weather-image
22°

Antidiskriminierungsstelle: „Besonders krasser Fall von rassistischer Diskriminierung“

Keine Wohnung für "Zigeuner" in Hameln: Rassismus schwarz auf weiß

HAMELN. Eine Hamelnerin hat die rassistischen Vorurteile gegen Sinti schwarz auf weiß von der Wohnungsgenossenschaft Hameln  ausgestellt bekommen. Ein interner Aktenvermerk, der ihr irrtümlich zugestellt wurde, vermerkte „1 Pers.; leichter Zigeunereinschlag; besser nichts anbieten!“ Ein besonders krasser Fall von rassistischer Diskriminierung, findet ein Experte.

veröffentlicht am 26.03.2019 um 00:15 Uhr
aktualisiert am 28.03.2019 um 15:18 Uhr

Der in einem nach außen gedrungenen Formular der WGH vermerkte Satz „1 Pers.; leichter Zigeunereinschlag; besser nichts anbieten!“ war offensichtlich nur für die interne Kommunikation bestimmt. Foto: pk / Grafik: jöh
Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Die Wörter, die in dem ihr am Donnerstag ausgehändigten „Interessentenbogen zur Wohnungssuche“ unter „Bemerkungen“ stehen, lesen sich wie ein Satz aus einer anderen Zeit: „1 Pers.; leichter Zigeunereinschlag; besser nichts anbieten!“ Gemeint ist damit Heidrun Lehmann (Name von der Redaktion geändert), eine seit Anfang der 60er Jahre in Hameln lebende deutsche Sintezza. „Ich war sprachlos“, sagt die 68-Jährige im Gespräch mit der Dewezet. Erst zu Hause habe sie diesen Eintrag, der offenkundig nicht für ihre Augen bestimmt war, bemerkt. Dabei seien ihr die Mitarbeiterinnen der WGH immer sympathisch gewesen. Nun so etwas über sich lesen zu müssen, das hätte sie nie von der WGH erwartet. „Aber jetzt kann ich mir natürlich erklären, weshalb die WGH nie eine Wohnung für mich hatte“, so ihre Schlussfolgerung.

Auf die Fassungslosigkeit und Enttäuschung folgte die Wut. „Das gibt es doch gar nicht in der heutigen Zeit!“, habe sie gedacht. Dadurch, dass ihre Mutter wie viele andere ältere Verwandte von den Nazis als „Zigeuner“ – ein Begriff, der von den meisten deutschen Sinti oder Roma als beleidigend abgelehnt wird – verfolgt, in Konzentrationslager oder Ghettos gesperrt und teilweise ermordet worden seien, sei das Dritte Reich in ihrem Kopf seit jeher sehr präsent und sie für rassistische Diskriminierung entsprechend sensibilisiert.

Die Hamelnerin sucht seit Monaten dringend eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Ihre Wohnungssuche dokumentiert sie, indem sie sich ihre Anfragen bescheinigen lässt, wie der Dewezet vorgelegte Dokumente belegen. Bei der letzten am 21. März von der WGH ausgestellten Bescheinigung ist nun offensichtlich etwas schiefgegangen. Denn neben den persönlichen Daten von Heidrun Lehmann war dort nicht nur der Satz „Es liegen derzeit keine Angebote vor!“ zu lesen, sondern eben auch die Stichworte „1 Person; leichter Zigeunereinschlag; besser nichts anbieten“!. Dabei dürfte es sich jedoch um einen Vermerk handeln, der nur für den internen Gebrauch vorgesehen war und nicht für Außenstehende beziehungsweise die betreffende Person bestimmt gewesen sein dürfte.

Und genau so war es, wie aus einer Stellungnahme der WGH hervorgeht. Wer den rassistischen Eintrag zu verantworten habe, könne derzeit nicht beantwortet werden und müsse jetzt ermittelt werden, so WGH-Vorstand Heinz Brockmann auf Nachfrage. „Das hat hohe Priorität“, so der Vorstand. Es gebe keine Anweisung, „Personen, welcher Herkunft auch immer, zu bevorzugen oder zu diskriminieren“, sagt Brockmann. „Von der Aussage ,Zigeunereinschlag‘ distanzieren wir uns in aller Form und werden dieses auch nicht dulden.“ Es würden „personelle Konsequenzen“ eingeleitet werden. „Wir können uns nach Kenntnisnahme dieses bedauerlichen Vorfalls nur ausdrücklich bei der betroffenen Person entschuldigen und versichern, unsere Wohnungen für alle Bevölkerungsgruppen bereitzustellen.“

Der WGH droht nun ein gerichtliches Nachspiel. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes spricht von einem „besonders krassen Fall von rassistischer Diskriminierung“, so die Einschätzung von Bernhard Franke, kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle. Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt sei gesetzlich verboten. Wer davon betroffen sei, könne vor Gericht auf Schadenersatz und Entschädigung klagen. „Ich gehe davon aus, dass die Betroffene hier gute Chancen hat, da die rassistische Einstellung der Wohnungsgenossenschaft in diesem Fall eindeutig nachzuweisen ist“, so Franke.

Die vom Bundestag beschlossene Kampfansage gegen Antiziganismus sieht vor, dass ein Expertengremium erstmals eine systematische Bestandsaufnahme aller Erscheinungsformen des Antiziganismus erarbeitet. Wie die Tagesschau in diesem Zusammenhang unter Bezugnahme auf das Bundesinnenministerium berichtete, sind politisch motivierte Straftaten gegen Sinti beziehungsweise Roma 2018 im Vergleich zum Vorjahr stark angestiegen.




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare