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Therapie? „Eher ungünstig“

Kindesmissbrauch in Lügde: Müssen die Opfer auf Hilfe warten?

LÜGDE. Nach den zahlreichen Fällen sexuellen Missbrauchs von Kindern in Lügde geht es um Täter, um Taten, um versagende Behörden. Um die Kinder, die Opfer also, geht es eher selten. Es stellt sich die Frage: Wie wird ihnen jetzt geholfen? Oder müssen sie aus therapeutische Hilfe warten, bis der Prozess abgeschlossen ist?

veröffentlicht am 05.06.2019 um 12:39 Uhr

Tatort Campingplatz: Eine aufarbeitende Therapie bei den betroffenen Kindern sehen die Ermittler bis zum Ende des Prozesses skeptisch. Foto: dpa
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Nach den zahlreichen Fällen sexuellen Missbrauchs von Kindern in Lügde geht es um Täter, um Taten, um versagende Behörden. Um die Kinder, die Opfer also, geht es eher selten. Aus sehr gutem Grund: Sie müssen vor der Öffentlichkeit geschützt werden. Dennoch stellt sich die Frage: Wie wird ihnen jetzt geholfen? Oder müssen sie – so war bereits zu hören – auf therapeutische Hilfe warten, bis der Strafprozess abgeschlossen ist?


LÜGDE. Erst Ermittlungen, dann therapeutische Hilfe. So ist es offenbar bei Eltern im Fall Lügde als Botschaft von Polizei und Staatsanwaltschaft angekommen. Ein Unding? Anwalt Roman von Alvensleben bringt aus juristischer Sicht sogar Verständnis auf: „Grundsätzlich möchten Juristen die reine und unbeeinflusste Aussage über den Sachverhalt“, sagt der Hamelner, der Opfer im Fall Lügde vertritt. Doch er stellt klar: Ob und wann eine Traumatherapie begonnen werde, „das bleibt den Eltern überlassen“.

Den betroffenen Familien sei im Rahmen von Opferschutzgesprächen „der Unterschied zwischen Stabilisierung und Aufarbeitungstherapie erläutert“ worden, erklärt die zuständige Polizei Bielefeld gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Detmold. Ein Therapie-Einstieg im Sinne einer Aufarbeitung sei „vor dem letzten Gerichtstermin insbesondere in Bezug auf die Glaubwürdigkeit beziehungsweise die Verwertbarkeit der Aussage eher ungünstig, da die Glaubwürdigkeit der Aussage angezweifelt werden könnte“, heißt es auf Anfrage dieser Zeitung.

Die Belastung für die Kinder aber sei hoch, sagt Roman von Alvensleben. Besonders wenn diese mitunter sogar „fünf-, sechsmal“ aussagen müssten, nachdem zu Beginn der Ermittlungen bei der Polizei in Detmold diesbezüglich „alles falsch gelaufen“ sei, so der Anwalt.

Wie wird nun also aktuell den betroffenen Kindern geholfen? Das lasse sich „nicht pauschal“ beantworten, sagt Elisabeth Auchter-Mainz. Die Taten, ihre Zeitpunkte, das Alter der Opfer – alles sei individuell verschieden. Auchter-Mainz, Opferschutzbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, verweist auf die psychosoziale Prozessbegleitung, „ein wirkungsvolles Instrument“, wie sie findet. In vielen Fällen seien Lügder Missbrauchsopfern nun bereits solche „fachlich ausgebildeten“ Personen „beigeordnet“ worden. Die Kosten trägt in diesen Fällen der Staat. Betreuung, Informationsvermittlung, Unterstützung soll dieses 2017 eingeführte Modell leisten. Eine Hilfe, aber „natürlich keine Therapie“, wie Auchter-Mainz einräumt.

Wenn aber Opfer, „aus der Bahn geworfen“ seien, wäre natürlich auch eine stabilisierende Therapie möglich, die schließlich in eine „be- und verarbeitende Therapie“ übergehen könne, in jene Traumatherapie also, die Juristen und Ermittler skeptisch sehen.

