgelegt. „Die Flüchtlinge hatten oft nichts dabei – manche eine Tragetasche, aber das war’s“, erinnert sich Heimann.

Zigaretten und ein Haarschnitt

Stephan Hartmann, Leiter des Fachbereiches Integration bei der Awo, erinnert sich: „Die Menschen waren alle übermüdet, wussten nicht, was auf sie zukommt.“ Für die bessere Völkerverständigung und, um die Situation zu entspannen, hatten Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt Zigaretten für die Erwachsenen besorgt. Manchmal seien es eben die kleinen Dinge, die eine Situation entschärfen können.

Besonders im Gedächtnis blieb Hartmann eine Aktion der Schaumburger Friseure. Sie hatten ein Zelt in der Kaserne aufgebaut und den Flüchtlingen gratis die Haare geschnitten. „Sie wollten den Menschen durch die geschnittenen Haare die Würde zurückgeben.“

Die Spendenbereitschaft aus der Bevölkerung ist enorm. Drei Tage nach Ankunft der Flüchtlinge waren die Kleiderkammern proppevoll, das DRK musste die Sammelstellen schließen. Der Start war geglückt, die erste Hürde genommen – viele weitere folgten.

Nicht geeignet als Notunterkunft

Schnell wurde 2015 klar, dass die Kaserne nicht als Notunterkunft geeignet war. Koller: „Dass eine Notunterkunft in einer in Betrieb befindlichen Kaserne eingerichtet wird, hat es so vorher auch noch nicht gegeben.“ Der DRK-Präsident denkt noch heute mit Schrecken daran, dass 250 Geflüchtete in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in einer Turnhalle einquartiert worden sind und nur 50 Meter weiter Munition gelagert wurde. „Eine Entscheidung, die fehlerhaft war“, muss er heute eingestehen.

Anfang Oktober wurde die ehemalige Prince Rupert School in Rinteln hergerichtet. Dort fanden in den Folgejahren in der Hochzeit 600 bis 800 Flüchtlinge Platz. Erneut ein Kraftakt. Die Wasserleitungen waren seit Jahren unbenutzt, mussten gespült werden, die Heizungsanlage wieder in Betrieb genommen und ein Sicherheitsdienst eingerichtet werden. Insgesamt sind nach Worten von Koller rund 1600 Geflüchtete zwischen dem 7. September 2015 und Juli 2016 in Schaumburg betreut worden.

„Das war eine riesige Aufgabe, die wir mit vereinten Kräften gut bewältigt haben. Das ging nur, weil alle zusammengestanden haben“, betont Heimann mit Blick auf das Engagement der vielen Ehrenamtlichen, die sich zum Teil noch bis heute einbringen.

Dezentrale Unterbringung

„Wir haben von vornherein alles dran gesetzt, Menschen in Wohnungen und dezentral unterzubringen“, sagt Heimann, vor allem auch um die Integration zu fördern. Das mache sich bis heute positiv bemerkbar. Dem Ersten Kreisrat zufolge hatte der Landkreis zwischenzeitlich bis zu 400 Wohnungen angemietet, heute sind es noch etwa 290. Insgesamt befinden sich derzeit 3000 Geflüchtete in Schaumburg – etwa 1000 im Asylbewerberleistungsgesetz, 2000 beziehen Hartz IV. Sammelunterkünfte gibt es heute noch in Bückeburg (ehemalige Herderschule), in Rinteln (ehemalige Pestalozzischule) und in Bad Nenndorf (Horster Straße), diese wird jedoch im März nächsten Jahres geschlossen.

Die Aufgaben, die sich so vielen Menschen in Schaumburg vor fünf Jahren gestellt haben, seien noch da, erklärt Heimann. „Sie haben sich aber verändert oder verschoben“, es gehe nun vor allem um Integration. Eines hat die Flüchtlingskrise jedoch gezeigt: Schaumburg hält zusammen. 

Von Tina Bonfert und Verena Gehring




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige