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"Katastrophales Ergebnis": Klinikum schreibt 12 Millionen Euro Minus

LANDKREIS. Dass das Schaumburger Gesamtklinikum im ersten Jahr nach der Neueröffnung keinen Gewinn einfahren würde, war allen Beteiligten klar. Von Anfang an wurde daher mit einem Fehlbetrag von einer Million Euro kalkuliert. Schon Mitte des Jahres ergab eine Recherche dieser Zeitung, dass die Geschäftsführung damals von 4 Millionen Euro Miese ausging. Und selbst dieser Wert wurde nun abermals verdreifacht: Der Jahresfehlbetrag beläuft sich auf 12 Millionen Euro. „Ein katastrophales Ergebnis“, befindet das Geschäftsführerduo Diana Fortmann und Marko Ellerhoff.

veröffentlicht am 05.04.2019 um 17:02 Uhr
aktualisiert am 05.04.2019 um 21:26 Uhr

Klinikum mit Kind, September 2018
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Autor

Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Trotzdem versuchen beide auch die positiven Seiten zu sehen. Denn der betriebswirtschaftliche Aspekt sei zwar für den Fortbestand des Krankenhauses entscheidend, für die Patienten gehe es aber in erster Linie um eine optimale Versorgung.

Diese könne man zwar mit einem modernen Neubau und mit 15 Fachabteilungen nun erbringen. Doch bei vielen Patienten scheint sich das noch nicht herumgesprochen zu haben, analysiert Fortmann. Denn eine Marktumfeldanalyse habe ergeben, dass man den „Kernmarkt“ – also Rinteln, Bückeburg, Obernkirchen und Stadthagen – nur zu 40 Prozent ausschöpfe. „Da ist noch Luft nach oben“, zeigt sich Ellerhoff zuversichtlich. Daher müssten die vorhandenen Kapazitäten jetzt besser ausgelastet werden. Und man müsse mehr Pflegefachkräfte anstellen, um das Leistungsangebot zu erweitern.

Allerdings habe man im patientennahen Bereich (Ärzte, Pfleger, Funktionsdienst und ähnliche) 50 Vollstellen allein im zweiten Halbjahr 2018 neu geschaffen. Damit erklärt Fortmann auch den extrem hohen Verlust im letzten Jahr. Man habe zu viel Personal bei zu wenig Patienten. Die Geschäftsführung habe nach dem ersten Halbjahr 2018, das ebenfalls deutlich schlechter als erwartet gelaufen war, nachgesteuert und mehr Personal angeheuert. So wollte man auch mehr Patienten behandeln können. Allerdings blieb die Zahl der Patienten und die Schwere der behandelten Fälle, die gemeinsam betrachtet als sogenannte „Case-Mix-Punkte“ (CMP) abgerechnet werden, deutlich unter der Erwartung. Statt 20 000 konnten nur gut 19 000 erreicht werden.

„Wir haben uns mehr erhofft und mehr erwartet“

18 000 stationäre und fast 30 000 ambulante Patienten hat das Schaumburger Klinikum im Jahr 2018 mit seinen fast 1000 Mitarbeitern versorgt. Das sind sehr viele, aber dennoch viel zu wenige.

Entscheidend für die Abrechnung bei den Krankenkassen sind die sogenannten „Case-Mix-Punkte“. Jede Behandlung und jede Operation hat einen gewissen CMP-Wert. Der wird pauschal von der Krankenkasse bezahlt, egal wie viel das Krankenhaus für die Behandlung des Patienten ausgibt. Arbeitet das Krankenhaus wirtschaftlich, mit einem geringen Personal- und Materialaufwand, verdient es auch mehr Geld. So soll die Gesundheitsbranche marktwirtschaftlichen Regeln folgen.

Insgesamt hat das Klinikum etwa 19 000 dieser CMP-Punkte erreicht. Kalkuliert hatte das Krankenhaus mit 20 000. Jeder Punkt entspricht etwa 3500 Euro. Auf der Einnahmenseite fehlen dem Krankenhaus demnach gut 3,5 Millionen Euro gegenüber dem kalkulierten Verlust von einer Million Euro. Die Differenz – also -8,5 Millionen Euro – sind demnach der Ausgabenseite zuzuordnen.

Im ersten Halbjahr 2018 hatte das Krankenhaus in Vehlen einen Verlust von 2,5 Millionen Euro verbucht. Der größte Teil des 12-Millionen-Lochs entstand also im zweiten Halbjahr 2018.

Der Hauptgrund für die regelrecht explodierten Kosten sind laut Geschäftsführerin Fortmann vor allem die Personalkosten. Außerdem nennt Fortmann noch nicht näher bezifferte Zusatzausgaben bei der Abwicklung der alten Standorte, die die Bilanz belasten.

Insgesamt habe man nämlich 50 Vollzeitstellen im patientennahen Bereich (Unter anderem Ärzte, Pflegerfachkräfte, Funktionsdienst, Pflegehelfer ) geschaffen.

Allerdings hatte das Unternehmen zwischen 2015 und 2017 allein bei den Pflegefachkräften heimlich mehr als 60 Stellen abgebaut. Das wurde öffentlich von der Geschäftsführung immer bestritten, bis eine Recherche dieser Zeitung das Gegenteil beweisen konnte. Wie viele der 50 geschaffenen Vollzeitstellen examinierte Pflegefachkräfte, ist nicht bekannt.

Auf manchen Stationen fehlen für einen Betrieb nach Plan weiterhin Fachkräfte, erklärt Diana Fortmann. So ist etwa eine von zwei Intensivstationen zur Gänze geschlossen und auch die zweite Intensivstation betreibt meist nur einen Teil der Betten. Grund dafür sind fehlende Intensivpfleger. „Wir arbeiten daran, mehr zu gewinnen“, sagt Marko Ellerhoff, „und wir versuchen außerdem Mitarbeiter weiterzubilden.“

Insbesondere die fehlenden Betten in der Intensivstation können sich als Nadelöhr für den Krankenhausbetrieb herausstellen. Stehen keine Betten auf der Intensivstation mehr zur Verfügung, können viele für das Krankenhaus lukrative Operationen nicht durchgeführt werden, für die Patienten danach ein entsprechendes Intensiv-Bett brauchen. So kann die Situation entstehen, dass ein komplettes Operationsteam nicht arbeiten kann, weil die Intensivstation voll ist. Bezahlt müssen die Mitarbeiter trotzdem. „Personalplanung ist bei uns nicht so einfach wie bei VW, wo man Mitarbeiter einfach in Kurzarbeit schicken kann“, verdeutlicht Ellerhoff.

Außerdem habe man weiterhin massiv auf besonders teure Leiharbeiter setzen müssen.

Honorarärzte berechnen dem Klinikum nach internen Dokumenten, die der Redaktion vorliegen, Stundenlöhne von 125 Euro, also 1000 Euro am Tag. Aufschläge bis zu 100 Prozent sind durchaus möglich. Im ersten Halbjahr 2018 musste das Krankenhaus wegen Ärztemangels mehr als 860 000 Euro für Honorarärzte ausgeben, zeigen interne Abrechnungen von Agaplesion.

Das Krankenhaus müsse seine Stationen 24 Stunden besetzt halten. Egal ob gerade viele oder wenig Patienten vorhanden sind. „Und das Aufkommen fluktuiert stark“, sagt Ellerhoff. Außerdem sei man mit immer neuen, regelmäßig wechselnden gesetzlichen Bestimmungen konfrontiert. „Das ist eben die Herausforderung in der Gesundheitsbranche“, sagt Fortmann.

Das Geschäftsführer-Duo ist zuversichtlich, in zwei Jahren wieder „wirtschaftlich zu arbeiten“ und dann auch den aufgebauten Schuldenberg abzutragen. In den Jahren 2017 und 2018 hatte das Klinikum insgesamt 20 Millionen Euro Schulden aufgehäuft. „Die werden wir auch nicht mal so eben abbauen“, ist sich Ellerhoff sicher. In der Gesundheitsbranche seien keine gigantischen Gewinnmargen möglich. Zu tief sei auch die „Alles-Kostenlos“-Mentalität verankert. „Für einen VW sind die Leute bereit ganz andere Summen zu bezahlen, als für ihre Krankenkasse.“ Daher könne ein Krankenhaus seinen Mitarbeitern leider auch nicht so hohe Löhne zahlen, wie das vielleicht bei einem Autobauer möglich sei.




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