„Die Polizei bittet bei Therapie-Einstieg lediglich um Benachrichtigung durch die erziehungsberechtigten Personen“, heißt es vonseiten der Ermittler. Eine Meldepflicht oder gar ein Verbot existiert jedoch nicht, sagt Anwalt von Alvensleben. Aber: „Der Verteidiger könnte darauf herumreiten“ – so er denn Wind davon bekäme. Aus seiner Sicht als Vater würde er sich trotzdem um therapeutische Hilfe für sein Kind kümmern, wenn es nötig wäre, fügt der Rechtsanwalt hinzu.

Eine praktische Frage stellt sich zudem, wenn eine Therapie aus Angst, Aussagen könnten dadurch an Glaubwürdigkeit einbüßen, verschoben würde: Aufschieben bis wann? Schließlich ist der „letzte Gerichtstermin“, von dem Polizei und Staatsanwaltschaft sprechen, nicht in Stein gemeißelt, eine Revision denkbar – mit neuen Aussagen und einer erneuten Wartezeit bis zum Therapiebeginn. „Deshalb sollten die Eltern das selbst entscheiden“, findet Roman von Alvensleben.

Information

Die CDU-Fraktion im Hameln-Pyrmonter Kreistag hat im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in Lügde die Einsetzung eines externen Prüfers zur Aufklärung der Vorkommnisse im Jugendamt Hameln-Pyrmont beantragt. Diese „externe Fachperson“ müsse „mit allen erforderlichen Rechten und Pflichten gegenüber der Kreisverwaltung, der Verwaltungsführung und der Politik ausgestattet sein und Einsicht in alle Akten nehmen können, um eigene Verwaltungsermittlungen durchführen zu können“. Zudem solle dieser Prüfer auch Ansprechpartner „für die Mitarbeiterschaft des Landkreises sein, ohne dass diese dienst- oder arbeitsrechtliche Konsequenzen fürchten müssen“.

Die Kreisverwaltung ist von dem Fall betroffen, weil das Pflegekind des Haupttäters ihm vom Jugendamt Hameln-Pyrmont zugesprochen worden war, „obwohl im Jahr zuvor zwei Hinweise auf Pädophilie und drei Hinweise auf Kindesmissbrauch dem Jugendamt vorlagen“, wie die CDU in ihrem Antrag betont. Einen neuen Sachstand zum Thema soll es in der heutigen Sitzung des Jugendhilfeausschusses ab 15 Uhr im Kreishaus geben.

Der Deutsche Kinderverein kritisiert in einer Pressemitteilung „Kinderschutz-Aktionismus“ und nennt in diesem Zusammenhang als Beispiel auch die Pläne aus dem Kreishaus in Hameln, nun „Vorreiter beim Kinderschutz“ werden zu wollen. „Die Landesregierungen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wären gut beraten, in enger Zusammenarbeit mit allen Ministerien eine intensiv arbeitende multiprofessionelle Gruppe von Experten aus Praxis und Wissenschaft zur Politikberatung einzusetzen“, wird Rainer Rettinger, Geschäftsführer des Kindervereins, zitiert. „Einzelkonzepte und Aktionismus“, so heißt es in der Mitteilung weiter, „helfen den Kindern nicht, die so Leidvolles haben erfahren müssen – und sie verhindern keine Wiederholung.“

Die Ermittler versuchen derweil, weitere Täter und auch Opfer des Kindesmissbrauchs zu identifizieren. Auch eine Zusammenarbeit mit Schulen ist möglich. Dabei bekämen Lehrer Bildausschnitte gezeigt, um Opfer unter den eigenen Schülern identifizieren zu können. Gezeigt würden dabei ausschließlich Kinder, nicht aber kinderpornografische Handlungen, zitiert das „Mindener Tageblatt“ Sven Schneider, Dezernatsleiter beim Landeskriminalamt NRW. Drei Angeklagte müssen sich im Fall Lügde vor Gericht verantworten – gegen fünf weitere Beschuldigte wird noch ermittelt.

Die Schweige-Aktion zur Erinnerung an die vom Missbrauch in Lügde-Elbrinxen betroffenen Kinder findet indes künftig nicht mehr an jedem, sondern nur noch am ersten Mittwoch im Monat statt, melden die Veranstalter. Der nächste Termin ist am heutigen Mittwoch von 17.30 bis 18 Uhr neben der Hamelner Hochzeitshausterrasse.fh




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