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Landrat gibt Pressekonferenz zu Missbrauchsfällen auf Campingplatz

„Ich weiß noch nicht, ob Fehler gemacht wurden“

HAMELN. Hameln-Pyrmonts Landrat Tjark Bartels hat sich zu den Fällen von Kindesmissbrauch in Lügde geäußert. Ob Fehler im Jugendamt gemacht wurden, sei noch „völlig unklar“, sagte er. Nun lägen die Akten bei der Staatsanwaltschaft. Bartels kündigte an, die Prävention gegen Kindesmissbrauch zu verstärken.

veröffentlicht am 05.02.2019 um 14:11 Uhr
aktualisiert am 05.02.2019 um 18:50 Uhr

Das Medieninteresse ist groß: Landrat Tjark Bartels nimmt Stellung zu den Verwürfen gegen das Jugendamt des Kreises. Foto: Dana
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Es bleibt vieles unklar: Landrat Tjark Bartels (SPD) hat sich am Dienstag in einer Pressekonferenz zu den zahlreichen Fällen von Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen geäußert. Das Hameln-Pyrmonter Jugendamt war für ein dort lebendes Pflegekind zuständig. So manche Detailfrage konnte Bartels den Vertretern von Presse, Funk und Fernsehen aus ganz Deutschland jedoch nicht beantworten: Die Akten liegen bei der Staatsanwaltschaft in Detmold, die – wie auch beim Jugendamt Lippe und der Polizei – nach Anzeichen von behördlichem Fehlverhalten sucht.

„Wurden in Ihrer Behörde Fehler gemacht?“, wurde Bartels gefragt. „Ganz ehrlich, das weiß ich noch nicht, und bevor ich das nicht weiß, werde ich auch nicht so tun, als ob ich das wüsste“, antwortete der Landrat. Sollte dem so sein, „wird es Konsequenzen haben“. Er kündigte an, die Prävention gegen Kindesmissbrauch im Landkreis zu verstärken.

Immerhin: Ein paar neue Einzelheiten zum Fall waren in der gut einstündigen Pressekonferenz im Kreishaus zu erfahren. Nach einem siebenmonatigen Prüfverfahren (Bartels: „Üblicherweise geht es schneller“) war 2017 das damals sechsjährige Mädchen in die Obhut des nun Hauptverdächtigen Andreas V. gegeben worden. Der heute 56-Jährige sei jedoch nicht alleiniger Pflegevater, sondern Teil einer „Netzwerkbetreuung“, wie der Landrat betonte. Ein Modell, das die Kinder in ihrem gewohnten sozialen Umfeld halten soll und offenbar weniger strenge Kriterien an die Pflegepersonen anlegt. Bei Pflegeeltern hingegen „erwarten wir beste Verhältnisse“, unterschied Bartels. Ein normales Pflegeverhältnis sei mit dem Mann auf dem Campingplatz „niemals“ zustandegekommen. Knapp 1000 Euro Pflegegeld im Monat hat der arbeitslose Andreas V. dennoch erhalten, bestätigte Bartels. Das Kind war schon zuvor wiederholt bei Andreas V. in dessen Dauercamper-Behausung untergebracht worden. Die Mutter des Kindes habe zuvor eine nicht näher erläuterte „langjährige Beziehung“ zu dem Verdächtigen gehabt.

Foto: Dana

Wöchentlich sei das Kind auf dem Campingplatz im Rahmen der Familienhelfe von den Mitarbeitern zweier „Träger“ besucht worden. Wer genau diese „Träger“ waren, konnte Bartels – die nun im Kreishaus fehlenden Akten – nicht sagen, das Jugendamt arbeite mit verschiedenen zusammen. Zudem habe es in den vergangenen Jahren „sicherlich fünf, sechs Mal“ Besuche von direkten Mitarbeitern des Jugendamtes Hameln-Pyrmont gegeben, schätzt Bartels, diese allerdings wohl allesamt angemeldet. Grundsätzlich hätten bei den Besuchen aber auch Gespräche allein mit dem heute achtjährigen Mädchen stattgefunden.

In Elbrinxen habe sich das Kind „deutlich besser entwickelt als vorher für möglich gehalten worden war“. Sie sei eingeschult worden. Andreas V. habe ihr Reitkurse und andere Freizeitaktivitäten ermöglicht. Dass genau dies Teil der Fassade des Täters gewesen sei, wurde erst jetzt klar. Bartels betonte: „Wir waren nicht personell unterausgestattet.“

Zwei Hinweise erhielten die Behörden aber offenbar bereits im Jahr 2016, die auf Kindesmissbrauch hindeuten: Ein Familienvater aus Bad Pyrmont hatte sich auch an das Jugendamt in Hameln gewandt, nachdem seine beiden Töchter von Andreas V. sexuell belästigt worden sein sollen. Eine Mitarbeiterin des Jobcenters in Blomberg hatte im selben Jahr die Polizei und das Jugendamt Lippe informiert, nachdem Äußerungen von Andreas V. und des damals sechsjährigen Mädchens ihren Verdacht erregt hatten. Aktenkundig wurden Hinweise auf sexuellen Missbrauch im Hamelner Kreishaus offenbar nicht. Doch auch hier ist eine genaue Klärung – ohne Akten – derzeit nicht möglich.

Als Konsequenz aus dem Lügder Fall will der Landrat nun den Kampf gegen Kindesmissbrauch verstärken. Es gehe darum, Kinder in die Lage zu versetzen, über Missbrauch zu sprechen, ihn zu „verbalisieren“. Dass Kindern hier buchstäblich „die Worte fehlen“, sei ein Grund, warum Missbrauch so oft unentdeckt bleibe. Es gebe zum Beispiel „sehr gute Theaterprojekte“, sagte Bartels.

Ein zusätzlicher Mitarbeiter im Jugendamt soll für das Erkennen von sexuellem Missbrauch zuständig sein. Vielleicht noch eine weitere Stelle könne im geplanten mobilen Präventionsteam für Kitas und Schulen geschaffen werden. Schon im kommenden Sommer möchte Bartels damit starten.




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